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Neues Album von Kölner TrioBöse Geister werden vertrieben

Auf „Dark“ kommt die wunderbare Klangwelt des Trompeters Matthias Schwengler und seiner Band Soulcrane zum Ausdruck.

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Ein Mann spielt Trompete.

Der Trompeter Matthias Schwengler gründete das Trio Soulcrane vor mehr als zehn Jahren.

Gebannt lauscht man diesen Klanggeschichten. So elegant und anmutig verbinden sich Melodien, Harmonien und Rhythmen, dass man tanzen möchte. „Dark“, das neue Album des Kölner Trios Soulcrane, erzählt Geschichten in Jazz-Gestalt, mal kammermusikalisch, mal folkloristisch, oft beides zusammen. Mitunter wähnt man sich in einem Road Movie, in dem die Landschaften sanft vorbeiziehen und man sich wünscht, so lange wie möglich verweilen zu dürfen. Tatsächlich mutet „Dark“ an wie ein fein gewebter Soundtrack: Musik für jene Stunde, in der der Abend wie bei Rilke „nach innen horcht“. Müsste man das Album mit einem einzigen Wort umreißen, wäre dies: „warm“. Oder: „warmherzig“.

Der Trompeter Matthias Schwengler gründete Soulcrane vor mehr als zehn Jahren, in Philipp Brämswig (Gitarre) und Reza Askari (Bass) fand er kongeniale Mitspieler. Waren sie auf dem Debütalbum „Soulcrane“ (2017) tatsächlich noch zu dritt, lud Schwengler für spätere Alben Gäste ein: auf „Another Step We Take“ (2020) den Saxofonisten Matthew Halpin, der auch auf „Soulcrane & Strings“ (2022) zu hören ist, während es vor allem durch ein Streichquintett akzentuiert wird: Zwei Violen und drei Cellos vertiefen den ohnehin dunklen, nie jedoch düsteren Soulcrane-Sound. Weitere Gäste bei Audioaufnahmen waren Tony Lakatos aus Ungarn und Dimitar Liolev aus Bulgarien (mit dem das vitale Folk-Stück „Balkan Express“ entstand), John Ruocco, Seamus Blake, Denis Gäbel, Hanno Busch, Raphael Klemm und andere.

Weitere Klangfarben

Nun fügt „Dark“ weitere, prächtige Klangfarben hinzu. Als Gast schlägt der französische Akkordeon-Spieler Laurent Derache den Bogen von mal balkanischer, mal maritimer Volksmusik über Tango und Jazz hin zu neoromantischer Klassik. Schwengler: „Soulcrane ist ja ein Trio ohne Schlagzeug, da fehlen uns gelegentlich die Obertöne. Das gleicht das Akkordeon perfekt aus und schafft zugleich diesen Orchester-Effekt. Hinzu kommt: Mein Opa war Bergarbeiter, er spielte so ein Schifferklavier oder Seemannsakkordeon.“ Dass sich das Album auch aus Schwenglers Erinnerungen an seine Heimat im Ruhrgebiet speist, signalisieren zwei Grubenlampen auf dem Cover. Vor allem aber ist es die Musik, die eine „leuchtende Dunkelheit“ besitzt, als wäre sie wie glitzernde Kohlestücke in einem Flöz abgebaut.

Zu einem der vielen schönen Stücke auf „Dark“ gibt es eine ebenso schöne Geschichte. Am Rand hat sie mit Maren Ades Film „Toni Erdmann“ (2016) zu tun, in dem die von Sandra Hüller gespielte Ines einem urigen Zottelwesen in Sofia durch einen Park folgt. Sie umarmt die riesenhafte Gestalt und wühlt sich tief in deren Mähne, (sehn-)süchtig nach Zuneigung, Versöhnung und, auch hier, nach Wärme. In Bulgarien gehören solche Fabelmonster zum traditionellen Kukeri-Spiel, bei dem Menschen in den übergroßen Kostümen umherziehen, um böse Geister zu vertreiben.

Ein fein geflochtene Labyrinth aus Melodien und Improvisationen

Auch Matthias Schwengler verkleidet sich, um mit seinem bulgarischen Schwiegervater von Hof zu Hof zu ziehen – dort, wo Kukeri noch keine veräußerlichte Touristentradition, sondern gelebtes Brauchtum ist. All dies meint man im Stück „Walk of the Mummer“ zu hören: als melancholisch-fröhlichen „Gang des Verkleideten“, der durch das fein geflochtene Labyrinth aus Melodien und Improvisationen flaniert.

Vor allen anderen Qualitäten prägt Matthias Schwenglers magisches Spiel auch dieses Album. Immer wieder nutzt er den Luftstrom seiner Trompete für einen flüsternden, fast gehauchten Klang, der die Melodien ungemein weich, ja intim erscheinen lässt. Inzwischen, sagt er, fühlt er sich bei Soulcrane auf der Trompete wohler als auf einem Flügelhorn. „Bei den älteren Alben kam noch das Flügelhorn zum Einsatz. Für dieses Album wollte ich einen dunkleren Klang, den ich inzwischen auf der Trompete deutlich besser darstellen kann.“

Auf „Dark“ hat jeder Musiker seinen Freiraum

Schwengler studierte in Osnabrück, Amsterdam sowie an der Kölner Hochschule für Musik an Tanz, seinen Master machte er an der Folkwang Universität der Künste in Essen. Er spielte im Bundesjazzorchester, ist Mitglied des Subway Jazz Orchestra und gründete sein eigenes Sextett, seine spezifische Spielweise entwickelte er so beharrlich wie konsequent. „Witzigerweise höre ich kaum Miles Davis, lange Zeit war eher Tom Harrell mein Vorbild in punkto Artikulation und Material. Im Moment höre ich viel Ibrahim Maalouf und habe mir jetzt auch eine Viertelton-Trompete gekauft.“ Zum Einsatz kommt sie bereits in seinem Duo mit Gitarrist Gero Schipmann.

Schwenglers perlende Trompetenläufe kommen vor allem aber Soulcrane zugute. Wie er, Philipp Brämswig und Reza Askari (und auf „Dark“ Laurent Derache) miteinander agieren, klingt vordergründig unbekümmert anmutig, doch mit jedem neuen Hören wachsen Respekt und Begeisterung für die Komplexität der Kompositionen und Arrangements. „Es gibt diesen Punkt“, sagt Schwengler, „an dem fühlt man sich so frei, dass man gar nicht mehr nachdenkt, welcher Akkord oder welcher Takt jetzt gerade ist. Aber man weiß einfach, dass man da gemeinsam herauskommt.“ Auf „Dark“ hat jeder Musiker seinen Freiraum. In kurzen Zwischenspielen agiert jedes Instrument solistisch und fügt sich doch sinnstiftend in ein weit größeres Narrativ. Die Musik umarmt einen, innig, aufmunternd und erwärmend: Soulcrane vertreibt böse Geister.


Matthias Schwengler: „Dark“. Soulcrane feat. Laurent Derache. Klaeng Records.