Kultautor Bret Easton Ellis in Köln„Eine Vagina ist keine Handtasche der Liebe“

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Bret Easton Ellis, US-amerikanischer Schriftsteller, sitzt bei einer Lesung beim Literaturfestival lit.Cologne auf der Bühne der Nippeser Kulturkirche. Er trägt ein schwarzes Sweatshirt mit Kapuze.

Bret Easton Ellis während seines Auftritts auf der lit.Cologne

Kaum ein Autor polarisiert so stark wie der US-Amerikaner Bret Easton Ellis. Mit seinem neuen Roman „The Shards“ kam er jetzt nach Köln. Ein Gespräch. 

Bret Easton Ellis lümmelt sich ganz entspannt auf dem Sofa in der Suite des Dorint Hotels. Er blickt auf den verregneten Kölner Morgen. Immerhin, so ein Wetter kenne er sonst gar nicht. Am Abend zuvor ist er aus Los Angeles angereist. Im Gepäck hat er seinen neuen Roman „The Shards“, seinen ersten seit 13 Jahren. Warum es so lange gedauert hat, warum er seine Zeit als Drehbuchautor in Hollywood bereut und warum er sich bei seinen alten Schulfreunden entschuldigen will, das alles erzählt er in derselben unverblümten Offenheit, die auch sein Werk auszeichnet. Außerdem: Wie man gute Sexszenen schreibt.   

Bret Easton Ellis, „The Shards" ist Ihr erster Roman seit 13 Jahren. Sie sagen, Sie können nur schreiben, wenn Sie den Impuls dazu spüren. Anders als etwa Stephen King, der seit Jahrzehnten ununterbrochen produziert?

Ja, das muss eine Art Besessenheit sein, die Stephen King dazu bringt, zwei, drei, vier Romane pro Jahr zu schreiben. Ich wünschte, ich könnte das. Ich liebe den Akt des Schreibens. Aber der Impuls war lange nicht da. Ich glaubte stattdessen, die TV-Miniserie sei der neue Roman. Ich wollte also Filme oder Serien schreiben und Regie führen. Deshalb bin ich nach LA gezogen und habe 15 Jahre meines Lebens in Hollywood verschwendet. Davon ist nichts geblieben, außer 20.000 Drehbuch-Seiten, die nie jemand sehen wird.

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Aber wann und auf welche Weise kam dann doch noch der Impuls zu „The Shards“?

Ich denke schon seit 40 Jahren über dieses Buch nach. Den Plot habe ich bereits 1982 skizziert. Aber ich konnte mich einfach nie dazu durchringen. Plötzlich, eines Abends im April 2020, fiel es mir in den Schoß, aus heiterem Himmel. Hätte man mich zwei Tage zuvor gefragt, ob ich endlich „The Shards“ schreiben würde, hätte ich nein gesagt.

Was hat sich so plötzlich geändert?

Was sich verändert hatte, war der 18 Jahre alte Erzähler. Ich war jetzt ein 56 Jahre alter Mann. Das war der Schlüssel, der alles öffnete. Wir waren im Lockdown. Es gab nichts zu tun. Ich ging auf YouTube, auf Facebook. Da treibe mich sonst nie rum. Dann fing ich an, meinen Wein etwas früher zu trinken, und ich wurde nostalgisch und spielte Musik aus meiner Vergangenheit, Musik von 1980/81. Ich forsche nach meinen alten Schulkameraden, mit denen ich seit 40 Jahren nicht mehr gesprochen hatte. Einige von ihnen benutzten keine sozialen Medien, es gab keine Möglichkeit, herauszufinden, wo sie waren und wie sie heute aussahen. Dann habe ich mir die Orte angesehen, an denen wir damals abhingen. Die Kinos, die Nachtclubs, die Cafés. Sie sind alle verschwunden, es gibt keine Fotos. Ich war wie besessen. Ich spürte eine so intensive Nostalgie und ich fühle mich schrecklich wegen einiger Dinge, die ich meinen Freunden mit 17 oder 18 angetan hatte. Ich war ein Lügner gewesen, ein Märchenerzähler. Und da habe ich mir gesagt: Okay, was ist, wenn du „The Shards“ nicht aus der Perspektive des 18-Jährigen schreibst, sondern aus der eines alten Mannes, so wie du dich jetzt gerade fühlst?

Ich war ein Lügner, ein Märchenerzähler
Bret Easton Ellis

Wenn einem die Geschichte gefangen nimmt, vergisst man den 56 Jahre alten Erzähler. Für mich fühlte sich der Roman gar nicht so nostalgisch an, mir schien alles sehr unmittelbar und nah …

Meine Bücher entstehen ohne einen Plan, immer aus einem Gefühl heraus, selbst wenn es um Patrick Bateman geht. Schmerz, Verwirrung, unerwiderte Liebe – alle meine Bücher haben ihren Ursprung darin. Über „The Shards“ habe ich so lange nachgedacht, dass es schließlich einfach aus mir herausgesprudelt ist. Und obwohl der 56-jährige Mann erzählte, kam die Stimme der 17-Jährigen die ganze Zeit durch. Ich dachte immer, ich sei ein Mann geworden, aber in mancher Hinsicht bin ich wohl ein Kind geblieben. Ich spüre meine jugendlichen Sehnsüchte noch sehr intensiv, es war nicht schwer, sie anzuzapfen.

In Deutschland gab es mal einen Werbespot über einen Zeitreisenden, der sein jüngeres Ich trifft und ihm eine Ohrfeige verpasst, weil es die Lebensversicherung nicht abgeschlossen hat. Hatte der ältere Bret manchmal Lust, sein jüngeres Ich zu ohrfeigen?

Das nicht, aber ich würde dem jüngeren Bret sagen, er hätte mehr Sex haben sollen. Ich würde ihm sagen: Hab keine Angst, sei nicht so unsicher, genieße. Sei nur vorsichtig mit den Gefühlen und Emotionen anderer Menschen. Ich hatte damals mit Jungs zu tun, die nicht offen schwul waren. Ich verliebte mich in einen. Er war nicht in mich verliebt. Ich habe es versaut und eine große Romanze daraus gemacht. Das war eine Lüge. Ich hatte eine Freundin. Ein schönes Mädchen, das beliebteste der Schule. Aber ich war nicht wirklich ihr Freund, ich wollte nur dazugehören, und ich fühlte mich geschmeichelt, dass sie mich mochte. Überdies dachte ich, ein Lehrer hätte eine Affäre mit einer Schülerin, was nicht stimmte und ich glaube, ein Freund sei heimlich ein männlicher Prostituierter, was später Teil von „Unter Null“ wurde. Mit anderen Worten: Ich konnte meine Superkraft des Geschichtenerzählens nicht kontrollieren. Also gab es Leute, die sehr wütend auf mich waren. „The Shards“ ist gewissermaßen eine Warnung, diese Superkraft zu kontrollieren.

Und der Trawler, der Serienkiller, der im Hintergrund des Romans lauert und stets zuschlagen kann?

Der Trawler ist eine Metapher für diese dunkle Seite des Geschichtenerzählens. Der Serienmörder erschafft ja eine Art Erzählung, er lektoriert und verändert seine Opfer. Also, ich hätte zu dem Jungen, der ich war, gesagt, er solle sich einfach ein bisschen mehr entspannen. Andererseits: Man muss ja erst seine Jugend durchleben, all die Fehler machen und den Scheiß bauen, um zu dem Mann zu werden, der dann solche Ratschläge erteilen kann.

Der Serienkiller ist eine Metapher für die dunkle Seite des Erzählens
Bret Easton Ellis

Ihr Roman ist also fast eine Lebensbeichte. Ein Geständnis von Schuld.

Ja, nur hätte ich mit 18 nicht so ehrlich sein können wie jetzt, wo ich ein alter Mann bin und es mich einen Scheiß interessiert, was andere über mich denken. Und ich habe begriffen, dass ich diese Menschen, die ich betrogen hatte, liebte. Ein Teil der Nostalgie war der sentimentale Drang, diesen Leuten zu erklären, wie ich damals wirklich war und wie sehr sie mich verändert haben. Diese Geschichte zu schreiben, die ich nie zu Papier bringen konnte, wurde zu einer überwältigenden Leidenschaft und Sehnsucht. Es hat viel zu lange gedauert.

Das klingt nach Bedauern.

Schreckliches Bedauern! Die besten Jahre eines Autors sind seine Vierziger. Da schreibt man seine Meisterwerke. Und ich saß in Hollywood und schrieb Drehbücher für Fernsehserien, die nicht produziert wurden. Was für ein Fehler! Obwohl ich weiß, dass manche Leute jetzt denken werden, „The Shards“ sei zu lang, und dass sie enttäuscht sein werden, wenn sie einen Krimi oder Thriller erwarten. Das Buch bewegt sich in einer sehr langsamen, symphonischen Weise in langen Szenen, die in der Nacht spielen.

Es gibt ein Subgenre von Romanen und Filmen über ziellose Fahrten durch LA. Raymond Chandlers „The Long Goodbye“ oder Robert Altmans Verfilmung davon. Tarantinos „Once Upon a Time in Hollywood“ oder Jacques Demys „Model Shop“.

Oh ja, ich liebe „Model Shop“, der ist noch handlungsresistenter als die anderen Filme. Auch „American Gigolo“ und „Shampoo“ von Hal Ashby. Ich liebe die Aufnahmen von Warren Beatty auf dem Santa Monica Boulevard. Oder wie er bei Nacht die Canyons hinauffährt, oder Julie Christies 280SL Mercedes! Es steht mir nicht zu, zu sagen, dass „The Shards“ in diese Reihe gehört, aber wenn andere Leute das sagen wollen: sehr gerne.

Ein anderes populäreres Genre, das Sie hier bedienen, ist die Autofiktion: Sie sind als Autor zugleich ihr Protagonist.

Jedes meiner Bücher ist autobiografisch. „Unter Null“ war es, ebenso wie „Einfach unwiderstehlich“. In „American Psycho“ habe ich damit auseinandergesetzt, was es bedeutet, ein Mann in New York zu sein. Ich will nicht Teil dieser Gesellschaft sein, aber wo gehöre ich hin? Patrick Bateman sagt: „Ich will dazugehören.“ Ich war dieser Mensch. In den 90er Jahren wurde ich durch „American Psycho“ zu einer Berühmtheit. In „Glamorama“ geht es also um Ruhm. Und „Lunar Park“ war definitiv ein Autofiktions-Buch. Vielleicht könnte man bei „The Shards“ sogar eher von Memoiren sprechen, abgesehen von der Trawler-Handlung. Andererseits macht ein Serienkiller die Autofiktion viel interessanter.

Und mehr Sex! Davon gibt es in „The Shards“ reichlich.

Ja, Menschen haben Angst, darüber zu schreiben. Ich nicht. In den Vereinigten Staaten wurde ich deshalb zur Rede gestellt. Das Buch sei zu sexuell, es sei pornografisch. Warum müssen wir lesen, wie sich Brett Ellis jeden Morgen einen runterholt? Aber ich war nun mal 17, oft habe ich mir zweimal am Morgen einen runtergeholt. Warum sollte ich das aus dem Buch streichen? Den Sex aus einem Buch über das Erwachsenwerden herauszuschneiden, halte ich für unauthentisch.

Manche Autoren schrecken davor zurück, nicht weil sie sich schämen, sondern weil gute Sexszenen so schwer zu schreiben sind.

Ja, ich habe Freunde, die den berüchtigten „Bad Sex in Fiction Award“ gewonnen haben. Dabei müssen sie nur aufschreiben, was passiert. Keine Adjektive hinzufügen oder den Akt unter dekorativen Sätzen verbergen. Eine Vagina ist keine Handtasche der Liebe und ein Penis ist kein purpurnes Schwert. Schreibe einfach die Fakten auf und alles ist gut.

Ich habe mich nie vor Sexszenen in meinen Büchern gescheut
Bret Easton Ellis

Klingt einfach. Aber das macht fast niemand. Und auch Sie mussten dazu erst älter werden.

Ich habe mich nie vor Sexszenen in meinen Büchern gescheut. Aber ich musste definitiv älter werden, um über einige der schwulen Inhalte zu sprechen. Darüber hätte ich mit 18 nicht so explizit schreiben können. Es war eine andere Zeit. Homosexualität hat dir damals den Scharlachroten Buchstaben aufgedrückt.

„American Psycho“ porträtiert die gierigen 80er, „Glamorama“ die ruhmsüchtigen 90er Jahre. In „The Shards“ blicken Sie zum ersten Mal zurück auf die prägenden Jahre der Generation X. Warum haben Sie die Gen X eigentlich als die konservativste Generation bezeichnet?

Das wurde in Umfragen in Amerika bewiesen, dass die Generation X viel konservativer ist als die Millennials oder die Boomer. Selbst meine liberalen Freunde sind ein wenig nach rechts gerückt, vielleicht ist auch die Kultur nach links gerückt, denn ich fühle mich ganz sicher nicht konservativ. Aber ich wurde als MAGA-Kappe tragender Republikaner abgestempelt, nur weil ich an bestimmte Dinge glaube, von denen ich immer dachte, die seien einfach nur gesunder Menschenverstand. Ich glaube, die Generation X hatte die größte Freiheit unter allen Generationen. Es wurden keine Erwartungen an uns gestellt. Wir wollten von unserer Kunst beleidigt und herausgefordert werden. Die Vorstellung, dass man dieses oder jenes nicht sagen darf, weil sich sonst jemand verletzt fühlen könnte, macht für die Generation X keinen Sinn.

Ist das nicht ein ganz normaler Generationenkonflikt: Die Millennials warten mit Ideen auf, die exakt das Gegenteil von denen sind, die Ihrer Generation wichtig waren?

Ja, natürlich. Und ich denke, die Generation Z wird dann die Millennials komplett ablehnen. Ich hoffe, das passiert eher früher als später.

Bret Easton Ellis: „The Shards“, Kiepenheuer & Witsch, 736 Seiten, 28 Euro, E-Book: 19,99 Euro

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