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Kölner Tänzerinnen„Die Ballettwelt ist unfair und rassistisch“

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Jemima Rose Dean (l.) und Clara Sorzano vom Kölner Ballet of Difference  

Köln – Clara Sorzanos Tochter ist jetzt vier Jahre alt. „Sollte sie einmal Tänzerin werden wollen wie ihre Mutter“, sagt Sorzano, „werde ich sie unterstützen. Aber gefallen würde mir das nicht.“ Sorzano ist in Caracas, Venezuela, geboren. Ihre Mutter hatte sie zum Ballettunterricht geschickt. Ein Hobby, aus dem schnell mehr wurde. Ihre Schule wählte sie dazu aus, nach Mexico City zu gehen und dort unter kubanischen Ballettmeistern und -meisterinnen zu lernen.

Sie war 12, und „da wusste ich, dass ich Tänzerin werden wollte“. Die Mutter war dagegen. Die Geschwister hatten studiert, waren Ingenieure oder Anwälte geworden. Etwas Solides. Man fand einen Kompromiss, Sorzano studierte neben ihrer Tanzausbildung. Bis sie diese völlig vereinnahmte. Seit ihrem 24. Lebensjahr arbeitet sie als Tänzerin in Europa, zuletzt als Solistin beim Ballett Dortmund. Seit dieser Spielzeit gehört sie zum Ensemble von Richard Siegals Kölner Ballet of Difference (BoD).

Jemima Rose Dean aus der westaustralischen Stadt Bunbury gehört dem BoD bereits seit 2017 an. Sie ist hier glücklich. Das war vorher nicht immer so. Trotzdem denkt sie daran, sich über kurz oder lang vom Tanz zu entfernen. Demnächst wird sie auf einen Bauernhof in Belgien ziehen, ein Wild Farming-Projekt an der Grenze zu Frankreich.

Mit 15 durch Europa touren

Auch Dean wusste früh, was sie werden wollte. Freilich waren die Möglichkeiten in West-Australien nicht weniger begrenzt als in Venezuela. Mit 15 reiste sie deshalb auf Vorsprech-Tour durch Europa, mit 16 hatte sie Vollstipendium an der Tanz Akademie Zürich ergattert.

Keine der beiden Tänzerinnen bereut ihre Berufswahl. Tanz ist ihre Leidenschaft, ihre erste Liebe, ihr Leben. Aber die Opfer sind groß.

„Die Tanzwelt ist nicht leicht und nicht fair“, zählt Sorzano auf, „es gibt viel Diskriminierung, viel Fremdenfeindlichkeit und viel Sexismus. Ich bin eine schwarze Ballerina, ich habe das alles erlebt. Du kannst die schlechteste Tänzerin der Welt sein – so lange du dem Stereotyp entsprichst.“

Nur blonde Mädchen in „Schwanensee“ 

Aber woher kommt dieses stereotypische Bild? „Aus der Gesellschaft. Und in der geben weiße Menschen den Ton an. Das Ballett ist europäisch, weiß. In all den Märchen, die da getanzt werden, flehen doch weiße, blonde Mädchen Männer um Hilfe an. Ich wurde immer als jemand Exotisches besetzt, ich durfte nie die Prinzessin in „Schwanensee“ sein.“

Dass die Welt des klassischen Balletts sehr restriktiv, diskriminierend und rassistisch sei, kann Jemima Rose Dean nur bestätigen. „Außerdem wird mir, je älter ich werde, umso mehr bewusst, wie viel von meinem Leben von diesem Beruf und dieser Kunstform aufgesaugt wurde. Meine Kindheit, meine Teenagerjahre sind in Richtung Tanz umgelenkt worden. Ich hatte keine normale Kindheit, war als Teenager schon im Beruf. Und dann gehen wir mit 30, 40 in eine Art Rente. Das ist eine sehr andere Art zu leben.“

Wie anders ist das Ballet of Difference?

Aber wie anders ist das Ballet of Difference? „Wir sind eine sehr unabhängige Gruppe starker Persönlichkeiten“, schätzt Dean. „Wir haben nicht nur wunderbare Tänzer, wir unterstützen uns auch gegenseitig. Und so eine kollegiale Umgebung erschafft einen Ort, an dem Individualität aufblühen kann. Ich würde nie wieder zu einer Compagnie wechseln, in der ich nicht von Anfang an so akzeptiert werde wie ich bin und wie ich lebe.“

Für sie, sagt Sorzano, ist das BoD das erste Arbeitsumfeld, in dem man sich derart gegenseitig unterstützt. „In den anderen Compagnien ging es vor allem ums Eigeninteresse. Wir waren immer getrennt und haben alleine um unsere Rechte gekämpft. Das traf auch auf mich zu. Gibt es im Ballet of Difference ein Problem, setzen wir uns alle zusammen und versuchen, es als Gruppe zu lösen. Das ist wunderschön.“ 

Das läge auch daran, dass fast alle Tänzerinnen und Tänzer des Kölner Ensembles Überlebenskämpfe in der Ballettwelt ausgefochten haben. Ihre Erfahrungen, Frustrationen und den Willen, es anders zu machen, mitgebracht haben. „Tänzer schweigen oft, weil sie Angst davor haben, übergangen oder gekündigt zu werden“, sagt Sorzano. „Wir nennen die Dinge laut beim Namen. Wir haben hier keine Angst mehr.“

Ob sich das auch im Tanz ausdrückt? Absolut, denkt Dean: „Ich werde hier nicht in eine vorgefertigte Form hineingepresst. Ich kann mich selbst trainieren, meine eigenen Interpretationen abliefern.“ Bei neuen Stücken erschaffe man als Tänzer die Choreografie mit, kann man sich, seine Fähigkeiten und seine Persönlichkeit, in die Arbeit einbringen. Wer mehr als einen BoD-Abend erlebt hat, glaubt die einzelnen Tänzerinnen und Tänzer bereits zu kennen.

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Verändern sich Siegals Choreografien mit den neuen Tänzern? Doch, ein Stück verändere sich mit jeder neuen Person, die eine Rolle übernimmt, sagt Jemima Rose Dean. „Aber nicht zu sehr. Richard ist es wichtig, nah am Original zu bleiben. Wir checken also immer wieder die Videos der Originalchoreografie. Da geht es zum Teil um die Stellung des kleinen Fingers.“ Dean ist mit vielen der ehemaligen Ensemblemitglieder gut befreundet. Das führt zu ungewöhnlichen Begegnungen: „Ich kann sie in ihren Bewegungen spüren. Ah, das ist Katja! Das ist Diego! Es ist, als könnte ich sie sehen.“

Jemima Rose Deans Traum ist ein Tanzort auf dem Land. Ein Ort, den sie Tänzern und Choreografen zur Verfügung stellen würde, die sonst auch in der Ballettwelt benachteiligt werden, Frauen, queere Künstler, People of Color. „Ich glaube der kreative Prozess wird von dem geschäftigen Treiben einer Stadt eher behindert, ich schöpfe meine kreative Kraft aus der Stille, in der Natur.“

Gegen Body-Shaming im Ballett

Dass man in einer besseren Umgebung ein besserer Tänzer werden kann, glaubt auch Clara Sorzano. Sie hat zusammen mit ihrem Mann eine Tanzschule in Dortmund eröffnet, unglücklicherweise direkt vor der Pandemie. Die ist für sie ein Ort der Utopie, denn wenn man die Ballettwelt verändern wolle, müsse man mit den Kleinen anfangen – und mit den Lehrern: „Body-Shaming und Rassismus habe ich schon mit neun Jahren erlebt. Oft rührt diese Gewalt von den Frustrationen unserer Lehrer her.“

Disziplin und eine gewisse Härte seien nötig, wenn man Balletttänzer werden will. „Aber dazu gehört sicher nicht, jemanden für Dinge fertigzumachen, die er oder sie nicht ändern kann. Damit schafft man nur Performerinnen, die emotional gestört sind. Und daher rührt diese eifersüchtige, selbstsüchtige und wettbewerbsorientierte Ballettwelt.“

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