Der Opladener Bildhauer Wilhelm Völker hat an vielen Orten in der Stadt Spuren hinterlassen – vor allem aber auf dem Friedhof Birkenberg.
Friedhöfe in LeverkusenAuf dem Birkenberg steht ein Freilichtmuseum für Wilhelm Völker

Susanne Völker, Astrid Weingarten und Petra Rupp (v. l.) an einem von Wilhelm Völker geschaffenen Grabstein im Entree des Friedhofs Birkenberg
Copyright: Peter Seidel
Wer den Friedhof Birkenberg durch den zentralen Eingang vom Friesenweg aus an der Trauerhalle rechts und dem kleinen Verwaltungshaus links vorbei betritt, wundert sich erst einmal über die sehr großzügige Anlage. Links wie rechts Rasenfläche, dahinter Bäume und Sträucher wie in einem Park. Bereits hier unterbricht Susanne Völker den gerade begonnenen Rundgang und fragt, was man denn hier sehe. Um dann zu erläutern: „Die Rasenflächen waren 1965 Ausstellungsgelände. Mein Vater hat hier mit der Gruppe ‚Steinzunft 65‘ die Ausstellung organisiert. Die sind in ganz NRW als Wanderausstellung unterwegs gewesen.“ Völker fungierte als eine Art Sprecher der Gruppe.
Tatsächlich zeigt ein 60 Jahre altes Foto, wie auf der jetzt leeren Rasenfläche zur Rechten etliche bildhauerisch ausgeführte Grabsteine präsentiert werden. Die „Steinzunft 65“, zehn Steinmetz- und Bildhauermeister aus dem Bergischen, der Eifel, vom Niederrhein, aus Opladen und von der Sieg, wollte zeigen, wie sie sich den Toten würdigende Grabmale vorstellt und den rechteckig, praktisch gesägten Grabplatten ohne jede Individualität etwas entgegensetzen.

Die Gruppe „Steinzunft 65“ stellte im Oktober und November 1965 auf dem Friedhof Birkenberg bildhauerisch gestaltete Grabsteine aus.
Copyright: Wilhelm Völker
Und ein solcher, besonderer Grabstein aus der Werkstatt von Wilhelm (Willi) Völker steht ein bisschen wie ein Überbleibsel der Schau vor gut 60 Jahren auf dem Rasen links des Hauptwegs. Er zeigt die drei Frauen, die der Bibel zufolge zum Grab Jesu gehen und es leer vorfinden, als in den Stein gehauene Silhouetten. Ein Engel, ebenfalls als Silhouette dargestellt, spricht zu ihnen. Und dazu der Text von Kapitel 15, Vers 20 aus Paulus’ erstem Brief an die Korinther, in dem Christus als der Erste bezeichnet wird, der auferstanden ist, „unter denen, die da schlafen“. Fein heben sich die hellgrauen Figuren und die Schrift vom dunklen Stein ab. Das, so erläutert Susanne Völker, habe ihr Vater auch dadurch erreicht, dass er in die Silhouettenlinien Blei hineingetrieben habe: „ein ziemlich einmaliges Verfahren für Grabmale“.
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Sie weiß sehr viel über die Details der bildhauerischen Arbeit ihres Vaters, weil sie, wie sie während des Spaziergangs über den Friedhof erzählt, praktisch mit und in der Werkstatt Willi Völkers an der Menchendahler Straße, wenige Hundert Meter vom Friedhof entfernt, aufgewachsen ist. „Die Werkstatt war mein Spielplatz.“ Für ein Buchprojekt über ihren Vater, das sie gemeinsam mit ihrer Jugendfreundin, der Opladener Grafikerin Astrid Weingarten, und der ebenfalls mit ihr befreundeten Journalistin Petra Rupp verwirklicht, hat sie sich erneut eingehend mit dessen künstlerischem Schaffen auseinandergesetzt.

Der Bildhauer Wilhelm Völker 1986 bei der Arbeit an der Heiligen Elisabeth für die gleichnamige Opladener Kirche
Copyright: Susanne Völker
Etwa 90 Grabsteine Willi Völkers, erzählt Weingarten, stehen allein auf dem Friedhof Birkenberg, der damit zu einer Art Freilichtmuseum für dessen Steinkunst geworden ist. „Mein Vater hat keine Steine geschaffen, die direkt ins Auge fallen, nichts Protziges“, erzählt Völker. Dafür zeigt sich aber immer wieder ein feiner Humor des Bildhauers. Das Grabmal des Ehepaars Kleid ist dafür ein Beispiel. Völker modellierte in den ansonsten schlichten Stein einen Faltenwurf.

Grabmal des Ehepaars Kleid auf dem Friedhof Birkenberg
Copyright: Peter Seidel
Ein anderes ist das Grabmal der Schuhhändler-Familie Aulmann: Der säulenförmige Stein auf dreieckigem Grundriss hat die Form eines auf den Kopf gestellten, stilisierten Stiefels. Die Art, wie Völker die Namen auf dem ansonsten schmucklosen Stein verteilt hat, zeigt seinen ausgeprägten Sinn für Linien, Proportionen und Schrift. Genau entlang der vorderen Ecke des Steins, deren oben scharfe Kante nach unten in einer immer weicheren Kurve ausläuft, hat er lange Senkrechte der Buchstaben in den Stein gehauen.

Grabmal der Familie Aulmann auf dem Friedhof Birkenberg
Copyright: Peter Seidel
Ihr Vater habe sich immer viel Zeit genommen für die Bearbeitung der Steine, so Susanne Völker. „Für ihn war das eine Frage der Achtung vor der Trauer der Angehörigen und der Würde der Toten. Da war er sehr konsequent. Er hat jeden Stein individuell entwickelt. Der einzige Stein von ihm, der in Serie ging, ist eine aufgelockerte Kreuzform“, berichtet sie. Kunden oder Neugierige seien einfach zu ihm in die Werkstatt gekommen. In einem großen Fenster zur Menchendahler Straße war eine Art „Best-of“ ausgestellt.
Die Auferstehungsszene auf dem Grabmal am Eingang in den Friedhof ist kennzeichnend für den Umgang von Willi Völker mit dem Thema Tod. Er legte den Fokus auf die Auferstehung, so wie auch auf einem Grabmal, das einen stilisierten Christus zeigt. Er drückt die Grabplatten seiner Gruft mit ausgestreckten Armen beiseite. Freilich gibt es auf einem Grab auf dem Birkenberg auch einen Gekreuzigten aus der Hand Willi Völkers. Doch näher lag ihm, „dass am Ende die Auferstehung steht, dass das Leben eigentlich ewig ist“, so seine Tochter.

Grabmal mit einer Szene aus der Emmaus-Geschichte
Copyright: Peter Seidel
Zu erkennen ist diese Haltung auch in einer Szene der Emmaus-Geschichte auf einem Grabstein für eine Hotelier-Familie: Christus teilt die Mahlzeit mit den beiden Jüngern, die er auf dem Weg nach Emmaus begleitet hat und die ihn bis dahin nicht erkannt haben. Und Völker wäre nicht Völker, wenn er sich nicht auch in diesem Fall eine persönliche bildhauerische Bemerkung zu seinen Auftraggebern erlaubt hätte. Auf der Rückseite des Grabsteins hat er ein Schlüsselbrett wie an der Rezeption im Stein verewigt.
Etliche der Völker-Grabsteine stehen auf dem Friedhof Birkenberg, obwohl die dazugehörigen Gräber längst aufgelöst sind. Dass die Steine blieben, dafür sorgte der vormalige Leiter des städtischen Grünflächenamtes, Hans-Max Deutschle. Deutschle schätzte Völkers Arbeit sehr. Wer auf dem Birkenberg nach diesen Grabsteinen sucht, sollte auf deren Schmalseiten schauen. Dort hat Wilhelm Völker oftmals einfach seinen Namen hinterlassen.
Ende 1913 eingeweiht
Vom Eingang des Friedhofs Birkenberg führt ein breiter, lichter Weg leicht ansteigend schnurstracks auf einen großen Platz zu. Ein mehrere Meter hohes Holzkreuz steht dort mitten in einer leicht erhöhten, ummauerten Rotunde. Sternförmig führen schmalere Wege weg vom Kreuz. Die auf das Kreuz im Zentrum ausgerichtete Anlage ist so auf keinem anderen städtischen Friedhof zu finden, nur der um die zentrale Fähler-Kapelle angelegte städtische Friedhof an der Manforter Straße ist vergleichbar.
Kein Zufall: Der Opladener Friedhof auf dem Birkenberg und der Wiesdorfer Friedhof stammen beide aus der Kaiserzeit – und entstanden beide als Ersatz für zuvor bestehende kirchliche Gottesacker. Der Birkenberg wurde Ende 1913 eingeweiht, zwölf Jahre zuvor der an der Manforter Straße.
Die Anlage auf dem Birkenberg ersetzte den evangelischen Friedhof an der Rennbaumstraße, wie die Mitarbeiter des Stadtarchivs auf Anfrage recherchierten. Doch sie ging bereits 17 Jahre nach der Einweihung, zum 1. Januar 1930, in städtischen, Opladener Besitz über. Der weiter bestehende katholische Friedhof an der Rennbaumstraße wurde erst 1962 geschlossen.

Grabmal für den früheren Chef der Bayer AG, Hermann Josef Strenger
Copyright: Peter Seidel
Auch abgesehen von Willi Völkers Arbeiten finden sich auf dem Friedhof Birkenberg beeindruckende Grabdenkmale, so etwa das für Hermann Josef Strenger. Der 2016 gestorbene, frühere Vorstandschef der Bayer AG ist ebenso auf dem Birkenberg beerdigt wie der letzte Bürgermeister der Kreisstadt Opladen, Bruno Wiefel, und mehrere Mitglieder der Verlegerfamilie Middelhauve. Sie alle liegen in der „Königsallee“ des Friedhofs begraben, wie Astrid Weingarten den ersten, halbkreisförmigen Weg scherzhaft nennt, der an der Südseite der Rotunde das erste Gräberfeld erschließt.
Dem 2023 gestorbenen Wilhelm Völker und dem Glasmaler Paul Weigmann war im Sommer 2018 eine Sonderschau in der Villa Römer gewidmet. Denn Völker schuf zum Beispiel auch die Statue des Heiligen Nepomuk an der Wupperbrücke, das Mahnmal auf dem Ehrenfriedhof in Opladen und die an Ludwig Rehbock erinnernde Stele im gleichnamigen Park, um nur einige Werke zu nennen. Astrid Weingarten und Petra Rupp haben zu der Ausstellung in der Villa Römer einen Flyer erstellt, der auf einer Karte Objekte von Wilhelm Völker im öffentlichen Raum zeigt. Der Flyer ist online nach wie vor abrufbar.
Einen Abstecher wert ist auf dem Friedhof außerdem ein Standkreuz der Zisterzienser-Abtei Altenberg aus der Zeit um das Jahr 1770 am westlichen Ende des Friedhofs. Es zeigt das Wappen des Abtes Johannes Hoerdt und kam nach 1835 auf Betreiben des damaligen Opladener Pfarrers Johann Krey nach Opladen an die Rennbaumstraße. In den 1920er-Jahren wurde es auf Wunsch der Stadt schließlich auf den Friedhof Birkenberg verlagert. (ps)

