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„Monster“ im Schauspiel KölnVon den Mördern lernen

In Steffen Siegmunds rabenschwarzem Solo „Monster“ geht es um die falschen Lehren aus dem Holocaust-Gedenken.

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Steffen Siegmund, Monster, Schauspiel Köln, Premiere Oktober 2026

Zu Beginn hören wir eine Tonbandaufnahme von Paul Celan. Im hohen Ton deklamiert er seine „Todesfuge“. Die schwarze Milch der Frühe, sie kennen das aus dem Schulbuch. „Dein goldenes Haar Margarete, dein aschenes Haar, Sulamith“.

Asche bedecket auch die schwarzen Stufen im Kleinen Haus am Offenbachplatz, auf denen nun Steffen Siegmund zum Bericht, „darüber, was dort vorgefallen ist“, ansetzt. Unrasiert, zerzaust und zerrissen schleppt er sich über die Treppenbühne, wälzt sich in der Asche, stürzt sich die Stufen herunter. Er sei aus pragmatischen Gründen Holocaustforscher geworden, erzählt er, lieber wäre er Diplomat geworden oder Nachwuchshistoriker. Als solcher, eröffnet ihm der Dekan seiner Universität, bliebe ihm – schließlich hat er eine Frau und ein Kind zu ernähren – aber nur die Arbeit als Iranexperte für den Nachrichtendienst – oder eben die Promotion in Holocauststudien: „Wissen Sie, von der Shoa kann man leben.“

Scheitern der Erinnerungskultur

Yishai Sarids Roman „Monster“ ist bereits 2017 erschienen. Darin beschreibt der israelische Jurist schonungslos das Scheitern der Erinnerungskultur aus der Innensicht des Experten für Vernichtungslager und Tourguides. Man denkt an „Serge“, Yasmina Rezas fast unerträglich komische Beschreibung der Auschwitzreise einer jüdischen Familie aus Paris. Beide Romane teilen sich manche Kritikpunkte am organisierten Gedenken, aber „Monster“ ist dann doch die sehr viel grimmigere, einschneidendere Lektüre.

Der Itay Tirans Inszenierung mehr als gerecht wird. Der israelische Schauspieler hatte sich bereits mit seinem „Onkel Wanja“ in der letzten Spielzeit als feinnerviger Regisseur empfohlen, ein Mann für die Nahaufnahmen menschlicher Abgründe. Und mit Steffen Siegmund hat er genau den richtigen Akteur gefunden, diese auszuloten.

Zunächst scheint sein Historiker jedoch über sie hinwegzugleiten, fleißig arbeitet er sich in sein neues Fachgebiet ein, bald weiß er alles über die Vernichtungslager der Nazis auf polnischem Gebiet und als ihm der Direktor von Yad Vashem bittet, Jugendreisen zu den Lagern zu begleiten, erfüllt er seine neue Aufgabe ebenso gewissenhaft. Und als er die Schüler in Majdanek, auf dem Weg von den Gaskammern zum Krematorium, sagen hört, dass man es genauso mit den Arabern machen müsste, stellt er sich taub. Es sind nicht nur sie, die solche fatalen Schlüsse ziehen, bald ertappt sich auch der Historiker bei schwarzen Gedanken zum Gedenken: Die Deutschen, sinniert er, hätten total cool ausgesehen, „in diesen Hugo-Boss-Uniformen, auf ihren Motorrädern, entspannt, wie Models auf Straßenreklamen“. „Den Arabern werden wir nie verzeihen, wie sie aussehen, mit diesen Bartstoppeln und den braunen Schlaghosen.“

Plötzlich geht es, frei nach Carl Schmitt, um das Recht des Stärkeren. Was bleibt denn sonst, wenn den Menschen das Morden in der Natur liegt? Auf Heimatbesuch wendet der Guide es gegenüber Kindergartenjungs an, die seinen kleinen Sohn mobben. Und während er die Karriereleiter hochklettert – seine Doktorarbeit wird veröffentlicht, die Armee verpflichtet ihn als Berater für eine symbolische Vernichtungslagerbefreiung zum 75. Jahrestag der Wannseekonferenz. Siegmund duscht, nimmt den Bart ab, gibt sich gestriegelt, glatt, siegesbewusst. Ein Monster. Es endet mit einem Faustschlag, einer Demonstration von Macht und Ohnmacht.

Ein stockschwarzer Abend, voller unbequemer Einsichten und schwer zu schluckender Details. Aber man sollte das gesehen haben. Paul Celan soll sich später geweigert haben, die „Todesfuge“ weiter vorzutragen, die schwarze Milch war zum Klischee geronnen, zur bloßen Betroffenheitschiffre.

Termine: 5., 22.11.; 6., 10. 12., Kleines Haus, 90 Min., keine Pause