In „Eine Show halt“ treibt ein Kölner Comedy-Kollektiv klassische Sketchkunst in die Gegenwart. Für das neue Programm „Angst, Angst, Angst, Angst“ geben sie den kleinen, manchmal absurden Ängsten eine große Bühne.
Kölner Sketchshow „Eine Show halt“Theater-AG nach der Schule

Sie machen „eine Show halt“: Miguel Robitzky (v.l.), Leah Sartoris, Carolin Worbs, Susi Bumms und Magnus Paul.
Copyright: Paul Herzhoff
Carolin Worbs kommt mit frecher Kurzhaarfrisur, einem Apfel in der einen und einer Kaffeetasse in der anderen Hand auf die Bühne. Sie zischt mehrfach ins Publikum. „Scht! Ruhe! Das geht von eurer Zeit ab.“ Ihre Rolle: eine Lehrerin, die heute das Buch, das sie liest, in der 6b vorstellen will. „After Passion“, ein Dark-Romance-Roman mit viel Sado-Maso. „Ihr wisst nicht, was das heißt?“, sagt sie zu ihrer Klasse. „Dann googelt das jetzt alle mal auf euren iPads.“ In einem anderen Sketch ist das Sams in Berlin zum erfolgreichen DJ geworden, trägt eine Lederjacke und präsentiert neben einer Modenschau sein Outfit in den sozialen Medien. Und in ihrer neuen Show hat sich das Ensemble überlegt, wie zwei Großtanten auf einer Hochzeit das Essen kommentieren. Sie kommentieren es wie ein Fußballspiel. Statt „Tor“ brüllen sie „Mayo“.
In „Eine Show halt“ geht alles rasend schnell und wirkt manchmal auch ziemlich abstrus. Die Sketche und Szenen erzählen vom Scheitern des Geburtstagsclowns vor dem gefürchtetsten It-Girl des Kindergartens, von den traurigen Resten der einstigen Wilden Kerle in der Ehetherapie und eben vom Deutschunterricht einer alternden Lehrerin mit einem Faible für SM‑Literatur. Am 12. September spielt das Ensemble sein neues Programm „Angst, Angst, Angst, Angst“ im Comedia Theater in Köln.

Am liebsten seien ihm die Sketche, bei denen sie alle auf der Bühne stehen, sagt Magnus Paul (r.).
Copyright: Paul Herzhoff
Das Kölner Kollektiv besteht aus Carolin Worbs, Miguel Robitzky, Susi Bumms, Leah Sartoris und Magnus Paul, dem einzigen Berliner in der Gruppe. Sie arbeiten in unterschiedlichen Bereichen der Unterhaltungsbranche, von Fernsehen über Podcast bis hin zu Musik und sozialen Medien. Dort haben sie sich kennengelernt. Onlinefreundschaften vor dem Kennenlernen in echt. Seit vier Shows spielen sie zusammen.
Was sie vereint, ist eine große Faszination für die alte Medienwelt, sagt Robitzky: „Wir haben da alle ein großes Know-how. Wir wollen alte Showbusiness-Traditionen wahren und versuchen, diese mit zeitgeistigen Themen weiterzuführen.“ Von Sketch-up über Klimbim bis Loriot: Mit der Geschichte des Humors im Fernsehen hat sich das Ensemble intensiv auseinandergesetzt.
Eitelkeiten, Aneinander-vorbei-Reden und Versagen
Ihre Sketche schreiben und spielen sie selbst. Am Anfang zählt Quantität, so Sartoris. Viel sei auch einfach Schreiben für die Tonne. Auch wenn sie über die letzten zwei Jahre ein höheres Schreibniveau erreicht hätten, fliegt trotzdem noch ein Sketch beim Probenwochenende raus. Auch dann noch, wenn er bei den Leseproben gut angekommen sei. „Je öfter wir das machen, desto weniger schmerzhaft wird es“, sagt die Autorin. Schwer falle es ihnen trotzdem.
Sie alle hat der Wunsch nach einem Raum verbunden, Sketche zu spielen, ohne einem Algorithmus oder einem Sender unterlegen zu sein. „Um Sachen auf der Bühne auszuprobieren, gibt es Stand-up-mäßig wahnsinnig viel Fläche, und für Impro-Comedy auch, aber eben für alles andere nicht. Da haben wir gedacht, wir machen das einfach selbst und machen das mit Leuten, die wir mögen, die wir lustig finden“, sagt Worbs. Ihre Show besteht aus Parodien, exzentrischen Charakteren, Gesangs- und Tanznummern, und ganz klassischen Sketchen. „Wir schreiben Sketche über menschliche Eitelkeiten, Aneinander-vorbei-Reden und professionelles Versagen“, sagt Susi Bumms. Alles in einer Stunde.
Ihre Show sei die Antwort auf die Frage, wo man nach dem Ende der Theater-AG weiter Theaterspielen und das finden könne, was einen solchen Raum ausmache. „Miguel kann White Christmas schnalzen, solange er möchte, und keiner sagt Stopp. Magnus spielt das ‚It-Girl‘ im Kindergarten, Susi singt davon, wie sie Weihnachten nach Hause kommt“, sagt Worbs. Der Referenzrahmen ihrer Figuren und Sketche sei so spitz, dass sie woanders nicht unbedingt stattfinden oder funktionieren würden. Manche ihrer Sketche sind nicht für einen akuten Lachimpuls geschrieben, sondern wagen sich an Emotionen, die nicht in einem schallenden Schenkelklopfer enden müssen.
Carolin Worbs, Miguel Robitzky und Leah Sartoris arbeiten zusammen beim „ZDF Magazin Royale“. Magnus Paul tritt mit seiner Comedy sonst auf TikTok auf. „Eine Show halt“ ist für das Kollektiv auch Probierfläche für Charaktere, die dann ihren Weg ins Fernsehen oder in die sozialen Medien finden. „Oder auf die Familienfeier. Wenn das richtig gut funktioniert“, sagt Bumms.
Angst, Angst, Angst, Angst
Auf der Bühne durchbrechen sie immer wieder ihre eigenen Schamgrenzen. Nach vier gemeinsamen Shows und einer „Bildungsreise“ zu einem Comedy-Festival in Schottland seien inzwischen auch die Hemmungen gefallen. Inzwischen bellen sie auch auf der Bühne. Die unangenehmste Phase vom ganzen Prozess sei die Generalprobe, sagt Worbs: „Weil wir die Sketche spielen, die wir schon tausendmal gespielt haben und selbst nicht mehr lachen. Und in einem leeren Theater diese Sketche stumm zu spielen, der einzige Zeuge oder die einzige Zeugin ist eine Lichttechnikerin, die sich aufs Licht konzentriert und auch nicht lacht.“ Da zweifeln sie schon einmal, ganz kurz, an der Show. Sobald es dann wirklich losgehe und der erste Lacher im Raum sei, sei das dann wieder vergessen.
Zwei Jahre haben sie ihre Shows vor kleinem Publikum getestet. Jetzt wollen sie mit ihrer Show in die große, weite Welt. Neben Köln stehen nun auch Düsseldorf und das Reeperbahn-Festival in Hamburg auf ihrer Liste. Nach zwei Jahren haben sie ein Grundgefühl für die Show bekommen. In verschiedenen Kölner Spielstätten haben sie schon gespielt, aber als sie das erste Mal im Theater gespielt haben, ist ihnen klar geworden: „Ach so, das ist eine Theatershow“, sagt Robitzky.
Für ihr neues Programm haben sie ein Leitthema: „Angst, Angst, Angst, Angst“. Es sind die unkonventionellen Angstorte, die sie bespielen, wie zum Beispiel Dating-Apps oder der Zoo für Enten, die Angst haben, die langweiligsten Tiere dort zu sein. Die großen gesellschaftlichen Ängste gingen auch an ihnen nicht spurlos vorüber, sagt der Magnus Paul: „Wir wollten uns für die Show eher mit kleineren Alltagsängsten auseinandersetzen und denen mal eine Bühne geben.“ Im Dezember stehen sie wieder auf der Bühne, dieses Mal aber nur in Köln. Sie legen wieder ihre Weihnachtsshow aus dem letzten Jahr auf.
Aufführungstermine: In Köln ist die Show am 12., 13. und 14. September um 20 Uhr im Comedia Theater zu sehen. Am 19. September gastiert das Ensemble im Rahmen des Reeperbahn-Festivals in Hamburg. Am 27. Oktober steht das aktuelle Programm im Zakk in Düsseldorf auf dem Spielplan.
