Das war kein gediegen-distinguierter Klassik-Auftritt, sondern ein Sturmwind, der beim jüngsten Gürzenich-Konzert durch die Kölner Philharmonie fegte. Barfuß und mit weltumarmenden Begeisterungsgesten eilte da die russische Cellistin Anastasia Kobekina aufs Podium, um in ihrem Debüt mit dem stadt-kölnischen Klangkörper unter dem illustren Gastdirigenten Riccardo Minasi Schumanns a-Moll-Konzert zu spielen. Keine Frage, jetzt hat auch das Cello eine Ausnahmekünstlerin, wie es Patricia Kopatchinskaja für die Violine ist.
Gleich die erste Kantilene nach den vier Vorhangtakten des Orchesters offenbarte eine kaum zu bändigende Intensität und Gewalt, einen Überschwang des Expressiven, der sich auch um metrische Exaktheit wenig kümmert, der in der körperlichen Attacke aufs Instrument das Holz hören lässt, wo alles glüht und blüht und nichts gleichgültig bleibt. Die Sext- und Septimensprünge – großartig in der inwendigen Spannung. Eine Kehrseite gibt es freilich auch. Das ist eine forcierte Neigung zum Skurrilen, zum Extrem-Exzentrischen, wo Portamenti und Rubati schon manieristisch kommen, die Erhitzung übertrieben und künstlich wirkt.
Kalt ließ diese Performance niemanden
Wie auch immer: Kalt lässt – die begeisterte Reaktion des Publikums bewies es – so eine Performance so leicht niemanden. Das schloss die tamburin-begleitete Zugabe ein, eine Galliarda, die, wie sie erzählte, Kobekinas Vater für die Tochter komponiert hatte.
In dem Italiener Minasi am Pult hatte Kobekina einen Spannmann, der aus einem ganz ähnlichen Ansatz und Impuls heraus Musik macht. Dies zeigte gleich die Eröffnung des reinen Schumann-Programms mit der „Manfred“-Ouvertüre (laut Programmheft spielte das Gürzenich-Orchester das schöne Stück zuletzt, kaum zu fassen, vor 70 Jahren unter Günter Wand). Schumann war von Haus aus kein Opernkomponist, ließ es diesbezüglich mit einem einzigen Versuch, der „Genoveva“, bewenden. Aber unter Minasis Händen wurde er es hier, bei diesem instrumentalen Vorspruch zum „Dramatischen Gedicht“ nach Lord Byron, noch im Nachhinein. Das klang nach Rezitativ und Szene, nach Auflehnung und Katastrophe, alles getriggert durch ein nervös-erhitztes, sich auch an den Details verausgabendes Dirigat.
Im Ergebnis konnte man das durchaus goutieren, zumal sich das Orchester am Sonntagmorgen von seiner besten Seite zeigte. Aber hier deutete sich an, was in der abschließenden zweiten Sinfonie vollends zu Tage trat: Druck und Ekstase sind nicht alles, da bleibt dann einiges auf der Strecke. Es gab zweifellos großartige Stellen, etwa die eindringlich zelebrierten Vorhalte im langsamen dritten Satz – mit den exzellenten Soli von Flöte, Oboe, Klarinette.
Manches hingegen kam leicht zerfahren, und den Geigen wuchs unter dem permanenten hochenergetischen Input eine stählerne Härte zu, die man von ihnen so gar nicht gewohnt ist. Klar, da wurde der Beifall, der dann auch werkzersplitternd notorisch zwischen den Sätzen aufbrandete, geradezu herbeidirigiert und -gespielt. Das alles war irgendwie imposant, aber auch immer wieder auf eine fast ordinäre Weise plakativ.

