Han Kang, Literaturnobelpreisträgerin aus Südkorea, zu Gast bei der lit.Cologne in der Kulturkirche.
lit.CologneWie Han Kang in einem Blumenbeet den Kosmos erspürt

Han Kang (Mitte) liest im Rahmen der auf der lit.Cologne Spezial in der Kölner Kulturkirche
Copyright: Katja Tauber
„Im Frühjahr vor drei Jahren“, erzählt Han Kang in ihrem neuen Band „Der goldene Faden“, „kaufte ich ein etwa 33 Quadratmeter kleines Häuschen auf einem Grundstück von 50 Quadratmetern Größe.“ In der Kölner Kulturkirche liest Nina Kunzendorf die leisen Sätze der scheuen Autorin, die mit ihrem Roman „Die Vegetarierin“ vor zehn Jahren auch in Deutschland bekannt geworden ist.
Sie ist nicht zum ersten Mal zu Gast auf der lit.Cologne, aber zum ersten Mal als Literaturnobelpreisträgerin – 2024 war die Südkoreanerin vom schwedischen Komitee ausgezeichnet worden. Anlass genug für eine lit.Cologne-Spezial-Ausgabe. Eine „unbeschreibliche Wärme und Sanftheit“, schreibt Han Kang weiter im „Goldenen Faden“-Text, habe sie empfunden, als sie ihre neue Bleibe zum ersten Mal betrat. Später wird ihr ihre Mutter erzählen, dass sie in genau so einem traditionellen koreanischen Haus, einem Hanok, bis zu ihrem dritten Lebensjahr aufgewachsen sei. Han Kang selbst hat keine Erinnerung daran.
Winzig ist auch das Beet, in dem die Schriftstellerin ihren ersten eigenen Garten anlegen will: „Ein langgestrecktes Rechteck, 180 Zentimeter breit und 40 Zentimeter tief, gefüllt mit Erde und einem Rand von der Höhe eines halben Ziegelsteins.“ Darin pflanzt sie unter anderem Fächerhortensien und Schneeball-Ahorn, Lilien-Funkien, Funkien und Lilientrauben. Das klingt wie ein geheimer Code.
Ein Lob der Reflexion
Das Beet liegt auf der Nordseite. Um ihren Pflanzen das Licht zu geben, das sie zum Wachsen brauchen, kauft Han Kang mehrere verstellbare Tischspiegel. Die sollen die Sonnenstrahlen in die richtige Richtung lenken. So lernt die Autorin, die zuvor in verschatteten Wohnungen gelebt hatte, die erstaunliche Geschwindigkeit der Erdrotation kennen. „An Tagen“, liest Kunzendorf, „an denen ich den Sträuchern Licht gebe, bin ich vollauf damit beschäftigt, mit diesem Tempo Schritt zu halten. Die acht Spiegel müssen etwa alle 15 Minuten neu ausgerichtet werden, damit jede Pflanze gleichermaßen Sonne abbekommt.“
So schreibt Han Kang: Aus dem Kleinsten, aus trügerischer Ruhe, entfalten sich gewaltige Kräfte. Still pflegt die Autorin ihr winziges Beet und rast dabei durch den Kosmos. In Seoul dreht sich die Erde mit 1300 Stundenkilometern um die eigene Achse. Und nebenbei ist ihr kleiner Gartentext ein Lob der Reflexion. Die erst bringt das Licht, mit dem wir über uns hinauswachsen. Dem Garten gehe es sehr gut, erzählt Han Kang der Moderatorin Julia Encke. Die Pflanzen seien mittlerweile ziemlich hoch gewachsen, gingen über das Dach hinaus. „Ich glaube, sie wollen meinem Haus entfliehen. So wie Kinder. Sie haben genug Licht durch die Spiegel bekommen und sind jetzt groß genug.“
Auch wenn meine Gäste noch in Zukunft Kamillentee vorbeibringen würden, würde ich es dankbar entgegennehmen, weil es bedeutet, dass Sie meinen Worten gelauscht haben.
Enkes Fragen haben sich scheinbar ganz der Welt der bescheidenen Autorin angepasst, die ihren Nobelpreis mit einer Tasse Kamillentee gefeiert hat. Seitdem brächten Gäste ihr Kamillentee vorbei, der reichte inzwischen für zehn Jahre. Welchen Tee denn die nächsten Besucherinnen und Besucher mitbringen sollen, will die Moderatorin wissen. Ihre Fragen schrammen oft an der Banalität vorbei, aber sie entlocken Han Kang Antworten, die immer höflich, oft charmant und gelegentlich von grundstürzendem Gehalt sind. „Auch wenn meine Gäste noch in Zukunft Kamillentee vorbeibringen würden“, sagt Han Kang, „würde ich es dankbar entgegennehmen, weil es bedeutet, dass Sie meinen Worten gelauscht haben.“
Das Haus ihrer frühen Kindheit stand in Gwangju. Im Mai 1980, wenige Monate, nachdem die Familie nach Seoul umgezogen war, fand hier eine Demonstration gegen das Militärregime statt, das Südkorea damals regierte. Die Proteste wurden von der Diktatur brutal niedergeschlagen, mehr als 150 Menschen wurden getötet. Ein Fotoband mit Bildern des Massakers stand bei Han Kangs Eltern im Bücherregal. „Die Erwachsenen“, erzählt sie in Köln, „wollten nicht, dass wir Kinder diesen Fotoband anschauen, deswegen stellen sie das Buch mit den Seiten nach vorn ins Regal.“
Was dem Kind natürlich erst recht auffiel. Es fischte den Band heraus, sah die Bilder und las die Texte. Das Vertrauen in die Menschen, sagt Han Kang, habe sie nur durch das Schreiben zurückgewinnen können. Immer wieder, schreibt sie in ihrer Nobelpreisrede, habe sie sich gefragt: „Warum ist die Welt so gewalttätig und schmerzvoll? Wie kann die Welt gleichzeitig so schön sein?“ So liest es Nina Kunzendorf vor. Und Julia Encke fragt die Autorin, wie das für sie sei, ihre Bücher auf Deutsch zu hören. Han Kang wendet sich direkt an Kunzendorf und sagt: „Es war wirklich wunderschön.“ Aus dem Publikum folgt ein kollektives „Ohh“.
Der goldene Faden, der uns einander nahebringt, schreibt Han Kang, ist die Sprache. Sie lädt diesen Faden elektrisch auf und bringt ihn zum Leuchten.
