In der Lanxess-Arena gab Anis Ferchichi alias Bushido sein angeblich letztes Konzert in Köln. Ein zwiespältiges Erlebnis.
Letztes Konzert in KölnDer Mann, der nicht mehr Bushido sein will

Bushido gibt in der Lanxesss-Arena seinen Ausstand.
Copyright: Michael Bause
Papa rappt mal wieder. Und worüber rappt er? Er rappt darüber, dass er ein Papa ist. Ein Papa, der rappt. Der „in sein'n Liedern böse Sachen sagt“, weshalb die ganze Nachbarschaft denkt, „dass er auch böse Sachen macht“. Der unreine Reim stammt aus Bushidos Song „Papa“, erschienen zum Vatertag des Jahres 2017.
Auf der Bühne der Kölner Arena, von der Bushido behauptet, dass er sie an diesem Dienstagabend zum letzten Mal betreten hat, spielt er das Lied im Zugabenteil. Der ist samt und sonders dem zweiten Teil seiner Karriere gewidmet.
Denn Bushido will nicht länger Bushido sein, sondern nur noch Anis Ferchichi, Ehemann von Anna-Maria, Vater von acht Kindern, Villenbesitzer und Reality-Star. Ein Familienmensch, ein Spießbürger, der nicht müde wird, zu betonen, dass seine Gangsta-Rap-Texte „zu 99 Prozent Quatsch“ waren. Oder, wie er in „Papa“ seinen Kindern in einfacher Sprache erklärt: „Papa sagt die Sachen, die er sagt/Nur damit er nicht mehr tun muss/Was Papa früher tat.“ Tue nix Böses, aber rappe darüber.
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Am Tag des Kölner Konzerts triumphiert Bushido vor Gericht
Seine engen Verbindungen zur organisierten Kriminalität, zur Berliner Großfamilie Abou-Chaker, die 2017 noch bestanden, unterschlägt er dabei bequemerweise. Das ist nicht die Art von Familie, mit der Ferchichi künftig assoziiert werden will. Just am Tag des Kölner Konzerts hat das Berliner Kammergericht Arafat Abou-Chaker zur Rückzahlung von 1,78 Millionen Euro an seinen ehemaligen Schützling verdonnert. Der mutmaßliche Clan-Chef war gegen das Ersturteil in Berufung gegangen, nun muss er auch noch die Kosten dieses Verfahrens tragen. Ein willkommener Schlussstrich.
Der Mann, der Bushido war, ist jetzt 47 Jahre alt. Zu alt fürs Gangsterleben. Zu alt fürs Hip-Hop-Geschäft. Der graue Bart, sagt er selbst, wird langsam weiß. Den Rest seines Lebens will er nicht mehr vor hüpfenden Mengen und erst recht nicht mehr im Gerichtssaal verbringen. Sondern auf Instagram und RTL, in der „Bild“ und in der „Gala“.
Die hält uns auch, mit offenherzigen Aussagen der Beteiligten, über den aktuellen Ehestand der Ferchichis auf dem Laufenden: Die herbstliche Krise sei dank Paartherapie überstanden, die Familie ist von Dubai zurück nach Deutschland gezogen. Die nächste Villa steht im Münchner Nobelwohnort Grünwald. Derrick-Country, eine der reichsten Gemeinden Deutschlands.

Bushido in der Lanxesss-Arena
Copyright: Michael Bause
Das will finanziert werden. Etwa durch die aktuelle „Alles wird gut“-Tour. Die soll – nach der von RTL mit einer Dokusoap begleiteten Comeback-Tour vor knapp zwei Jahren – nun sein finaler Abschied von der Rap-Existenz sein. Oder zumindest sein Abschied von der Kunstfigur Bushido.
Der fällt gar nicht so leicht. Nicht etwa weil beim Künstler Wehmut aufkäme, sondern weil der Spagat zwischen der – wenn auch nur behaupteten – rücksichtslosen Härte von einst und der fernsehfreundlichen Familienerzählung von heute so breit ausfällt, dass es den Gerade-noch-Bushido auf der Bühne schier zerreißt. Denn es waren ja genau die eingangs zitierten „bösen Sachen“, die Bushido zu Anfang des Jahrtausends so groß gemacht haben. Beziehungsweise seine damals unerreichte Fähigkeit den „99 Prozent Quatsch“ derart niederträchtig und gewaltbereit funkeln zu lassen, dass ihn Fans und Staatsanwaltschaften für bare Münze nahmen.
Homophobe Drohungen kann man nicht als lustigen Quatsch abtun
Wenn er in Köln seine im Bühnengraben stehende Tochter Laila – offensichtlich sein treuester Fan – eher scherzhaft auffordert, sich mal kurz die Ohren zuzuhalten, geht das bei lustig-prolligen Prahlereien wie „Ich war der Erste mit n'em Ständer im Sandkasten“ (aus „Nie wieder“) noch völlig in Ordnung.
Ungleich problematischer ist das bei Stücken wie „Stress ohne Grund“. Die Indizierung der Zusammenarbeit mit dem Rap-Kollegen Shindy ist zwar schon lange aufgehoben, aber die homophoben Drohungen („Du Schwuchtel wirst gefoltert“) und die Tötungsfantasien gegen reale Personen („Ich schieß auf Claudia Roth und sie kriegt Löcher wie ein Golfplatz“) lassen sich nicht ganz so locker als lustige Übertreibungskunst, als Wrestling-Match mit Wörtern, abtun, wie Ferchichi offensichtlich glaubt.

Bushidos Performance ist gerade bei den bösesten Liedern am überzeugendsten.
Copyright: Michael Bause
Seine Performance ist aber gerade bei diesen bösen Liedern am überzeugendsten, Bushido rappt wie ein Hund, der an der Kette zerrt, das Bassvibrieren lässt die Zähne zittern – und für einen kurzen Moment erinnert man sich wieder, warum er so eine Ausnahmeerscheinung im deutschen Hip-Hop war.
Das junge, männliche, nach Härte gierende Publikum ist freilich längst weitergezogen. Und die Stimmung unter den 12.000 Zuschauerinnen und Zuschauern anfangs eher mau. Man kennt ihn aus dem Fernsehen oder vom Scrollen, man lässt sich berieseln. Ferchichi gibt sich alle Mühe, die passive Masse zu animieren, plaudert, scherzt, kennt die Namen von Fans, die in der ersten Reihe stehen.
Für „Sonnenbank Flavour“, einem eher untypischen, nichtsdestotrotz beliebten Aufzählungs-Stück vom vierten Album „Von der Skyline zum Bordstein zurück“, sucht er nach einem Rap-Gast aus dem Publikum. Es meldet sich die 18-jährige Sam, Pflegefachkraft in Ausbildung. Ein zartes Mädchen, das rhythmisch kräftig austeilen kann. Jedes Mal wenn Sam den „Ich fick' deine Freunde“-Refrain wiederholt, wirft sich Bushido vor Lachen weg. Am Ende erhebt sich jubelnd die gesamte Arena – sie hat die Show gestohlen. Die Tickets, erklärt Sam, habe sie ihrem Vater zu Weihnachten geschenkt. Bushido ist also doch Family-Entertainment, da schließt sich der Spagat.
Nach dem „Papa“-Song ruft Ferchichi seine Kinder auf die Bühne. Fünf von acht folgen der Aufforderung, nehmen brav auf der Showtreppe Platz. Nur die jüngsten schlafen schon im Tourbus. Der harte Kerl wird jetzt ganz weich, klopft Dad-Sprüche über Friseurbesuche, warnt vor Alkohol, wird zum rappenden Wandtattoo: „Das Wichtigste im Leben ist Familie.“ Bordstein, Skyline, trautes Heim – aber sofort gibt es Bushido nur noch als Seifenoper.
Am 6. März gibt Bushido ein Zusatzkonzert im Düsseldorfer PSD-Dome

