Einen Mann und eine Gitarre – mehr brauchte es nicht, um einen totalitären Staat zu stürzen. So lautet zumindest die Legende um Wolf Biermann. Dessen Lieder und Gedichte immer kämpferischer wurden, je mehr die DDR-Führung versuchte, ihn einzuschüchtern. Der vor 50 Jahren ein historisches Konzert in Köln spielte – und danach nicht wieder in die DDR einreisen durfte. Doch die SED-Führung hatte nicht mit der Wucht des Protestes gerechnet. Und erst recht nicht damit, dass dieser Protest zur Keimzelle der Bürgerrechtsbewegung in der DDR werden würde.
Jens Meurer erzählt nun – kurz vor Biermanns 90. Geburtstag – dessen Lebensgeschichte in einem Dokumentarfilm. „Eine Geisterbahnfahrt durch mein eigenes Leben“, nennt Biermann den Film. Meurer zeigt Archivmaterial, spricht mit Weggefährten wie Armin Müller-Stahl, interviewt den ehemaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck und natürlich Wolf Biermann. Ihn und seine Frau Pamela begleitet der Regisseur mit der Kamera unter anderem in ihr Ferienhaus an der Ostsee. Wir sehen ihn ein paar Runden kraulen und wie Pamela ihm im Garten die Haare schneidet, ein Lagerfeuer am Strand mit der Familie. Eine Idylle.
Meurer fährt mit ihm aber auch in die Nähe seiner früheren Ostberliner Wohnung, die in den 1960er- und 1970er-Jahren Treffpunkt für DDR-Oppositionelle, Künstler und Intellektuelle war. Dort filmt er ihn mit Blick auf die Kreuzung, wo früher die Stasi-Spitzel standen. „Ich habe immer damit gerechnet, dass sie mich umbringen, einsperren, zusammenschlagen, was weiß ich. Mich schützte nur, dass ich schon zu bekannt war.“

Wolf Biermann während seines Auftritts in der Sporthalle in Köln am 13.11.1976.
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Dass ihn sein Ruhm schützen würde – davon ging Wolf Biermann auch aus, als er 1976 zu einem Konzert nach Köln aufbrach, „in jeder Hand eine Gitarre und eine Umhängetasche mit meiner Zahnbürste“. Die IG Metall hatte ihn eingeladen. „Die Chance meines Lebens, endlich aus dem Pisspott DDR rauszukommen.“ Ob er nicht damit hätte rechnen müssen, nicht wieder reinzukommen in die DDR, fragt ihn Meurer. Klar hätten er und seine Freunde darüber nachgedacht, sagt Biermann. Aber sie hätten gedacht: „Die Genossen sind nicht so blöd. Die wissen, was das kostet.“ Die Geschichte zeigt: Die Genossen hatten die politischen Kosten für Biermanns Ausbürgerung komplett unterschätzt.
„Das war wahrscheinlich der glücklichste Tag meines ganzen Lebens“, sagt Biermann über das Kölner Konzert. Und das glaubt man ihm, wenn man die Ausschnitte sieht, die ihn anfangs ungewöhnlich verunsichert und nervös zeigen. Und dann im Laufe des Auftritts immer gelöster. Wie er im donnernden Schlussapplaus gleichzeitig weint, lacht und die Faust in die Höhe reckt. In dem Moment ahnte er noch nicht, was danach passieren würde: seine Ausbürgerung „wegen grober Verletzung der staatsbürgerlichen Pflichten“ auf Beschluss des SED‑Politbüros. Und eine Welle der Solidarität mit einer Protestresolution, die prominente DDR-Intellektuelle wie Heiner Müller, Christa Wolf und Manfred Krug unterzeichneten. Aber auch westdeutsche wie Max Frisch, Heinrich Böll (bei dem Biermann nach seiner Ausbürgerung zunächst unterkam) und Romy Schneider.
Das Kölner Konzert bezeichnet Biermann heute als „Dreh- und Angelpunkt in meinem kleinen Menschenleben“. Und wie wir heute wissen, auch ein Dreh- und Angelpunkt in der deutsch-deutschen Geschichte. Im vergangenen Jahr wurde dieses Konzert deswegen am Kölner Tanzbrunnen noch einmal gefeiert. Regisseur Meurer war mit dabei und filmte Biermann mit Künstlern wie Campino und Wolfgang Niedecken, die seine Lieder interpretierten.

Backstage v.l. Campino, Wolf Biermann, Wolfgang Niedecken, Andreas von Holst, genannt Kuddel.
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Zeigte man diesen Film Schulklassen – man könnte gleich mehrere Lektionen deutscher Geschichte damit verhandeln. Denn es gibt wohl nur wenige Biografien, die so viel über Deutschland erzählen: von einem Mann, der als Jugendlicher und flammender Kommunist freiwillig in die DDR ging. Dort alle Unterdrückungsregister des totalitären Regimes zu spüren bekam. Sich nach seiner Ausbürgerung im Westen noch einmal neu erfand und dem Kommunismus entsagte – bis hin zu einem Auftritt bei der Klausurtagung der CSU in Wildbad Kreuth 1998. Getreu Biermanns Slogan: Nur wer sich ändert, bleibt sich treu.
Biermanns Vater war Jude, KPD-Mitglied und wurde im KZ Auschwitz ermordet. Und egal ob in der Wohnung am Prenzlauer Berg oder an der Ostsee – im Film sieht man immer sein Foto im Hintergrund. „Ich war Kommunist schon im Bauch meiner lieben Mutter. Und in ihrer kindlichen Sprache wollte sie, dass ich meinen Vater räche“, erzählt er. Und auch beim Kölner Konzert war der Vater irgendwie dabei: „Da kam er mit der Auschwitz-Wolke über das Rheinland gesegelt und ist über Köln abgesprungen und hat sich in diese riesige Halle reingeschlichen. Und als ich auf der Bühne stand, um meine Lieder zu singen, gesagt: Kleiner Wolf, lass Dich nicht einschüchtern!“
Ich habe immer damit gerechnet, dass sie mich umbringen, einsperren, zusammenschlagen, was weiß ich. Mich schützte nur, dass ich schon zu bekannt war.
Dass Wolf Biermann überhaupt seinen 90. Geburtstag feiern kann, verdankt er einem mutigen Sprung seiner Mutter in den Hamburger Nordkanal. Denn das Haus, in dem die Familie wohnte, wurde 1943 bei einem Luftangriff auf Hamburg zerstört: „Ich habe mich an ihrem Hals festgehalten und sie ist mit mir durch den Kanal raus und so haben wir überlebt. Das ist der Krieg – das ist alles in meinem Gedächtnis“, sagt er und Regisseur Jens Meurer fragt aus dem Off: „Leidest Du darunter?“ „Nein, ich leide überhaupt nicht darunter“, gibt Biermann etwas barsch zurück: „Deswegen schreibe ich ja Gedichte. Deswegen wehre ich mich doch gegen die Unterdrückung und das Unrecht in der Welt.“ Und dann sagt er einen Satz, der eine Art Credo für ihn ist: „Man geht vor allen Dingen an den Schlägen kaputt, die man nicht austeilt im Streit der Welt. Weil man sich nicht wehrt. Weil man ein Feigling ist.“
Für Feigheit fehlt Biermann jedes Verständnis. Das bekamen auch die Bürger in der DDR nach dem Mauerfall zu spüren: „Wer so lange geschwiegen hat und sich gebückt hat wie ihr, der muss sich eben jetzt gefallen lassen, dass die Leute, die Profit machen wollen und die an die Geschäfte denken, Euch in den Hintern treten“, sagte er damals, nicht ohne eine gewisse Genugtuung. Wer Höflichkeit und Diplomatie will, darf ihn nicht fragen: „Auf meiner Orgel habe ich gar keine andere Registermöglichkeit. Ich kann gar nicht verschiedene Stufen der Heuchelei einstellen.“
Es war gerade dieser unbeirrbare Kampfgeist, diese schonungslose Offenheit, für die ihn Menschen in Ost und West bewundern. Doch auch wenn er im Film manchmal wie ein Messias wirkt, ist Biermann auch nur ein Mensch und ein Kind seiner Zeit. Mit einem großen Ego und einem ziemlichen Verschleiß an (Ehe-)Frauen. Seine Songs mögen für heutige Ohren gestrig klingen. Doch Zeilen wie „Du, lass Dich nicht verhärten in dieser harten Zeit“ sind wieder erschreckend aktuell.
Der Dokumentarfilm „Biermann“ kommt am 29. Oktober 2026 in die Kinos. Seine NRW-Premiere feiert er am 22. Oktober, 19.30 Uhr, im Rahmen des Film Festival Cologne im Filmpalast. Dort zeigt das Festival den Film erneut am 30. Oktober um 16.15 Uhr. Am Mittwoch, 21. Oktober, 20 Uhr, spielt Biermann in der Kölner Philharmonie das Konzert „Wolf Biermann und Freunde“. Zu Gast sind unter anderem Bundespräsident a. D. Joachim Gauck, der die Festrede hält, die WDR-Ikone Carmen Thomas und der Schauspieler Burghart Klaußner.

