Das Duo aus Cello und Klavier hat eine lange Tradition in der Kammermusik. Die Literatur reicht von der Barockzeit über die Wiener Klassik bis zur Romantik und Moderne – von Beethoven bis Poulenc haben Komponisten die Besetzung immer wieder neu gedacht. Seit etwas über drei Jahren tut das auch das Kölner Duo Sutter & Wangen. Über einen gemeinsamen Freund lernten sich Cellist Simon Wangen und Pianist Philipp Sutter, die beide an der Kölner Musikhochschule studierten, bei einer Videoproduktion für das Elektro-Duo Dyrtbyte kennen. „Wir hatten dann die Idee, unsere musikalische Sprache mit diesen beiden Instrumenten umzusetzen“, erzählt Wangen. „Anfangs haben wir uns regelrecht eingeschlossen und ausprobiert.“
Dieser Prozess fand im ersten gemeinsamen Projekt „Do You Believe in Spring?“ seinen Ausdruck. Es ist rastlose Musik mit tiefen Klangflächen, pulsierenden Bässen und reduzierten Grundtönen. Erzeugt wird eine eindringliche, beinahe bedrohliche Atmosphäre, die für die beiden Musiker das Gefühl der coronabedingten Lockdown-Melancholie verkörpert. „Um dieser düsteren Stimmung etwas entgegenzusetzen, ist dann auch der Titel entstanden“, sagt Wangen. Es sei ein Hinweis auf das Jazz-Album von Bill Evans „You Must Believe in Spring“.
Die Loop-Maschine als drittes Instrument
Jazz-Einflüsse finden sich genauso in der Musik von Sutter & Wangen wie Elemente der Klassik und Elektronik – oft in verfremdeter Form. Hinzu kommen Synthesizer und Loop-Maschine, ein elektronisches Gerät, das kurze Tonfragmente live aufnimmt, speichert und in einer Endlosschleife wieder abspielt. „Den Looper haben wir quasi als drittes Instrument adoptiert“, sagt Sutter. So sei es ihnen trotz der kleinen Besetzung möglich, zusätzliche Tiefe zu erzeugen.
Damit könnten visuelle Assoziationen an einsame, nebelverhangene Wälder und dunkle Winterlandschaften gemeint sein, die sich aufdrängen, wenn die Musik von Sutter & Wangen erklingt. „Wir hatten von Anfang an das Gefühl, dass unsere Arbeit gut zu bewegten Bildern passt“, sagt Wangen. Diesen Eindruck hatte offenbar auch die Kölner Filmproduktionsfirma „Gruppe 5“. Sie produziert für das ZDF die neue zehnteilige Serie „Terra X: Die Geschichte der Deutschen“. Die fünf Folgen der ersten Staffel, die bereits im November ausgestrahlt werden, führen von der letzten Eiszeit bis ins späte Mittelalter – unterlegt mit Musik von Sutter & Wangen.
Klangwelten für 220 Minuten deutsche Geschichte
Der Kontakt sei zufällig zustande gekommen, erzählt Sutter. In dem Gebäudekomplex auf dem Ehrenfelder Gelände der ehemaligen Miralux-Fabrik, der neben dem Studio von Sutter & Wangen auch Raum für Postproduktion bietet, seien zwei Folgen der Serie geschnitten worden. „Und dann hat der Komponist, der eigentlich für die Musik vorgesehen war, diesen Sommer doch keine Zeit gehabt. Und dann wurden kurzerhand wir gefragt.“
Für 220 Minuten Video müssen der Cellist und der Pianist Musik erarbeiten. Über 90 Prozent seien schon fertig, der Feinschliff stehe noch aus – so zum Beispiel für den Beginn der ersten Folge. Schauspieler Matthias Brandt besucht als Erzähler und Zeitreisender die Höhlen der Schwäbischen Alb vor rund 40.000 Jahren – einer Zeit, als es noch keine befestigten Dörfer oder Städte gab und die Menschen als nomadische Jäger und Sammler lebten.
Die Musik entwickelt sich mit der fortschreitenden Zivilisation
Zu hören sind klopfende Perkussionselemente, die von einem tragenden Bass untermalt werden, und ein schnelles Hin- und Hergleiten des Bogens auf dem Cello, das wie Trippelschritte daherkommt. Die Grundstimmung ist archaisch, hat aber zugleich etwas Erwartungsvolles. „Trommeln sind die ältesten Instrumente, die es gibt“, erklärt Sutter. „In der ersten Folge geht es um eine Flöte, die zufälligerweise erfunden wird. Also haben wir uns auch an das Instrumentarium aus dieser Zeit gehalten und echte akustische Trommeln und das Cello als Percussion-Instrument benutzt.“ Die Idee sei, die Musik am Anfang ganz roh und unbearbeitet zu lassen und die Instrumente dann mit der fortschreitenden Menschheits- und Zivilisationsentwicklung immer definierter einzusetzen.
Was künstlerisch gut klingt, muss auch zur konkreten Szene passen. Dabei geht es um Sekunden. Eine spätere Folge spielt im Jahr 1450 in der Hansestadt Lüneburg, die sich damals auf dem Zenit ihrer wirtschaftlichen und politischen Macht befindet. Das Salz hatte den Ort sehr reich gemacht. Während die Serie auf einem großen Bildschirm im Tonstudio läuft und schildert, wie das weiße Gold des Mittelalters gewonnen wird, versucht Sutter, den Schnitt einzufangen. Auf den Takt kommt es an. „Wie wär’s, wenn du ab dem Einstieg wieder rhythmisch wirst, weil wir dann schön in die Bewegung reinkommen“, schlägt er seinem Partner vor. So gießt sich die Musik in die werkenden Arme der Salinen-Arbeiter.
Keine Arbeit mit Nullen und Einsen
Eine weitere Szene zeigt eine Kaufmannsfamilie, die am Esstisch beisammen sitzt, Fleisch und Alkohol zu sich nimmt – und das, obwohl Fastenzeit ist. Mit den richtigen Beziehungen zur Kirche sei das möglich gewesen, heißt es. Sutter spielt Klavier, Wangen Cello. Die Musik ist akribisch gearbeitet und umgarnt die Szenerie.
„Gefällt mir nicht“, sagt Wangen. „Ne, finde ich zu harsch.“ Sutter macht einen Vorschlag: „Wenn ich mir was wünschen darf, dann probier doch mal mitzuzupfen – im Latin-Grooves-Takt.“ Wangen zupft. Der Charakter der Musik ändert sich. Plötzlich wirkt sie verschwörerisch. Die Redaktion habe sich ganz bewusst komponierte Musik gewünscht, sagt Sutter. Da gebe es klare Grundsätze, dass KI‑generierte Musik nicht infrage käme. „Der Rechner nähert sich dem Ganzen mit Nullen und Einsen. Man kann mit ihm natürlich den Klang eines Cellos künstlich nachahmen, aber wenn du davon zehn übereinander baust, hast du nur noch ein Gebäude aus Matsch, das nicht richtig tragfähig ist.“

