Abo

Friedenspreis-TrägerUkrainischer Autor hält nichts von "falschem Pazifismus"

3 min
Neuer Inhalt (7)

Friedenspreisträger Serhij Zhadan. 

Frankfurt – Ein Friedenspreis in Kriegszeiten – ist das eine Notwendigkeit oder ein Widerspruch? Auch darüber sprach der ukrainische Schriftsteller und Musiker Serhij Zhadan in seiner Dankesrede, die er auf Deutsch hielt.

„Es ist traurig und bezeichnend, dass wir über den Friedenspreis sprechen, während in Europa wieder Krieg herrscht“, sagte er. Und er fragte sich, inwieweit Europa bereit ist, sich dieser neuen Wirklichkeit zu stellen: „Warum werden die Ukrainer dann so oft hellhörig, wenn europäische Intellektuelle und Politiker den Frieden zu einer Notwendigkeit erklären?“Wer jetzt mitten im Krieg über Frieden spreche, wolle eine simple Tatsache nicht zur Kenntnis nehmen: „Ohne Gerechtigkeit gibt es keinen Frieden“.

Das könnte Sie auch interessieren:

Es war zwangsläufig eine sehr politische Rede und Serhij Zhadan schonte das Publikum in der Frankfurter Paulskirche – darunter auch Kultur-Staatsministerin Claudia Roth – nicht.  Manche Europäer versuchten in ihrer Komfortzone zu bleiben und seien bereit, „um fragwürdiger materieller Vorteile und eines falschen Pazifismus willen ein weiteres Mal das totale, enthemmte Böse zu schlucken“, sagte er. Das sei eine „ziemliche bequeme Form, die Verantwortung abzuschieben“.

"Falscher Pazifismus"

Der Krieg lege nun offen, was lange Zeit bewusst ignoriert worden sei. Er sei die Zeit unangenehmer Fragen und komplizierter Antworten.Serhij Zhadan ist einer der populärsten Vertreter der Gegenwartsliteratur in der Ukraine. Er studierte Literaturwissenschaft, Ukrainistik sowie Germanistik in Charkiw und schrieb seine Doktorarbeit zum ukrainischen Futurismus. Der 48-jährige ist nicht nur Autor sondern auch Sänger einer Band. Und seit Kriegsbeginn ist er auch freiwilliger Helfer: In seiner Heimatstadt Charkiw hilft er bei Evakuierungen, verteilt Lebensmittel, koordiniert Lieferungen an das Militär oder gibt Konzerte. Vom Überleben im Krieg berichtet er in dem gerade erschienenen Buch „Himmel über Charkiw“.

Neuer Inhalt (8)

Sasha Marianna Salzmann (links) hielt die Laudation auf Serhij Zahdan (Mitte), daneben die Vorsteherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Karin Schmidt-Friderichs.

 „Zhadan begeistert uns – sprachlich, literarisch, musikalisch“, sagte die Vorsteherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Karin Schmidt-Friderichs. „Sein Engagement für die Menschen in seiner Heimat beeindruckt uns. Er spielt in Metrostationen, holt Menschen aus stark umkämpften Vierteln heraus, liest Gedichte vor vollen Sälen und verteilt Hilfsgüter in der Stadt.“

Seine Romane, Essays, Gedichte und Songtexte erzählten davon, wie Krieg und Zerstörung die Menschen in der Ukraine erschüttern. „Nachdenklich und zuhörend, in poetischem und radikalem Ton erkundet Serhij Zhadan, wie die Menschen in der Ukraine trotz aller Gewalt versuchen, ein unabhängiges, von Frieden und Freiheit bestimmtes Leben zu führen.“

"Humanistische Haltung"

Die Autorin Sasha Marianna Salzmann würdigte in ihrer Laudatio die „humanistische Haltung“ des Friedenspreisträgers. Er nehme in seinen Werken nie die Vogelperspektive ein und lasse nie Distanziertheit erkennen. „Der Dichter legt seine Finger auf die Pulsschlagader der Menschen um ihn herum. Wir als Lesende sind stets mitten unter jenen, die früh am Morgen die Tore zu den Schlachthöfen öffnen, wir sitzen mit ihnen abends in den Kneipen, schlafen neben ihnen in den Baracken.“ Trotzdem sei er kein Realist, „eher ein  hoffnungsloser Romantiker“.  

Öffentliches Nachdenken über Sprache

Serhij Zhadans  Dankesrede ging weit über seine konkreten politischen Statements hinaus, sondern ist auch ein öffentliches Nachdenken über Sprache. Er schilderte, wie der Krieg die Sprache in ihrer gewohnten Form verändere und beschädige. Sie als vertrautes Mittel zu verlieren, sei unerträglich. Zugleich betonte er: „Doch sprechen muss man. Selbst in Zeiten des Krieges.“

Und dabei müsse man die Dinge klar benennen: „Ein Verbrecher ist ein Verbrecher. Freiheit ist Freiheit. Niedertracht ist Niedertracht“, sagte er. „Solange wir unsere Sprache haben, so lange haben wir immerhin die vage Chance, uns erklären, unsere Wahrheit sagen, unsere Erinnerung ordnen zu können. Deswegen sprechen wir und hören nicht auf.“

Obwohl die Rede des Friedenspreisträgers sehr ernst und ohne Frage unbequem war,  spendete das Publikum in der voll besetzten Paulskirche   minutenlangen stehenden Applaus. (mit dpa)