„Biologie ist oberflächlich, Intelligenz künstlich/ Unterwerft euch“, forderte Claire Boucher vor anderthalb Jahren auf „We Appreciate Power“ („Wir schätzen Macht“), der Vorabsingle zum lange angekündigten fünften Album ihrer Popstar-Persona Grimes. Für das martialische Stück, erklärte Boucher, habe sie sich von der nordkoreanischen Propaganda-Girl-Group Morabong inspirieren lassen. Aber wie ernst der K.-I.-Faschismus des Songs denn nun gemeint ist, ließ sie offen.
Schon drei Jahre zuvor hatte sie für ein Video die Figur „Rococo Basilisk“ entworfen, eine Anspielung auf das „Roko’s Basilisk“ genannte Gedankenexperiment, demzufolge eine zukünftige künstliche Intelligenz kritische Stimmen retroaktiv bestrafen könnte, auch diejenigen, die nur von ihrer möglichen Entwicklung gehört, aber nichts unternommen hatten, um diese herbeizuführen. Was jeden einschließt, der die letzten Sätze gelesen hat. Am besten also, man unterwürfe sich der möglichen K. I. im Voraus.
Elon Musk, der visionäre, aber höchst umstrittene Chef von Tesla und SpaceX, erwies sich als einer der wenigen, die Bouchers Anspielung verstanden. Bald darauf bildeten die futuristische Musikerin und der waghalsige Unternehmer ein Paar, wie es sich Ayn Rand, die Hohepriesterin des Hyperkapitalismus, nicht besser hätte ausdenken können.

Das neue Grimes-Album „Miss Anthropocene“ ist am Freitag erschienen.
Copyright: dpa
Was uns zu „Miss Anthropocene“ (ein Kofferwort aus „Misanthrop“ und „Anthropozän“), der nun endlich erschienenen, fünften Grimes-Platte bringt. Bei der, erklärte Boucher vorab, handele es sich um ein Konzeptalbum über die „anthropomorphische Göttin des Klimawandels“, auf dem jedes Lied das Aussterben der Menschheit auf eine andere Weise verkörpere. Was sie damit bezwecke, verriet sie dem „Wall Street Journal“: „I want to make climate change fun.“ Womit ihr das Kunststück gelungen war, den zweitwiderlichsten Satz nach „Make America great again“ zu prägen, zumindest für liberale Gemüter.
Die haben jetzt ein Problem mit Grimes, was nicht zuletzt daher rührt, dass die Kanadierin einst als feministische Jeanne d’Arc angetreten war, als Bannerträgerin für ein neues Künstlerinnenmodell der Millennials, emanzipierter und nahbarer. Ihr 2012er Album „Visions“ hätte kaum passender betitelt sein können: Wie Boucher hier zum selbst gebastelten, hypernervösen Soundtrack aus voreingestellten Synthie-Sounds und niedlichen Dance-Pop-Refrains mit verhallter Heliumstimme von sexuellen Übergriffen, beruflicher Überlastung und Beziehungsparanoia singt, das setzte formal und inhaltlich Maßstäbe für die Zehner Jahre. Und bereitete nicht zuletzt den Weg für den heutigen Mainstream-Erfolg von Billie Eilish.
Dass sich die einstige Lichtgestalt jetzt allem Anschein nach auf die dunkle Seite des Transhumanismus und Überwachungskapitalismus geschlagen hat, bedient altlinke Muster von Vertrauensbruch und Klassenverrat. Zuletzt präsentierte sie sich auch noch auf Instagram als werdende Mutter, das Kind stammt vermutlich von Musk. Der Popkritiker Jens Balzer, ein einstiger Fürsprecher, schimpfte sie in der „Zeit“ prompt eine „Silicon-Valley-Angestellte“, die sich zur „Maschinenwesen-Mutter“ habe befruchten lassen. Worauf man mit der anderen großen Popfeministin Robyn antworten möchte: „Don’t fucking tell me what to do!“
Denn wovon singt Grimes wirklich auf „Miss Anthropocene“? Hinter dem hochartifiziellen Konzept, all den Verweisen auf Bollywood-Fantasy-Filme oder Jack Kirbys „New Gods“-Comicserie, verbergen sich die Klagen einer reifenden Freiheitskämpferin: Über früh an Opioiden gestorbene Wegbegleiter, über die jeder Beziehung inhärente Gewalt, über den Verlust von Autonomie. Erwachsen werden ist hart, selbstbestimmt Leben auch, mit oder ohne Elon Musk. Da kann man schon mal davon träumen, sich einfach einem Algorithmus zu unterwerfen. Tatsächlich aber hat Boucher „We Appreciate Power“ vom fertigen Album gestrichen.
Grimes, Popmusikerin
