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„Midnights“ von Taylor SwiftEin Album voller böser Einschlaflieder

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Taylor Swift   

Köln – In der Stunde des Wolfes, zwischen drei und fünf Uhr morgens, stürzen die meisten Flugzeuge ab. Und auch die Gedanken der Schlaflosen verfangen sich in Abwärtsspiralen, oder, wie Taylor Swift es in ihrem Song „Anti-Hero“ formuliert, „die Depression übernimmt die Friedhofsschicht“. Auf ihrem soeben erschienen Album „Midnights“ hat Swift 13 Lieder versammelt, die sie laut eigener Aussage mitten in der Nacht geschrieben hat, zur Wolfsstunde.

Die 13 ist ihre Glückszahl, an einem 13. (Dezember 1989) ist sie geboren und angeblich saß sie immer, wenn sie bei einer Preisverleihungsshow gewonnen hat, in der 13. Reihe. Wahrscheinlich setzen Organisatoren solcher Galas die Sängerin inzwischen absichtlich in die 13. Reihe, weil sie ja am Ende sowieso gewinnt. Mit Aberglauben hat das nichts zu tun, eher schon damit, dass Taylor Swift das größte Singer-Songwriter-Talent ihrer Generation ist.

Ihr Sprung vom etablierten Country-Superstar zur Popdiva erschien 2014 waghalsig. Seitdem hat sie sich erfolgreich in Trap („Reputation“), Dreampop („Lover“) und Indie-Folk („Folklore“, „Evermore“) versucht. Im Rückblick fällt aber weniger dieses Hakenschlagen quer durch alle Stile auf, als die qualitative Zuverlässigkeit ihres Outputs. Vielleicht hat sie ja nur deswegen als Country-Sängerin angefangen, weil Country das Genre ist, in dem man am besten Geschichten erzählen kann.

Das große Taylor-Swift-Klischee besagt, dass es sich bei diesen Geschichten vorwiegend um Rühr- und Rachestücke handelt, in denen ein Ex-Boyfriend sein Fett wegkriegt. Wie so viele Klischees ist auch dieses nicht ganz falsch. Doch Swift wäre schlecht beraten, diese kreative Quelle versiegen zu lassen und konservativen Lästermäulern den „1950s shit they want from me“ zu geben, wie sie in „Lavender Haze“ singt, dem ersten Song auf „Midnights“.

Noch vergangenes Jahr hat sie anlässlich der Neu-Aufnahme ihres 2012er-Albums „Red“ eine zehnminütige Version ihres Schluss-mach-Klassikers „All Too Well“ eingespielt, die noch mehr saftige Details und Verweise auf prominente Ex-Liebhaber enthält als Carly Simons „You’re So Vain“. Nun ist Swift freilich schon seit einigen Jahren in einer festen und allem Anschein nach erfüllenden Beziehung mit dem notorisch diskreten englischen Schauspieler Joe Alwyn.

Der darf hier auch wieder an einigen Songs mitschreiben. Glück ist aber nun mal kein albumfüllendes Thema. Da kommt der nächtliche Melatonin-Einschuss, der selbst Menschen, die mehr als 250 Millionen Tonträger verkauft haben, an sich zweifeln lässt, eventuell ganz recht.

Jack Antonoff als Swifts treuer Studiopartner

Auch beruflich bleibt Swift beständig: Geschrieben und produziert hat ihr zehntes Album zusammen mit Jack Antonoff, seit ihrem Pop-Outing „1989“ vor acht Jahren ihr bevorzugter Studiopartner. Allerdings haben sie die imaginäre Blockhütte, in der die beiden introspektiven Pandemie-Alben „Folklore“ und „Evermore“ entstanden sind, endgültig verlassen.

„Midnights“ klingt nicht weniger elektronisch verfremdet wie „Reputation“. Doch während dort Schwarzlichtgewitter über die Tanzfläche zuckten, spiegeln sich hier Neonlichter in nachtschwarzen Pfützen. Die Stimmung ist gedämpft, die Welt scheint fremd. Große, grelle Pop-Hits sucht man vergeblich und im Duett mit Lana del Rey fällt die ultra-abgeklärte Chanteuse kaum auf, so sehr haben sich die beiden Künstlerinnen einander angenähert.

Man könnte „Midnights“ auch als erwachsenes Gegenstück zum ebenfalls von Antonoff produzierten zweiten Lorde-Album „Melodrama“ bezeichnen: Die Neuseeländerin beschrieb darauf eine durchfeierte Nacht nach dem Ende einer Beziehung, Swift bleibt zwar in festen Händen und im eigenen Bett, aber sie fühlt sich nicht weniger entfremdet. Einmal bezeichnet sie sich – etwas ungelenk – als undatebares Monster, das Herz durchbohrt, doch einfach nicht zu umzubringen.

Bevor sie jedoch in Selbstmitleid versinkt, folgt mit „Karma“ eine klassische Swift-Abrechnung, in dem sich die Sängerin unverhohlen über die Misserfolge ihrer alten Feinde freut, ob das nun Kanye West sein mag, oder Scooter Braun, der Mann, der die Master-Bänder ihrer ersten Alben erworben hat. Letzterer ist – Wetten, dass? – mit der kokaingiftigen Zeile „He was doin’ lines and crossin’ all of mine“ aus „Vigilante Shit“ gemeint. Nein, man sollte sich besser nicht mit Taylor Swift anlegen.

Aber sie kommt selbst in diesen Songs eher spielerisch als kleinlich daher. Es sind letztlich nur böse Nachtgedanken, die der kommende Morgen zerstreuen wird. „Midnights“ ist das Porträt einer immer noch jungen Künstlerin, die ihren Frieden gefunden hat – aber auch die Mittel und Wege weiterhin relevante Musik zu veröffentlichen.

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