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lit.Cologne SpezialEin Feel-Good-Abend für Precht, Welzer und ihre Fans

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Richard David Precht (r) in Köln

Köln – Kaum ein Sachbuch wird diesen Herbst derart kontrovers diskutiert wie Richard David Prechts und Harald Welzers Bestseller „Die vierte Gewalt“. So meinungsfreudig wie in ihrer Analyse der deutschen Medienlandschaft zeigten sie sich am Montagabend auch zum Abschluss der lit.Cologne Spezial.

Angesprochen auf den Offenen Brief zum russischen Krieg gegen die Ukraine, der einen Waffenstillstand forderte, verteidigte Precht seine Haltung und zitierte den Philosophen George Santayanader: „Wer aus seinen Fehlern nicht lernt, ist verdammt, sie zu wiederholen.“

Seltene Momente der Demut

In der ausverkauften Flora betonte Precht: „So muss jede Generation neu lernen, wie Krieg wirklich ist.“ Er ergänzte, das müsse man von Betroffenen lernen, nicht etwa von den Medien und ihren Narrativen und schon gar nicht vom Film. Und die Politik lerne dabei von allen menschlichen Institutionen am langsamsten.

In einem seltenen Moment der Demut wies Welzer auf Fehler in ihrem Buch hin, ohne dabei konkret zu werden. Die restliche Zeit über schien die inhaltliche Kritik an „Die vierte Gewalt“ an den beiden Autoren vorbeigegangen zu sein. Stattdessen wiederholten sie ihre zentralen Thesen, etwa dass Journalisten seit Aufkommen der sozialen Medien Politik machten, anstatt nur über sie zu berichten.

Sie redeten viel über die persönliche Kritik, die Diffamierungen, die Personalisierungen, also die Ausreden, mit denen die Rezeption ihres Buches sich begnügt habe, um sich nicht mit dessen Argumenten befassen zu müssen. Dabei hätten die beiden mit dem Buch nur ihre Verantwortung gewahrt, als kompetente Personen etwas zur Diskussion beizutragen, so Welzer. Es sei in einer Situation ohne Drehbuch, ohne Blaupause enorm wichtig, möglichst viel an die Debatte heranzutragen.

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Nicht lange nach dem Santayana-Zitat berichtete Precht, wie seine ursprüngliche Haltung zum Krieg in der Ukraine ihm noch heute um die Ohren gehauen werde. „Und daraus haben Leute, die mir nicht wohlgesonnen waren, noch ein halbes Jahr später zitiert.“ Und das, obwohl die Situation sich vollständig geändert habe.

Ihm seine falsche Prognose vorzuhalten sei Dekontextualisierung, schließlich hätten bei seiner Einschätzung völlig andere Bedingungen geherrscht und die Frage, ob man den Krieg nicht viel früher hätte einfrieren können, sei immer noch offen.

Im Hinblick auf einen möglichen zukünftigen Einsatz von chemischen oder atomaren Waffen von russischer Seite sagte er: „Wenn das alles mal vorbei ist, werden wir nochmal in Ruhe darüber nachdenken.“

Besonders kritisch sahen beide den Applaus für die Äußerungen des ukrainischen Autors Serhij Zhadan bei der Verleihung des Friedenspreises in der Frankfurter Paulskirche. Das zeige, wie die Deutschen ihre Haltung mit derjenigen der Ukrainer gleichsetzen, die als Betroffene aber nur eine Handlungsmöglichkeit hätten, nämlich sich zu verteidigen, wohingegen Deutschland auch viele Möglichkeiten der Diplomatie in Erwägung ziehen müsse.

Welzer betonte: „Diese permanente Verwechslung führt zu einem minutenlangen Applaus bei solchen Äußerungen, das ist diese gesinnungsethische Überanstrengung.“ Zhadan hatte kritisiert, dass „manche Europäer den Ukrainern ihre Weigerung, sich zu ergeben, fast schon als Ausdruck von Militarismus und Radikalismus anlasten“.

Die Medien kommen am schlechtesten weg

Die Medien kamen am schlechtesten weg an diesem Abend in der Kölner Flora. Es sei erkennbar, „dass Journalisten nicht besonders trainiert sind, mit Kritik umzugehen“, so Precht. Welzer erkannte auch eine mangelnde Selbstreflexion und plädierte bezüglich der Twitter-Nutzung der Medienschaffenden: „Überlegt euch doch mal, was ihr da macht!“ Dass normale Bürgerinnen und Bürger Twitter als Bühne nutzten, sei ja irgendwie verständlich. Aber: „Warum denn ein Redakteur? Was soll denn das?“ Und ergänzte in Richtung des Moderators Lothar Schröder, Ressortleiter Kultur bei der „Rheinischen Post”: „Das ist doch ein Verfall ihrer Profession!“

Auf der anderen Seite betonten die Autoren, wie wichtig der Erhalt eines qualitativen Journalismus für die Demokratie sei. Deshalb würden die beiden als „Consultants, nicht als böse Kritiker“ gerne von außen ein paar Kritikpunkte setzen, von denen sicher einige valide seien, etwa die mediale Reichweite als Kriterium über andere zu stellen; oder problem- statt lösungsorientiert zu arbeiten.

Später führte Precht aus, die Öffentlich-Rechtlichen seien weitestgehend von seiner Kritik ausgenommen, sie seien sehr souverän mit seinem Buch umgegangen, ganz anders die überregionalen Tagesmedien. Und es gebe darüber hinaus auch publizistische Organe, die sie gar nicht auf dem Schirm gehabt hätten, etwa regionale Tagesblätter.

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Sie führen auch die Stärken der Demokratie in Krisenzeiten aus. Precht meint, gerade die Langsamkeit der modernen Demokratie würde sie stabilisieren im Vergleich zu einer antiken Demokratie, bei der schnelle, unumkehrbare Beschlüsse getroffen wurden, und kritisiert, die Leitmedien würden die Politik zu sehr unter Druck setzen und sie so ihrer Stärke berauben. Welzer ergänzte, Demokratie sei mittelfristig gar nicht langsamer als Diktaturen wie China, die zwar schnell einen Überwachungsstaat oder Kohlekraftwerke bauen können, sich letztlich aber nur mit Gewalt durchsetzen können. Demokratie sei da geschmeidiger, könne sich intern modernisieren und durch Anpassungen einen zivilisatorischen Prozess in Gang bringen.

Der Moderator, der noch zu Beginn der Veranstaltung seine Rolle aus der Wortherkunft heraus als „Mäßiger“ erklärt, streut selten und zahm ein paar Gegenmeinungen ein, möchte sich aus seiner Rolle heraus aber nicht zu weit aus dem Fenster lehnen. Die beiden nicken die Einschübe gerne mit einem „Ja, aber…“ ab und führen weiter ihre Gedanken aus. Oder holen aus zum großen Gestus des Welterklärers: „Ich würde das mal aus einer größeren Warte aus betrachten.“ So bleibt ausgerechnet die Person zurückhaltend, die aus der Innenschau über den realen Medienbetrieb hätte berichten können. Stattdessen wird es ein Feel-Good-Abend für Precht und seine Fans. Es bleibt viel Zeit, um die Thesen des Buchs zu wiederholen oder die negative Rezeption als Beweis einzuordnen, Andersdenkende würden heutzutage schnell diffamiert, besonders in den sozialen Medien, wo das zur politischen Kommunikation gehöre.

Wenn Precht betont, in Krisenzeiten herrsche ein Bedürfnis danach, eine einzige gültige Meinung herzustellen, gilt das auch für den letzten Abend bei der lit. Cologne Spezial. Dass viele Precht- und Welzerfans im ausverkauften Saal sitzen, wird spätestens bei Ende der Veranstaltung deutlich. Da nehmen sich die beiden noch reichlich Zeit für die Schlangen an Menschen, die sich vor ihnen auf und neben der Bühne gebildet haben, um ihre mitgebrachten Bücher signieren zu lassen.