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Neue ARD-Doku „September“9/11 aus deutscher Perspektive

5 min
Die Skyline von New York mit den explodierenden Türmen im Hintergrund

„September“ ist die neue ARD-Dokumentation zum 25. Jahrestag der Terroranschläge am 11. September 2001

25 Jahre nach den Anschlägen vom 11. September fragt der Kölner Filmemacher Johan von Mirbach: Warum ist die Welt heute so, wie sie ist? Seine Dokumentation „September“ lässt deutsche Zeitzeugen von jenem Morgen erzählen, der die USA bis heute prägt.

Über den Bildschirm laufen vergnügte New Yorker. Taylor Swift singt „Welcome to New York“ im Hintergrund. Es ist heiß in der Stadt, Anfang September 2001. Der Kalte Krieg ist vorbei, die Demokratien auf der Welt scheinen zuzunehmen und die Stimmung in New York wirkt unbeschwert. Sarah Jessica Parker beim Dreh von „Sex and the City“ ist zu sehen. Die Musik wechselt zu „Empire State of Mind“ von Alicia Keys und Jay-Z, und als Zuschauer hat man das Gefühl, als Nächstes würde gleich einer von den „Friends“ auftauchen. Monica, Rachel oder Joey, ganz egal.

Stattdessen erzählt Susanne Hegenscheidt, eine damals junge Deutsche, die zu ihrem Verlobten Brad an den Broadway gezogen ist, von ihrem Leben in diesem September: Verlobung, Hochzeitspläne, der Blick aus dem Fenster direkt auf die Türme des World Trade Centers. Ihr Leben ändert sich, als am 11. September um 8.46 Uhr das erste Flugzeug in den Nordturm des World Trade Centers fliegt. Nur 16 Minuten später das zweite Flugzeug in den Südturm. Hegenscheidt dokumentierte den Einsturz der Zwillingstürme aus ihrer Wohnung am Broadway. „Ich habe am 11. September leider aufgehört zu träumen“, sagt sie rückblickend.

Ein Mann mit Brille schaut in die Kamera.

Regisseur Johan von Mirbach möchte in seiner Dokumentation zeigen, wie die Anschläge und ihre Reaktionen Auswirkungen bis heute haben.

Die Dokumentation „September“ begleitet die Protagonisten dabei, wie ein gewöhnlicher Morgen 2001 durch einen vermeintlichen Unfall erschüttert wird und wie sie realisieren, dass es sich um einen Terrorangriff gehandelt hat. Dass die USA angegriffen worden sind. Der Kölner Filmemacher Johan von Mirbach hat die Dokumentation anlässlich des 25. Jahrestags des Terrorangriffs im Auftrag von WDR, BR und NDR produziert: „Es ist das große Ereignis im jungen 21. Jahrhundert, bei dem sich diese ganze positive Zukunftssicht zerschlagen hat. Nur wenn wir es uns anschauen, können wir verstehen, warum die Welt so ist, wie sie ist.“

Ich habe festgestellt, dass es wichtig war, dass die Leute wirklich ganz nah vor Ort waren, um erzählen zu können, was damals passiert ist
Regisseur Johan von Mirbach

Wohl kaum ein anderes Ereignis des 21. Jahrhunderts wurde in Büchern, Zeitungen, im Fernsehen und in anderen Medien so ausführlich besprochen und verarbeitet. Von Mirbachs Anspruch war es aber trotzdem, eine neue Perspektive einzunehmen, und den Monat als Ganzes, Anschläge, Trauer und die Gegenreaktionen, komprimiert, zu erzählen. In deutscher Sprache mit deutschen Augenzeugen.

Der deutsche Rettungssanitäter Markus Albrecht behandelte noch am Tag der Anschläge verletzte Feuerwehrleute am Ground Zero. Die Baggerfahrerin Pia Hoffmann suchte wochenlang nach Überlebenden und Opfern. Lars Klingbeil, heute Bundesfinanzminister, schildert seine Erfahrungen als 23-jähriger Praktikant in Manhattan. Von Mirbach wollte keinen Filter über ihre Aussagen legen, keine Übersetzung dessen, was passiert ist: „Wenn man das ungefiltert hört, versteht man auch viel mehr, was passiert ist.“

Die Auswahl der Protagonisten und ihrer Geschichten sei schwierig gewesen: Wer könne die Geschichte noch unverfälscht erzählen nach all den Jahren? Mirbach und sein Team haben Interviews in Lokalzeitungen gelesen, Listen gemacht und Erstgespräche geführt. „Ich habe festgestellt, dass es wichtig war, dass die Leute wirklich ganz nah vor Ort waren, um erzählen zu können, was damals passiert ist.“

Bei einem Ereignis wie 9/11 könne man nicht ausschließen, dass sich die Erinnerungen der Protagonisten mit Fernsehbildern vermischt hätten. Um dagegen anzusteuern, hat von Mirbach immer wieder gefragt, ob sie die Stelle wirklich gesehen hätten, und immer wieder danach gefragt, was genau in diesem einen Moment, in dieser einzelnen Situation, passiert sei. 

Eine Frau in einer gemusterten Bluse schaut in die Kamera.

Susanne Hegenscheidt hat die Anschläge aus ihrer Wohnung am Broadway verfolgt.

Die Interviewten scheinen in die Kamera zu schauen, den Zuschauer anzugucken. Er nutzt in „September“ ein sogenanntes Direct-Eye-Verfahren. Um den Effekt zu erreichen und trotzdem den Blickkontakt zwischen Interviewer und Interviewten herzustellen, haben sie mit einem Spiegelsystem gearbeitet: „Sie haben also über den Spiegel mein Gesicht dort gesehen, wo die Kamera ist, und dadurch haben sie mich angeschaut, aber gleichzeitig haben sie in die Kamera geguckt.“ Ein Mittel, um eine direkte Verbindung zum Zuschauenden herzustellen.

Bis vor wenigen Jahren sei das eigentlich noch ein No-Go im Dokubereich gewesen. Inzwischen sind die Menschen durch die sozialen Medien und Videoanrufe aber so daran gewöhnt, dass man sie direkt anschaut, sagt der Regisseur.

Trauma bleibt bestehen

Die Bilder von damals erschüttern noch immer, auch wenn man sie schon so häufig gesehen hat. In dem Moment, als das zweite Flugzeug einschlägt, der erste Turm einstürzt oder die Personen sich aus den brennenden Gebäuden stürzen, möchte man mit den Augenzeugen „Holy Shit“ und „Jesus fucking Christ“ ausrufen.

Bei jedem dieser Bilder haben von Mirbach und sein Team überlegt, ob sie es zeigen sollen. Wichtig bei dem Prozess war, dass es eine Begründung gibt, warum sie die Szene zeigen. So hatte etwa eine Protagonistin die Szene fotografiert, in der sich die ersten Personen aus den Gebäuden stürzen, und spricht in der Dokumentation über ihre damaligen Gedanken.

New York von oben.

Eine Staubwolke hüllte Teile New Yorks nach den Zusammenstürzen der Türme ein.

Johan von Mirbach war selbst davon überrascht gewesen, wie viele Menschen betroffen worden waren, auch im Nachhinein: „Man spricht immer von diesen rund 3000 Toten, aber zu dem Zeitpunkt der Anschläge waren Hunderttausende in Lower Manhattan und haben das alles hautnah mitbekommen.“ Bilder zeigen, wie eine riesengroße Menge an Menschen, bedeckt mit Asche, über die Stadtautobahn zieht. Asche, in der auch Menschen verbrannt oder pulverisiert worden sind. Später ist bei einer Vielzahl der 60.000 Helfer eine posttraumatische Belastungsstörung festgestellt worden. Bei den Interviews hätten die Doku-Macher schnell gemerkt, dass die Leute immer noch mit dem Erlebten zu kämpfen haben. 

Traumasensibles Arbeiten war ihnen deshalb wichtig: „Ich habe versucht, möglichst bewusst mit dem Trauma umzugehen, aber gleichzeitig klargemacht, dass wir über die Geschichte sprechen müssen.“ Die Protagonisten hatten deshalb immer die Möglichkeit, das Interview abzubrechen. „Wenn wir an solchen Stellen waren, habe ich sie erzählen lassen und nicht noch mal und noch mal nachgefragt.“ 


„September“ läuft seit dem 01. September in der ARD‑Mediathek und am Freitag, 11. September, um 20.15 Uhr im Ersten.