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Kölner PhilharmonieStargeiger Daniel Hope Die Poesie des ganz Leisen

3 min
Porträt Daniel Hope

Der Stargeiger Daniel Hope

Im Kölner Meisterkonzert trifft Daniel Hope auf den vergessenen Virtuosen Bologne.

Als „Sonata mulattica“ bezeichnete Beethoven einmal in einem Anfall von fröhlichem Rassismus sein heute als Kreutzer-Sonate firmierendes Werk. Tatsächlich war diese ursprünglich für den afro-europäischen Geigenvirtuosen George Bridgetower bestimmt gewesen. Im 18. Jahrhundert hatte dieser bereits einen Vorgänger gehabt – den aus Guadeloupe stammenden Joseph Bologne, Chevalier de Saint-Georges, der als Geiger, Fechter und Armeeoffizier im vor- und nachrevolutionären Paris Furore machte. Als wandelndes exotisches Weltwunder wurde er von den Zeitgenossen bestaunt wie ein Elefant oder Dromedar (Stephen Williams verarbeitete Motive dieses abenteuerlichen Lebens 2022 in dem spektakulären Kostümfilm „Chevalier“).

Der Künstler komponierte zum eigenen Gebrauch auch Violinkonzerte, von denen der Stargeiger Daniel Hope jetzt mit dem Zürcher Kammerorchester im Kölner philharmonischen Meisterkonzert aufführte. Weil das Werk in einem vom frühen Mozart dominierten Umfeld platziert war, drängte sich ein Vergleich mit dem Salzburger zwanglos auf – zumal Bolognes finales Rondo eine Alla-Turca-Episode enthält, die doch sehr an die einschlägige Passage im Violinkonzert KV 219 erinnert. Insgesamt antizipiert der Satz in den technischen Anforderungen schon das französische Virtuosenkonzert nach der Jahrhundertwende, wiewohl Harmonik und Satzanlage vorklassischen Mustern verhaftet bleiben. Es gibt ein paar hübsche melodische Einfälle, aber insgesamt kocht der Geiger-Fechter – es hilft ja nichts – nur mit Wasser.

Hope mit spielerischer Verve

Hope konnte das freilich mit spielerischer Verve, mit schönen Abstufungen, zugleich aber auch mit der performativen Absage an ein allzu glatt-gefälliges Spiel nahezu vergessen machen. Wenn diese Musik auf einen herausragenden Interpreten trifft, dann – aber eben auch nur dann – vermag sie durchaus einen vitalen Charme zu entfalten. Im Mittelsatz entwickelte sich bestrickend eine Poesie des ganz Leisen, und in der Kadenz entlockte Hope seinem Instrument Flötentöne wie aus ganz weiter Ferne. Die begaben sich dann noch in einen so sicher nicht geplanten Dialog mit einem im Publikum aktiv gewordenen Handy. Da ließ auf einmal John Cage grüßen. Mozart, vom mikrobewehrten Kommunikationsgenie Hope wiederholt in den höchsten Tönen gepriesen, stellte dann Bologne tatsächlich bereits mit seinem ersten Violinkonzert KV 207 in den Schatten (1778 wohnten übrigens beide eine Zeit lang im nämlichen Pariser Haus). Schön gelang dem Solisten hier zumal der Mittelsatz mit reich phrasierter, fragiler Melodik, teils hart am Rand des Zerbrechens.

Jenseits der Konzerte präsentierte der illustre Schweizer Klangkörper mit Hope als Konzertmeister Orchesterwerke von Mozart, Gluck und Haydn. Mal mit und mal ohne Bläser, mal mit und mal ohne Cembalo (nach welchen Kriterien eigentlich?). Um zumal in den Streichern auf die gewohnte Spielhöhe zu kommen, brauchten die Gäste indes eine Weile. In der Ouvertüre zu „La finta giardiniera“ war sie jedenfalls noch nicht erreicht. Der Furientanz aus „Orphée et Eurydice“ geriet dann aber auch dank des klirrenden Sul-ponticello-Spiels zu einem suggestiven Höllenritt.

Daran anknüpfend, brannte auch die finale Haydn-Sinfonie „La passione“ zwischen verhaltener Düsternis und gekonnt entfesselter Hetze wie ein Feuerwerk ab. Wie im zweiten Satz der Agitato-Puls der Achtel die Musik immer wieder sozusagen aus ihrem selbstgeschaufelten Grab herausholte, das hatte schon eine bemerkenswerte Klasse. Als Zugaben setzte es, erneut sehr inspiriert, nochmals Mozart – mit dem Finale aus der Sinfonie KV 201 und dem Mittelsatz aus dem Streicher-Divertimento KV 138.