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Lahav Shani in KölnKonzert mit Münchner Philharmonikern verläuft ohne Proteste

4 min
Ein Dirigent bedankt sich beim Publikum.

Lahav Shani, designierter Chefdirigent der Münchner Philharmoniker.

In der Philharmonie geriet Politik angesichts einer weithin überzeugenden künstlerischen Leistung von Orchester und Dirigent schnell in den Hintergrund.

Die Zeichen scheinen auf Abrüstung zu stehen: Diesmal gab es, anders als im November, beim Konzert des israelischen Dirigenten Lahav Shani in der Kölner Philharmonie zwar noch Polizei, aber keine Proteste im Saal mehr und auch keine aggressive Anti-Israel-Demo vor dem Haus. Stattdessen hatte sich am Mondial-Hotel sogar eine kleine Pro-Gruppe mit Davidsstern-Fahnen versammelt.

Woran es lag? Vielleicht daran, dass der aktuelle Gaza-Krieg „nachgelassen“ hat – um es einmal so zu sagen. Oder dass diesmal Shani kein israelisches Orchester leitete, sondern die Münchner Philharmoniker, also eine „urdeutsche“ Formation. Im Übrigen bringt es die mediale Aufmerksamkeitsökonomie mit sich, dass der Skandal von gestern (mit Shanis Ausladung beim Musikfestival in Gent) schon heute keiner mehr ist.

Wann ist Boykott angemessen?

Das Problem als solches schwärt freilich fort. Warum musste Valery Gergiev, Shanis Vorgänger auf dem Chefposten der Münchner, nach Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine gehen, während Boykotte oder Boykottdrohungen gegen israelische Künstler im Zuge des Gaza-Bombardements auf die mehr oder weniger einhellige Empörung der Kultur-Community stoßen? Klar, die Dinge kann man nicht gleichsetzen: Während der Putin-Buddy Gergiev sich als getreuer Vasall seines Herrn gebärdete, sind von Shani Lobpreisungen der Netanjahu-Regierung nicht bekannt. Sicher kann man erwägen, ob er nicht ein bisschen kräftiger seine Stimme gegen die Kriegsführung seines Landes hätte erheben können. Aber wo, bitte schön, verläuft da eine rote Linie – und wer legt sie fest?

Im Saal selbst wich die Beklemmung, die hier und da vorhanden gewesen sein mochte, rasch im Angesicht einer weithin überzeugenden und auch in Bann ziehenden künstlerischen Leistung. Shani ist kein Pult-Diktator, sondern Anreger und Inspirator, der, mit freilich genauem Klang- und motivischem Detailsinn, Energien freisetzt. Das zeigte sich gleich beim rhythmisch befreiten, sozusagen schlendernden Flötensolo mit dem chromatisch ab- und aufsteigenden Kernmotiv zu Beginn von Debussys „Prélude à l´aprés-midi d´un faune“. Seinem Orchester entlockte Shani jedenfalls eine dramaturgisch angemessene Darstellung zwischen Spannung und Lösung, Ruhe und Bewegung, nicht flächig, sondern sehr ereignishaft im Duktus – und mit einer bemerkenswerten Klarheit und Trennschärfe der Instrumentalregister. Typisch französisch eben.

Schwächen bei Mozarts Klavierkonzert

Dass die drastische Reduktion des äußeren Apparats auch Schwächen aufzudecken vermag, zeigte das anschließende späte Mozart-Klavierkonzert KV 595, bei dem Shani vom Flügel aus als Pianist und Dirigent wirkte. Diese an sich eindrucksvolle Personalunion bekam dem Ganzen nicht rundum: Der Abstand zwischen den teils etwas grob (Hörner!) intonierenden Bläsern und dem Klavier schien zu groß, um zumal in den Dialogpartien eine vollends reibungslose Koordination und Klangbalance zu gewährleisten, während sich die melodieführenden ersten Violinen den einen oder anderen Patzer leisteten.

Als Solist stellte Shani in sympathischer Selbstzurücknahme den introvertierten, lyrischen Charakter des Werkes heraus – beim jeweils folgenden Tutti musste er, um des Guten nicht zu viel zu tun, wiederholt Gas geben. Im Finale ging es aber deutlich munterer als im ersten Satz zu, und der Mittelsatz erklang mit jenem verhaltenen Choralton, der hier in jeder Hinsicht angezeigt ist – wobei Shani aber zu Recht darauf verzichtete, in jedem Takt gleichsam die Totenhand winken zu lassen.

Auswendig dirigierte Tondichtung von Schönberg

Gut gefüllt war das Podium dann wieder bei Schönbergs früher (also noch spätestromantischer) Tondichtung „Pelleas und Melisande“. Shani dirigierte das Stück auswendig – was an sich Bewunderung verdient, denn die Dichte der Partitur ist atemberaubend, da gibt es kaum eine „freie“, also thematisch nicht gebundene und „legitimierte“ Note. Da setzte es stellenweise auch ordentlich was auf die Ohren, ohne dass allerdings der Sound der Münchner darüber fett oder wattig wurde.

Die oppositionelle Aufstellung von Kontrabässen und Blech etwa trug zweifellos das Ihrige zu Klarheit und Durchhörbarkeit bei. Schmerzhafte Aufgipfelungen (mit folgender Ermattung) und „süffige“ Kantabilität fanden hier jedenfalls in gleicher Weise beredte Anwälte. Wer sich übrigens an eine gute „Tristan“-Aufführung erinnert fühlte, wurde keineswegs Opfer einer Verirrung. Schließlich kehrt die tragische Dreier-Konstellation von Wagners Musikdrama hier unüberseh- und -hörbar wieder.