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Friedhöfe in LeverkusenSternenkinder haben am Holzer Weg in Quettingen ihren Platz

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Vom Ruhefeld am oberen Ende des Quettinger Friedhofs schweift der Blick bis nach Köln.

Vom Ruhefeld am oberen Ende des Quettinger Friedhofs schweift der Blick bis nach Köln.

Die Verantwortlichen für den katholischen Friedhof richteten als erste in der Stadt einen Gedenkstein für totgeborene Kinder ein. Der Friedhof ist  auch in anderer Hinsicht einen Besuch wert.

Quettinger Familien, die vor 100 Jahren einen Todesfall zu beklagen hatten, standen vor einem Problem: Der Weg bis zum nächsten Friedhof war weit. Für Katholiken war das der Gottesacker an der Rennbaumstraße in Opladen. Protestanten mussten ihre Toten bis nach Bergisch Neukirchen zur Beerdigung bringen. Für den Transport des Sargs musste ein Fuhrwerk her. Doch wie viele Pferde zogen den Wagen? Konnte man sich nur eines leisten oder doch zwei oder vielleicht sogar noch mehr? Und wie sah der Wagen aus? War er zurechtgemacht mit schwarzem Tuch? Gab es Blumenschmuck? Fragen, die damals den Quettingern vermutlich durch den Kopf gingen, wenn ein solches Fuhrwerk an ihnen vorbeizog. Je nachdem, wie das Gespann ausgestattet war, wurde die soziale Stellung der Familie am Beerdigungstag eines Angehörigen für jedermann im Viertel sichtbar.

„Das muss ein Spießrutenlaufen gewesen sein“, vermutet Bernhard Geuß. Geuß war bis vor einigen Jahren Friedhofsausschussvorsitzender im Kirchenvorstand von St. Maria Rosenkranzkönigin. Er kennt sich in der Geschichte des Viertels aus, das nach der Gründung des Eisenbahnausbesserungswerks in Opladen 1903 ein starkes Bevölkerungswachstums erlebte. 1914 wurde die Kapelle der Gemeinde in Quettingen gebaut, 1937 an ihrer Stelle die Kirche errichtet.

Da gab es den katholischen Friedhof am Holzer Weg jedoch bereits seit sechs Jahren. Und das verdanken die Quettinger vor allem dem Einsatz von „et Pille Drückchen“. So hieß die Witwe Gertrud Enders im Viertel, erzählt Geuß bei einem Rundgang über den Friedhof. Warum sie sich so energisch für einen Friedhof in Quettingen einsetzte, weiß auch Geuß nicht. Aber ihre Tatkraft wirkte. Ein Grundstück war am südlichen Quettinger Ortsrand, am Holzer Weg, gefunden. Am Allerseelentag 1931 wurde es eingesegnet. Drei Wochen später starb die Witwe Enders und erhielt die erste Beerdigung auf dem neuen katholischen Friedhof von Quettingen.

Zwei Männer stehen an einem Grab mit einem Holzkreuz.

Bernhard Geuß und Alfred Gierse (v.l.) freuen sich, dass das erste Grab auf dem Quettinger Friedhof erhalten geblieben ist.

Ihr Grab existiert noch heute, wenngleich um eine Reihe nach hinten vom zentralen Weg wegverlegt. Ein hölzernes Grabkreuz mit ihren Lebensdaten erinnert an sie, zur Freude von Geuß und Alfred Gierse, der Geuß im Kirchenvorstand als Zuständiger für den Friedhof nachfolgte. 

Nur wenige Meter weiter östlich endete der Friedhof auch schon, bis zu seiner ersten Erweiterung im November 1946. Eine hohe Eibenhecke erinnert an die einstige Grenze. Zu ihren Füßen liegen mehrere Opfer des Bombenangriffs auf Opladen vom 28. Dezember 1944 begraben. Und ebenfalls noch auf dem ältesten Teil des Friedhofs findet sich eine Erinnerungs- und Begräbnisstätte, die Geuß besonders am Herzen lag, als er Anfang der 2000er Jahre die Verantwortung für den Friedhof im Kirchenvorstand übernahm.

Die Erinnerungsstätte an totgeborene Kinder auf dem katholischen Friedhof Quettingen

Die Erinnerungsstätte an totgeborene Kinder existiert seit 2003 als eine der frühesten ihrer Art in der Region.

Eine Stele erinnert dort an Kinder, die im Mutterleib sterben, Babys, die die Geburt nicht überleben, Säuglinge, die direkt nach der Geburt aufhören zu atmen: Sternenkinder. Geuß, damals noch Lehrer an einer Schule in Düsseldorf-Kaiserswerth, hatte von einem Grabfeld für solche Kinder auf einem Ratinger Friedhof gehört. „Ich hab' gesagt, ich übernehme die Aufgabe, mich um den Friedhof zu kümmern, nur, wenn wir hier auch so etwas machen.“ Der Ratinger Bildhauer Elmar Steinrücken schuf die Stele, am 1. November 2003 kam sie auf den Friedhof – ein Novum in der Stadt.

Weiter den Hang hinauf führt der zentrale Weg durch eine Reihe hoher, alter Zypressen hindurch auf ein großes Holzkreuz zu. Zu Füßen des Kreuzes in einem größeren Beet ist ein Grabstein aus der Hand des Opladener Bildhauers Wilhelm Völker platziert. Er zeigt den wiederauferstandenen Christus auf einem runden Feld und darunter den Spruch: „Fern und doch so nah“. „Wir haben hier viele Zugezogene aus Oberschlesien oder auch ehemaligen Teilrepubliken der Sowjetunion, die als Spätaussiedler zu uns gekommen sind. Es ging uns darum, ihnen einen Ort zu geben, an dem sie ihrer in der Ferne gestorbenen Verwandten und Freunde gedenken können“, erläutert Geuß.

Die Gedenkstätte für die in der Ferne Bestatteten auf dem Friedhof Quettingen

Bernhard Geuß (vorne) setzte sich für die besondere Gedenkstätte für die in der Ferne Bestatteten ein. Am 15. August 2005 wurde sie eingesegnet.

Die Gedenkstätte erfüllt ihren Sinn. Zahlreiche Gestecke, Grabkerzen und Blumen zu Füßen des Grabsteins, den Verwandte von Geuß von einem aufgelösten Grab zur Verfügung stellten, zeigen, dass der Erinnerungsort gut angenommen wird. Eingeweiht wurde er am 15. August 2005, dem Eröffnungstag des Weltjugendtages in Köln.

1980 wurde der Friedhof erneut nach Osten den Hang hinauf erweitert. Gerade in diesem neueren Areal des Gottesackers ist der Wandel in der Begräbniskultur gut zu sehen. Hier reiht sich ein Urnengrab an Urnengrab. „Mehr als 70 Prozent unserer Begräbnisse sind mittlerweile Urnenbeerdigungen“, berichtet Alfred Gierse. Auch auf dem erst im September 2025 eingesegneten neuen Urnenfeld rund um eine Winterlinde sind inzwischen bereits fünf Urnengräber belegt.

Ganz am oberen Ende des Friedhofs liegt ein Ruhefeld für die Bestattung von Urnen auf einer Wiese ohne, dass die genaue Beerdigungsstelle kenntlich gemacht wird. Eine der vielen Bänke auf dem Friedhof lädt zum Verweilen ein. Auf zwei Stelen sind die Namen der hier Bestatteten auf kleinen Metalltäfelchen zu lesen. Von der Bank schweift der Blick Richtung Süden bis nach Köln. Über den Baumwipfeln des Bürgerbuschs sind die beiden Türme des Doms zu erkennen. 


Friedhof existiert seit 95 Jahren

Ernst-Wilhelm Jekel, der erste Pfarrer von Sankt Maria Rosenkrankönigin, segnete den katholischen Friedhof am Holzer Weg am 2. November 1931 ein, vor bald 95 Jahren. 40 Jahre später, 1971, wurde die Kapelle auf dem Friedhof in Dienst genommen. Nach zwei Erweiterungen erstreckt sich der Friedhof jetzt auf knapp 1,28 Hektar Land. Träger des Friedhofs ist seit 2011 die zusammengefasste Kirchengemeinde Sankt Maurinus und Sankt Marien.