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Neue Ausstellung im Colonia-HochhausKunst bestaunen, wo andere wohnen

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Eine rosafarbene Skulptur steht in einer Wohnung mit Domblick.

Kunst mit Domblick: Die Kölner Kuratorin Katie Eva Gaj macht eine der 350 Privatwohnungen des Colonia-Hochhauses zur temporären Ausstellung

Eine Wohnung in der 29. Etage des Colonia-Hochhauses wird noch bis zum 8. Februar zum besonderen Ausstellungsort zeitgenössischer Kunst.

Nicht viele würden wohl auf die Idee kommen, auf dem Wohnungsportal Immoscout nach einem Ausstellungsort zu suchen. Die Kölner Kuratorin Katie Eva Gaj tut es trotzdem – und stößt am Ende nicht auf irgendeine, sondern auf die 118 Quadratmeter große Eckwohnung mit Domblick in der 29. Etage des Colonia-Hochhauses. Und sie erhält tatsächlich die Erlaubnis, die Wohnung einen Monat lang zu mieten und zum Kunstort zu verwandeln, bevor die nächsten Bewohner einziehen. Jetzt bietet ihre erfrischend unkonventionelle Ausstellung die großartige Gelegenheit, zeitgenössische Kunst nicht im sterilen White Cube zu erleben, sondern da, wo andere wohnen.

Statt an weißen Wänden, hängt die Kunst an der Duschvorhangstange, über dem Klo und dem Herd. Sie steht im Wohnzimmer und auf der Fensterbank, ziert den Balkon und den Flur. Und auch vor der Abstellkammer macht Gaj nicht Halt. Die Interaktion zwischen Architektur und Kunstwerk, die Verfechter des White Cubes seit den 1920er Jahren um jeden Preis zu vermeiden suchen, wird hier zum Programm. Denn der stadtbildprägende 70er-Jahre-Bau des Kölner Architekten Henrik Busch dient der Kunst nicht bloß als Kulisse, sondern als Mitspieler.

1970er-Jahre-Architektur wird zum Mitspieler der Kunst

Das größte Objekt der Schau, die zwei Meter hohe, rosafarbene Aluminiumskulptur „El Patron“ von Anna Fasshauer, wirkt im leer geräumten Wohnzimmer beinahe menschlich. Sie scheint aus dem Fenster in Richtung Dom zu blicken, der sich über der Balkonbrüstung abzeichnet. Ihr Metall ist gefaltet wie ein Papier-Akkordeon, doch seltsam verformt – die in Köln geborene Künstlerin fertigt all ihre Plastiken händisch mit Schweißmaschine und Hammer. Wie diese metallene Hausbewohnerin spielen viele der ausgewählten Arbeiten mit der strengen Vertikalität des Hauses. Dass sie damit auch formal zum Titel der Schau „Die Senkrechte“ passen, habe sich allerdings erst im laufenden Prozess ergeben, so Gaj. 

Zwei Herren unterhalten sich auf einer Ledercouch

Archivbild aus dem Jahr 1980: Zwei (unbekannte) Herren unterhalten sich auf einer Ledercouch in einer der begehrten Eckwohnungen des Colonia-Hochhauses, damals das höchste Wohngebäude Europas.

Eine senkrechte Gesellschaft?

Denn der Name ist eigentlich einem großen Artikel entlehnt, den die  „Welt“ zur Eröffnung des damals höchsten Wohngebäudes Europas mit „Die senkrechte Gesellschaft“ überschrieb. Weil in den 352 Wohnungen des Colonia-Hauses rund 1000 Menschen leben, also mehr als in der damaligen durchschnittlichen Kommune Deutschlands, ließ der Autor sich sogar dazu hinreißen, es als „ganze Stadt im Turm“ zu bezeichnen. Nur sei hier das Stadtviertel eben hochgestellt und jedem Fremden der Zugang verwehrt. Tatsächlich gibt es im autarken Hochhaus noch heute ein eigenes Schwimmbad, eine finnische Sauna, Fitness- und Tischtennisräume, sowie einen Kindergarten – und jetzt auch für kurze Zeit einen Kulturort. Noch immer sind Besuche übrigens nur mit Anmeldung erlaubt. Der Ausstellungsrundgang ist also auch eine seltene Chance, als Nichtbewohner das ansonsten private Innere des Hochhauses zu sehen.

Bunte Flaschen in der Abstellkammer

Eine ganz gewöhnliche Abstellkammer oder doch Kunst? Die Urethan-Objekte des Brüsseler Künstlers Benoit Platéus (2019) sehen auf den ersten Blick aus wie Waschmittelflaschen.

Auch wenn die Innenarchitektur für die Schau aus ihrem funktionalen Kontext gelöst wird, bleibt das Thema Wohnen präsent und wird von der Kunst kommentiert. Bei den bunten Behältern, die wie vergessen in der Abstellkammer stehen, muss man etwa schon zweimal hinsehen, um zu erkennen, dass es sich dabei nicht um Alltagsgegenstände, sondern um die Kunstobjekte des Brüsselers Benoit Platéus handelt. Andere Werke, wie die stets im Doppelpack auftretenden Porträts des Malers Gustav Körner, scheinen hingegen eher von ihrer Umgebung entfremdet. 

Kooperation mit Kölner Galerien

Immer auf der Suche nach besonderen Orten, interessiert sich Katie Eva Gaj besonders dafür, wie die Kunst Räume verändert, und umgekehrt das Umfeld die Kunst prägt. Zuvor als Galeriemanagerin bei Ruttkowski68 in Köln und Paris sowie als Direktorin bei der Galerie Droste tätig, machte sie sich vor rund zwei Jahren als Kuratorin für zeitgenössische Kunst selbstständig und hat in Köln bereits den Stoff-Pavillon Möller in der Hahnenstraße bespielt. Diesmal kooperiert sie auch mit namhaften Kölner Galerien wie Nagel-Draxler oder Rehbein und schafft damit eine interessante Auswahl von gerade aufsteigenden, jungen Künstlerinnen und Künstlern, und Etablierterem wie den von der Galerie Rehbein beigesteuerten Arbeiten des 2001 verstorbenen Kölner Künstlers Heinz Breloh.

Zwar ist er vor allem für seine lebensgroßen Gipsplastiken, die er mit seinem eigenen Körper formte, bekannt, doch diese Körperlichkeit zeigt sich auch in den beiden ausgestellten Papiercollagen Brelohs. Die von ihm bunt übermalten Fotografien zeigen jeweils einen nackten Männerkörper. Auch hier sieht Gaj eine Parallele zum Hochhauswohnen: im Stapeln und Verdichten.


„Die Senkrechte – Eine Ausstellung im Colonia-Haus“, bis 8. Februar 2026, An der Schanz 2, Köln. Besichtigung nach Vereinbarung mit der Kuratorin mail@katieevagaj.com. Eintritt frei.