Jeden Morgen um 5 Uhr aufstehen und um 20 Uhr abends nach Hause kommen. So sah mein Alltag als Oberstufenschülerin aus. Ich habe damals an einem Kölner Gymnasium begleitend eine Ballettausbildung gemacht. Bis zum Abitur habe ich aber noch bei meinen Eltern in Hilden gewohnt. Es bedarf also schon sehr viel Leidenschaft, um Tänzerin zu werden. Und am besten hat man einen doppelten Boden, wenn man mal zwei Monate nichts verdient. Oder wenigstens irgendwo ein Sofa, auf dem man schlafen kann. Auf jeden Fall ist das kein Beruf, den man bis zum Ruhestand mit 67 macht. Weil ab irgendeinem Punkt der Körper das nicht mehr mitmacht. Und wenn man einmal raus ist – zum Beispiel um ein Kind zu bekommen –, dann ist es auch extrem schwierig, wieder einzusteigen.
Moderner Tanz mag auf viele erst einmal sehr abstrakt wirken. Aber das ist in vielen Fällen eine unbegründete Angst, denn der Tanz ist viel zugänglicher geworden. Und es reicht ja schon ein ästhetischer Eindruck, den man für sich mitnimmt. Ich komme nicht aus einer Künstlerfamilie, wo mir das in die Wiege gelegt wurde, und musste mein Auge auch dafür schulen. Aber je mehr ich ins Theater gegangen bin, desto mehr konnte ich es genießen.
Köln erzeugt Reibung im positiven Sinn
Nach meinem Abitur 2007 bin ich zum Studium in die Niederlande gegangen. Anschließend hatte ich ein Engagement an einem polnischen Tanztheater. Und seit 2015 bin ich wieder hier – ich hatte tatsächlich Sehnsucht nach Köln, wo ich noch Freunde hatte und meine Familie nicht so weit weg ist. Und ich finde die Stadt ziemlich ehrlich, offen und edgy – die Stadt erzeugt Reibung, im positiven Sinn. Trotzdem bin ich erst einmal in eine tiefe Krise gestürzt, weil es sehr schwierig für mich war, hier einen Job zu finden. Dann lernte ich Leute kennen, über die ich Aufträge bekam. Mein Lebenslauf füllte sich, und so wurde es nach und nach leichter.
Von Anfang an war ich immer viel im Orangerie-Theater. Die machen ein sehr buntes Programm aus ganz vielen verschiedenen Genres. Und für mich ist Kunst am spannendsten, wenn sich die Grenzen der verschiedenen Sparten aufheben. Inzwischen hat Sarah Youssef dort die künstlerische Leitung und ich finde, das Team macht da einen tollen Job. Und es ist auch einfach ein sehr schöner Ort.
Genauso wie das Schauspiel in Mülheim, wo ich auch gerne war. Zum Beispiel beim Birlikte-Festival. Aber natürlich auch, wenn große internationale Tanz-Gastspiele kamen – insbesondere Gruppen aus Belgien und Holland, die ich noch aus meinem Studium kannte. Um die Karten muss man sich allerdings immer früh bemühen. Und dann war es dort auch immer schön, weil man viele andere Kollegen und Kolleginnen getroffen hat, und sich danach im Carlsgarten noch darüber austauschen konnte, was man gesehen hat.
Für die Zukunft des Depots sieht es düster aus
Durch Stadtteil-Arbeit und partizipative Projekte hat es das Depot geschafft, ein eigenes Publikum zu erschließen. So ist diese Hemmschwelle verschwunden, zu denken: „Theater ist für mich nicht zugänglich, ich passe nicht dahin.“ Dieses Publikum nehmen wir nicht mit an den Offenbachplatz, das verlieren wir wieder. Diese Menschen werden sich von diesem neu renovierten Bau am Neumarkt nicht angesprochen fühlen. Und von den hohen Ticketpreisen natürlich auch nicht. Das ist total traurig. Ich glaube übrigens auch nicht, dass die sich stattdessen Tickets fürs Musical kaufen werden.
Für die Zukunft des Depots, nach dem Wegzug des Schauspiels, sieht es ja leider düster aus. Ich habe viele Kollegen und Kolleginnen, die sich über Jahre sehr engagiert haben. Nach und nach sind diese ganzen Träume weggebrochen. Und nun sieht es sogar so aus, als sei das ganze Kooperationshaus Geschichte. Bei kulturpolitischen Treffen reden wir viel mit Leuten aus Politik und Verwaltung. Die sind meist total zugewandt, verstehen unsere Probleme, wollen mit uns gemeinsam arbeiten. Und plötzlich wird dann vom Kulturdezernenten alles vom Tisch gewischt, was einem vorher zugesagt wurde – wie jetzt beim Depot. Obwohl es dazu ja sogar einen Ratsbeschluss gibt. Da vermisse ich noch den ganz großen Aufschrei.
Dabei waren die Pläne so vielversprechend: den Tanz, das städtische Schauspiel und die freie Szene in den Depot-Gebäuden in Mülheim unter einem Dach zusammenzubringen. Ich hatte große Hoffnungen, was passieren könnte, wenn die verschiedenen Gruppen und Projekte da aufeinandertreffen und sich gegenseitig befruchten. Gerade um diese Trennung zu überwinden zwischen der sogenannten Hochkultur, den großen Companien und der freien Szene. So ein Kooperationshaus an einem etablierten Ort hätte eine große Sichtbarkeit für alle geschaffen. Das hätte ich gefeiert.
Ein Rückschlag für die ganze Stadt
Dass das Projekt nun eingespart werden soll, ist also ein Rückschlag für die ganze Stadt. Aber besonders für die freie Szene. Dabei ist sie so wichtig für ein lebendiges Kulturleben einer Großstadt wie Köln, weil sie unabhängig und innovativ ist. Es gibt super viele Beispiele für Formate, die die freie Szene entwickelt hat und die von städtischen Häusern übernommen wurden. Mit Expertinnen des Alltags zu arbeiten – damit haben Rimini-Protokoll zum Beispiel angefangen. Auch Größen wie Florentina Holziger hatten ihre Wurzeln in Off-Spaces. Nur in der freien Szene kann so etwas erprobt werden. Denn die städtischen Häuser brauchen eine andere wirtschaftliche Sicherheit.
Das heißt aber nicht, dass wir zaubern können. Wir brauchen auch eine Grundvoraussetzung dafür, dass wir diese innovative Arbeit leisten können. Gerade habe ich aber nicht das Gefühl, dass der Wert dessen immer anerkannt wird. Ich fühle da oft diesen Rechtfertigungsdruck: Wie viele Leute kommen ins Theater? Wie viele Produktionen hast du geschafft? Wie viele Förderungen hast du abrufen können? Wie viele Logos kannst du auf deinen Flyer drucken? All diese wirtschaftlichen Parameter, die sich einfach nicht so anlegen lassen als Schablone an eine freie Szene.
Fragen zu stellen, eine Gesellschaft kritisch zu reflektieren, Gemeinsamkeit mit dem Publikum herzustellen – gerade das, was eine freie Szene macht, ist unheimlich wichtig für eine funktionierende Demokratie. In einer Zeit, in der es einen Rechtsruck gibt und in der autokratische Parteien in Positionen kommen, in denen sie Macht haben, ist es sehr gefährlich, jetzt ausgerechnet in der Kultur und im Sozialen zu kürzen. Mal davon abgesehen, dass bei uns ja ohnehin nur wenig zu holen ist. Und AfD und Co. freuen sich natürlich, wenn das kritische Hinterfragen einer Gesellschaft und eines Systems unterbunden wird.
Dass das immer das Erste ist, was weggespart wird, kann man sich in anderen autokratischen Ländern anschauen. Und da wir keine Lobby haben, brauchen wir dringend einen Schutz von der Politik und von der Verwaltung. Der droht gerade wegzubrechen. Auch weil die Stadt gerade dabei ist, ihre Zukunftsvision für den Tanz in Köln zu verkaufen.
Kulturtipps für den November
1. Barnes Crossing: Ich habe letztens selbst wieder da gespielt. Weil es in Rodenkirchen liegt, denken die Menschen oft, es sei so weit raus, aber eigentlich sind es vom Chlodwigplatz mit der KVB nur 12 Minuten bis zur Station Michaelshoven und von dort läuft man keine 10 Minuten. Und ich finde, die ganze Wachsfabrik ist ein wunderbarer Ort, und nach Performances empfehle ich bei Ringo im Café dann noch ein Getränk. 2. Ich sagte ja, dass ich oft Off-Spaces toll finde, die unter dem Radar laufen. Da denke ich zum Beispiel an die Niehler Freiheit, einen Kulturverein und spannenden Ort auf dem Gelände einer ehemaligen Autowerkstatt in Bickendorf. Die haben tolle alternative Veranstaltungsformate in allen möglichen Kunstsparten. 3. Und für Neugierige, die Lust haben auf einen abwechslungsreichen Abend, kann ich die Kölner Theaternacht empfehlen. Die findet dieses Jahr am 29. November dann voraussichtlich tatsächlich im Depot in Mülheim statt. Da werde ich auf jeden Fall hingehen!Außerdem läuft das Moovy Tanzfilmfestival bis zum 18. Oktober im Filmforum NRW, es gibt gerade wieder eine schöne Ausstellung im Kunsthafen, die Ehrenfeldstudios machen tolle intergenerationale Tanz-Projekte und um die Ecke davon ist das Studio11 – ein tolles sogenanntes Mikrotheater, das kleine Produktionen zeigt.

