Köln – Es ist der Super-Gau im Konzert und dürfte der Albtraum eines jeden Dirigenten sein – den Christoph Spering jetzt in der Kölner Philharmonie als Realität erlebte: Mitten im vierten Satz von Beethovens neunter Sinfonie, kurz vor der Chorreprise des Freudenthemas, erlitt ein Chormitglied einen Kreislaufkollaps und musste von ärztlichen Sangesbrüdern in den Backstage-Bereich geleitet werden.
Spering reagierte freilich keineswegs panisch, sondern ziemlich cool: Er brach ab, begab sich selbst ins Off, kam mit beruhigender Nachricht wieder – und drückte für das Finale einfach auf „Reset“. Das frommte der Aufführung insofern, als ein Neustart bei einer Formzäsur irgendwo in der Mitte das Erlebnis der Satzarchitektur unweigerlich ramponiert hätte.
Auf der anderen Seite zählt die Neunte auch nicht zu jenen Werken, die man am selben Abend gleich zweimal hintereinander hören möchte – dagegen spricht die Überlast von Musik und Aussage. So gab es – diesbezüglich waren Spering und die Seinen nur zu bedauern – an diesem Abend lediglich mehrere schlechte Lösungen des Problems.
Manches geriet unter die Räder
Warum dem Sänger unpässlich wurde? „Vielleicht wegen der Tempi“, mutmaßte der Dirigent mit leichtem Augenzwinkern. Deren straffe Zügigkeit – auch das Instrumentalrezitativ zu Finale-Beginn wurde strikt a tempo genommen – war in der Tat bemerkenswert und lieferte bereits einen Hinweis auf die Generallinie der Interpretation: Da ging es nicht um wohliges Sentiment, längst vernutzte Botschaften oder gehobenen Weiheton, sondern um Drama und Konflikt, im Hier und Jetzt gestaltet. Entschieden wurde diese Wirkung durch den geschärften, aufgerauten Klang der alten Instrumente des „Neuen Orchesters“ befördert. So konnte man etwa im ersten Satz aus der Tiefe der Partitur endlich mal jene rhythmisch aggressiven Hörner-Attacken hören, die bei „netteren“ Aufführungen durchaus untergebuttert werden.
Manches geriet freilich unter die Räder einer dann doch zu lapidaren Abwicklung. Der Verzicht auf das früher übliche Wohlklang-Schaumbad im langsamen Variationensatz in Ehren – aber wenn da eine Phrase nach langer Reise endlich zur Tonika-Basis zurückkehrt, dann sollte darüber nicht gar so umstandslos hinweggespielt werden. Und immer wieder erzeugten kleinere Spieldefizite Inhomogenitäten, Rutsch- und Sfumato-Effekte, die bis zum Schluss einer vollends konzisen und im besten Sinne durchschlagenden Gesamtwirkung im Weg standen.
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Sperings Chorus musicus allerdings stellte im Finale wieder einmal eindrucksvoll heraus, dass er zu den besten einschlägigen Ensembles der Region gehört. Die Formation hat einen gesunden, kraftvoll-kernigen, eng an die gesungene Sprache gebundenen Grundklang, der bei Frauen wie Männern bis in die Region der hohen A’s und B’s hinein souverän trägt. Da langt er zu wie in der kommoden Mittellage, da gibt es kein ängstliches Ausfransen und verdünnte Präsenzen. Manchmal kommt der „Angriff“ mit schon brutaler Wucht und Härte.
Erfreulich werk-, stil- und rollenangemessen auch die Solisten Yeree Suh (Sopran), Charlotte Quadt (Alt), Sebastian Kohlhepp (Tenor) und Tobias Berndt (Bass). Berndt brachte im Rezitativ übrigens eine überraschend (aber nicht unwillkommen) lyrisch-unheroische Farbe ein.

