Vor vier Jahren befand sich das Bergson Kunstkraftwerk in München im Umbau, vom einstigen Aubinger Heizkraftwerk waren nur rohe Betonwände geblieben. Inmitten der kargen Kulisse, in der es mächtig hallte und sich das fahle Licht eher scheu ausbreitete, spielte Maxine Troglauer die Sonate für Flöte (Wq 132) von Carl Philipp Emanuel Bach aus dem Jahr 1747 – in ihrem eigenen Arrangement, mit improvisierter Einleitung als persönlicher Version für ihr eigenes Instrument: die Bassposaune.
Im Videomittschnitt umkreist die Kamera die Musikerin unentwegt, so, als staune sie selbst über diesen freien, virtuosen Vortrag. Auf der Baustelle, erinnert sich Maxine Troglauer, waren es vier Grad, was die Sache nicht gerade leichter gemacht habe. Und doch perlen die Töne der Bassposaune zwischen Kontrabass und Tenorhöhe so elegant wie feierlich. Jenseits von Reibungsenergie, Atemkunst und Ventiltechnik füllt sich der (Resonanz-)Raum mit Emotionen und wärmenden Klangfarben.
Maxine Troglauer zeigt eindrucksvoll, welch bereichernde Solostimme ihr klangmächtiges Instrument besitzt. Einerseits der Klassik nah, erschafft sie zugleich meisterhaft zeitgenössische Musik, in der das Alte und das Neue in ein intensives Verhältnis treten. Da es nicht viel Repertoire für Solo-Bassposaune gibt, hat sie manches umgeschrieben, neben Bachs Flötensonaten etwa auch Benjamin Brittens Solo-Oboen-Stücke. Hinzu kommen Jazz und improvisierte Musik: Auf ihrem Debütalbum „Hymn“ greifen Epochen und Stile kraftvoll ineinander, Klassik, Moderne und Jazz verbinden sich zu einer fantastischen Reise durch die Welt der (überwiegend) tiefen Frequenzen.
Fulminante Zwiesprache
Anfang und Ende des Albums gehören der Solo-Bassposaune (im „Epilogue“ mit brillanten Multiphonics), dazwischen gibt es wirkmächtige Begegnungen: „Cantus Firmus“ ist eine fulminante Zwiesprache mit Kontrabassist Robert Lucaciu, danach folgen unterschiedlich besetzte Trios mit Lucaciu, Pianist Julius Windisch, Schlagzeuger Wouter Kühne und Trompeter Peter Evans. Auf der Spitze des Klanggebäudes thront das Titelstück mit allen Beteiligten: Bassposaune, Kontrabass, (teils präpariertes) Klavier, Synthesizer, (Piccolo-)Trompete und Schlagzeug weben ein dichtes Netz. Besonders Evans’ aufregende Improvisationen strahlen wie gleißendes Licht, bevor das Stück abrupt stoppt und ins titelgebende Hymnische einmündet.
Jazz hat Maxine Troglauer erst spät für sich entdeckt: „Anfangs dachte ich, ich müsse Jazz strategisch klug hören, um zu verstehen, worum es dabei geht. Also hörte ich Oscar Peterson, Miles Davis, John Coltrane, Charlie Parker, wobei mich zunächst manches überforderte. Irgendwann blieb ich beim norwegischen Saxofonisten Trygve Seim hängen. Ich liebe seine Musik mit dem Akkordeonspieler Frode Haltli. Dann aber dachte ich: Oh, das darf ich jetzt gar nicht hören, ich muss ja noch meine Oscar-Peterson-Platte zu Ende bringen.“
Dass sie sich von solch gewissenhaftem Vorgehen löste, hat viel mit David Taylor, dem Klangpionier auf der Bassposaune, zu tun: „2018 waren wir mit dem Bundesorchester auf USA-Tour, einige von uns hängten auf eigene Faust noch eine Woche New York an. Da hatte ich zum ersten Mal Unterricht bei David Taylor. Eigentlich hatte er kein pädagogisches Konzept, wir hörten viel Musik, redeten viel, vieles habe ich mir abgehorcht. Auch, wie man ein bisschen mehr Ellenbogen bekommt.“
Anmutiges Spiel von schwereloser Eleganz
Drei Jahre später machte sie an der Manhattan School of Music bei Taylor ihren Master, nebenbei hatte intensives Networking Früchte getragen. Peter Evans hörte und würdigte sie, ebenso die kanadische Trompeterin Ingrid Jensen. Wie sich New York für Maxine Troglauer angefühlt haben mag, lässt ein kunstvoll gestaltetes Video vom Mai 2020 erahnen: Daniel Schnyder hatte für sie das Stück „Tammuz“ komponiert. Im schwarz-weißen Video dazu verbinden sich in Found-Footage-Ästhetik die Tanzbewegungen einer Ballerina mit den sonoren Klängen der Bassposaune zu einem anmutigen Spiel von schwereloser Eleganz.
2021 kam Maxine Troglauer nach Berlin zurück, wo sie zuvor ebenso wie in Hannover studiert hatte. An der Staatsoper Hannover hätte sie bleiben können, sich dann aber für New York entschieden, nun suchte sie nach Herausforderungen außerhalb der Orchesterwelt. „Ich musste neu anfangen und habe mich intensiv darum bemüht, irgendwie und irgendwo anzudocken. Das war manchmal ziemlich frustrierend.“ Und doch reihten sich bald markante Stationen aneinander: Sie gab Solo- und Kammermusikkonzerte, spielte auf Festivals wie dem Beethovenfest Bonn, wofür sie mit der Harfenistin Teresa Raff Werke von Paul Hindemith, Hanns Eisler oder Thelonious Monk neu arrangierte. Sie spielte auf Florian Webers Album „Imaginary Cycle“ (2024), für das sie das Blechbläser-Ensemble zusammenstellte und das sie bis heute tief berührt.
In Helsinki führte sie mit dem UMO Jazz Orchestra unter Ed Partyka eine Suite mit Eigenkompositionen auf – ein hinreißendes Klangkunstwerk voller Strahlkraft, das einige Themen von „Hymn“ vorwegnimmt. Es folgten Projekte wie mit dem Nu Art Orchestra, dem Ensemble New Babylon oder Conny Bauers „Konradismen“, zudem sammelte sie Erfahrungen als Lehrende und Musikphysiologin. Bei alldem geht stets um eines: die gegenseitige Identifikation von Instrument und Mensch.
Inzwischen schlägt sie Wurzeln in Köln, im Loft spielt sie „Hymn“ nun erstmals im Live-Konzert. Statt Peter Evans ist Saxofonist Fabian Dudek dabei, Bruna Cabral spielt Schlagzeug und Vibrafon, einige neue Stücke kommen hinzu und ändern die Tonalität. Erhalten bleiben wird indes das, was Ingrid Jensen für die Liner Notes des Albums formulierte: Maxine Troglauers Musik ist ein „whirlwind of resonant adventures“ – ein Wirbelwind aus klangvollen Abenteuern.
Maxine Troglauer: „Hymn“. Konzert am 1.11., 19 Uhr, im Loft. Das gleichnamige Album erschien auf dem Label Fun in the Church. Infos: maxinetroglauer.net.


