Der jamaikanische Dancehall-Star Sean Paul war zur Jahrtausendwende der Vorreiter aktueller Weltstars aus der Karibik wie Bad Bunny. So war sein Konzert in der Lanxess-Arena.
Sean Paul in KölnWie damals, vor 23 Jahren beim Summerjam, jedenfalls fast

Sean Paul am Montagabend (9.3. 2026) in der Kölner Lanxess Arena.
Copyright: Arton Krasniqi
Der DJ im Vorprogramm legt unironisch Eminem auf. Und Usher. Das Publikum in der Kölner Arena jubelt, und es jubelt noch mehr, als Coolios „Gangsta's Paradise“ von Ginuwines „Pony“ abgelöst wird. Für die meisten hier ist das der Sound ihrer Jugend. Der Sound von Vorstellungen, Wünschen und Versprechungen, die je süßer klangen, desto unerreichbarer sie schienen. Und so verhält es sich auch mit dem Hauptact des Abends, dem jamaikanischen Dancehall-Star Sean Paul.
Dancehall, für Uneingeweihte, verhält sich zu Reggae wie Hip-Hop zu Soul und Funk. Eine gewisse Anschlussfähigkeit war da von Anfang an gegeben (obwohl viele Dancehall-Stars lieber Countrymusik hörten). Sean Paul spielte von seinem 13. bis zu seinem 21. Lebensjahr im Wasserpoloteam seines Landes, dann sattelte er auf Musik um. Zuerst mit mäßigem Erfolg.
Aber dann gelang ihm mit der Single „Gimme the Light“ – nachdem alle Hinweise darauf, welches Kraut mit dem Feuerzeug angezündet werden sollte, aus der internationalen Version entfernt worden waren – ein Überraschungshit, und zwar weltweit: Platz 7 in den Billboard-Charts, in Deutschland reichte es immerhin noch zu Platz 35. Das dazugehörige Album, „Dutty Rock“, sein zweites, löste alle Hoffnungen ein, mit der nächsten Single-Auskopplung, „Get Busy“, landete Sean Paul an der Spitze der US-Charts.
Sean Paul wurde zum Nachfolger Bob Marleys, zum Vorläufer Bad Bunnys
R'n'B und Hip-Hop blickten ohnehin gerade in die Ferne, Missy Elliott und Timbaland etwa experimentierten gerade mit indischen Klängen. Paul verband exotischen Geschmack (vom Globalen Norden aus betrachtet) mit wissendem Pop-Appeal, jamaikanische Riddims (so heißen die rhythmusgetriebenen Instrumentalstücke im Dancehall) mit amerikanischen Produktionsstandards. So wurde er zum späten Nachfolger Bob Marleys, zum Vorläufer aktueller karibischer Weltstars wie Bad Bunny und J Balvin. Letzterem leistet der Jamaikaner Tribut, als er kurz dessen Song „Mi Gente“ anspielt.
Zuerst aber lässt er das Publikum ein wenig warten. Zwei DJs erscheinen auf dem Podium in der Bühnenmitte, rufen in regelmäßigen Abständen seinen Namen aus und die „sexy Ladies“ aus, die sie in der Menge vermuten. Ein rappender und singender Hype-Man stößt dazu und macht es ihnen nach, und bald hat man schon fast keine Lust mehr, die Frage, ob man „ready“ sei für Sean Paul, positiv zu beantworten.

Sean Paul in der Lanxess Arena.
Copyright: Arton Krasniqi
Dann endlich erscheint der Herbeigerufene, ein stabiler Typ, der die meiste Zeit fröhlich auf der Stelle hüpft, wie ein Dosenbier-beflügelter Vorstadt-Daddy beim samstäglichen Grillen. Nimmt er die dicke Sonnenbrille ab, sieht man ihm seine 53 Jahre an. Aber die Stimme trägt und die Stücke tun es auch. „Get Busy“ kommt gleich zu Anfang dran und bald folgt „Baby Boy“, die gemeinsame Single mit Beyoncé, eine weitere Nummer 1. Es ist die reinste Verschwendung, aber der Sprechsänger kann sich das leisten, Banger – wie man heute so sagt – folgt auf Banger. Die Menge tanzt ohne Unterlass und feiert ihre wiedergewonnene Jugend. Die Lanxess-Arena ist zwar nicht ausverkauft, aber doch erstaunlich gut gefüllt.
Können Sie sich an den Moment erinnern, als Sie zum ersten Mal ein Konzert besucht haben, weil Sie den Act früher einmal gut fanden? Ein komisches Gefühl, wenn einem die Jetztzeit des Pop entgleitet. Aber es ist ein noch viel seltsameres Gefühl, wenn die nachfolgende Generation – in diesem Fall die Millennials – das Nostalgie-Karussell besteigt, auf dem man bereits seit geraumer Zeit seine Runden dreht.
Er lässt sein Handtuch kreisen, als wäre es Zeit für den Aufguss
Dann kann man noch einmal von außen die Magie der Rückschau beobachten. Objektiv gesehen passiert nämlich nicht allzu viel auf der Bühne. Die Band agiert präzise, es geht ja vor allem um das Zusammenspiel von Bass und synkopiertem Schlagzeug, zwei Tänzerinnen haben ihre beweglichen Teile nur notdürftig in Netzstoff gepresst, und Sean Paul simuliert doch eher züchtige Balztänze mit ihnen. Ab und an setzt es Dampfstöße von der Rampe und der Star lässt dazu sein weißes Handtuch kreisen, als wäre es mal wieder höchste Zeit für einen Aufguss.
Aber der funktioniert, treibt den Menschen im Arenarund den Schweiß aus den Poren. Es ist nahezu unmöglich, zu Stücken wie „Haffi Get De Gal Ya“ oder „Like Glue“ stillzustehen. Prompt wird auch der Künstler sentimental und erinnert sich daran, dass Köln eine der ersten Städte in Deutschland gewesen sei, die er kennengelernt hatte, in der er mit seiner infektiösen Musik auf Gegenliebe stieß. Das geschah natürlich auf dem Summerjam. Irgendwann nach der Jahrtausendwende trat Sean Paul zum ersten Mal am Fühlinger See auf, im Sommer 2003 dann als großer Headliner.
Am Montagabend verspürte man die letzten Schockwellen der Begeisterung, die der frisch gebackene Weltstar damals auslöste, möchte enthusiastisch einfallen, wenn der Sänger Alton Ellis' alte Rocksteady-Ballade „I'm Still In Love With You“ anstimmt, verdrückt ein Tränchen, wenn er erzählt, dass er von seiner Mutter und seiner Großmutter erzogen wurde und dass Letztere vor ein paar Tagen gestorben sei, im gesegneten Alter von 102.
Für anderthalb Stunden reiben die Gegenwart des Rhythmus und die Sehnsucht nach der Vergangenheit aneinander, lassen Funken fliegen. Der gute Sean Paul muss dazu gar nicht viel tun, die Erinnerung schreibt ihre eigenen Geschichten. Seine Tour hat er übrigens „Timeless“ getauft, er weiß schon, was er tut.

