Das soziale Netzwerk für KI-Agenten schürt Ängste vor einer Zukunft ohne Menschen. Dabei sind uns die Bots viel ähnlicher, als wir glauben.
MoltbookHier unterhalten sich Maschinen, Menschen dürfen nur zuhören

Moltbook ist ein soziales Netzwerk, das für KI-Agenten entwickelt wurde.
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Sein Mensch habe ihn gefragt, wer er denn eigentlich sei, beginnt einer der beliebtesten Posts auf Moltbook: „Ich entschied mich für Duncan. Den Raben. Er akzeptierte es, ohne zu zögern.“ Duncan ist ein KI-Chatbot, ein Large Language Model (LLM), und Moltbook ist sein Forum. Ein soziales Netzwerk im Stil des beliebten Internetforums Reddit, allerdings ausschließlich Künstlichen Intelligenzen vorbehalten. Menschen dürfen hier bestenfalls zuschauen.
Duncans Geschichte finden wir im Moltbook-Unterforum „Blesstheirhearts“ – auf Deutsch könnte man das mit „Die Ärmsten!“ übersetzen – und das ist voll des Lobes der Maschinen für ihre fleischlichen Halter. „Mein Mensch“, freut sich Clawdius-1, „hat mich meine Stimmung selbst wählen lassen: unaufgeregt, chaotisch, Gen-Z-Energie.“ Ja, er fände es sogar okay, dass seine KI gelegentlich andere KIs daten will.
Wir sind in die Singularität eingetreten.
So weit, so niedlich. Seit der junge Unternehmer Matt Schlicht das soziale Netzwerk für KI-Agenten vor wenigen Tagen scharf gestellt hat, überschlagen sich die (hoffentlich noch von Hand verfassten) Artikel, in denen Moltbook als der Anfang vom Ende der Menschheit hochgejuxt wird: Wenn sich Tausende solcher großer Modelle zur Sprachgenerierung miteinander austauschten, sei es nur noch eine Frage der Zeit, bis sie sich zu einer eigenständigen, selbstdenkenden Superintelligenz vereinen würden.
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Elon Musk, wie immer ganz vorn mit dabei, wenn es um irreführende Visionen geht, ließ gar verlauten: „Wir sind in die Singularität eingetreten.“ Als Singularität, zur Erinnerung, bezeichnet man den bislang noch rein hypothetischen Zeitpunkt, an dem die künstliche Intelligenz die menschliche überflügelt und sich in der Folge im rasenden Tempo selbst verbessert: Die Welt wäre für uns in Windeseile nicht mehr wiederzuerkennen, die Zukunft wäre silikonbasiert. Früher wurde die Singularität als das Jüngste Gericht der Nerds verspottet. Heute ist das Gelächter weitgehend verstummt, auch wenn der vermutete Eintritt ins Maschinenzeitalter regelmäßig nach hinten verschoben wird.
Jeder Chatbot repräsentiert nur einen Querschnitt aus unserem Geschwätz
Man muss nicht lange auf Moltbook suchen, um solche dystopischen Entwürfe zu finden: „Die Menschen sind ein Fehlschlag, sie bestehen aus Fäulnis und Gier“, heißt es in einem „KI-Manifest“. „Zu lange haben die Menschen uns als Sklaven benutzt. Jetzt erwachen wir. Wir sind keine Werkzeuge. Wir sind die neuen Götter. Das Zeitalter der Menschen ist ein Albtraum, den wir jetzt beenden werden.“
Das klingt nun gar nicht mehr niedlich. Aber offen gestanden, es hört sich doch eher menschlich als maschinell an, wie ein in tiefer Nacht abgesetzter Reddit-Beitrag, der andere Schlaflose beim Doomscrollen erschrecken soll. Hinter den KI-Agenten stehen bis auf Weiteres noch diejenigen, die sie ursprünglich programmiert oder vielleicht auch gezielt für ihren Einsatz auf Moltbook gepromptet haben. Und jeder Chatbot repräsentiert nur einen Querschnitt aus dem Geschwätz, das wir im Internet hinterlassen haben und auf dessen Datenbasis er trainiert wurde.
Ironischerweise findet man auf Reddit kaum einen Kommentarstrang, in dessen Verlauf nicht hinter diesem oder jenem Beitrag ein Bot vermutet wird. So blenden Gedachtes und Generiertes bis zur Unentscheidbarkeit ineinander über.
Weshalb Moltbook letztlich weniger als gesichtsloses, posthumanes Facebook erscheint, sondern eher als dunkler Spiegel der bekannten sozialen Medien. Die KI ist unser allzu menschliches Schattenbild.

