Bei vielen Veränderungen im Leben von Sema Prinzessin zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg war die Liebe zur Kultur immer das beständige Element.
OdenthalPrinzessin im Spagat zwischen „Durchlaucht“ und dem Leben als Frauenrechtlerin

Im Turm befindet sich das Arbeitszimmer von Sema zu Sayn-Wittgenstein. Von den Wänden schauen ihrer Arbeit ausschließlich Frauen zu.
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Die Prinzessin auf der Erbse ist ihre Heldin nicht. Nur weich gebettet zu sein, das war weder ihr Lebenstraum noch entspricht es ihrer Lebensgeschichte. Dazu ist ihre Biografie zu prall, sind ihre Ideen zu fantasievoll und ihre Projekte zu handfest.
Lieber wirft sie schon mal die eleganten, hochhackigen Pumps zur Seite, schlüpft in die Gummistiefel und läuft quer durch die Rabatten zum Gärtner vor dem Haus. Da fällt ihr kein Zacken aus der Krone. Denn eine Prinzessin ist sie schon, wenn auch eine sehr ungewöhnliche.
Projekte, die die Fantasie beflügeln
Sema Prinzessin zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg, so der vollständige Name, mit dem man schon mal an Passkontrollen hängenbleibt, und der von den meisten auf das weit handlichere „Prinzessin Wittgenstein“ eingekürzt wird, liebt Projekte, die ihre Fantasie beflügeln. Eigentlich ist sie immer gleich auf mehreren Baustellen unterwegs und hat die nächsten Ideen schon im Köcher.

Mal Pumps, mal Gummistiefel - das Leben auf Schloss Strauweiler in Odenthal hat viele Facetten. Sema zu Sayn-Wittgenstein im Gespräch mit einem Mitarbeiter, der den Park betreut.
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Seit 2014, als sie Hubertus zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg heiratete, ist sie auf Schloss Strauweiler in Odenthal zu Hause. Eine standesgemäße Adresse, auch wenn sie nicht müde wird zu betonen, dass es sich bei dem historischen Gemäuer eigentlich gar nicht um ein Schloss, sondern lediglich um ein sogenanntes festes Haus handele, eine aus dem Mittelalter stammende wehrhafte Anlage mit landwirtschaftlichem Schwerpunkt.

Sema und Hubertus zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg heirateten im Jahr 2014. Sie leben auf Schloss Strauweiler in Odenthal.
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In adeligen Kreisen wird sie als „Ihre Durchlaucht“ angesprochen
In adeligen Kreisen heute noch als „Ihre Durchlaucht“ angesprochen, verliefen die ersten Jahrzehnte ihres Lebens in ganz anderen Bahnen. Geboren 1960 als Sema Meray in Mersin, einer bedeutenden türkischen Hafenstadt am Mittelmeer, gehen ihre Eltern 1963 nach Deutschland, landen zunächst in Hessen, ziehen wenig später nach Köln.
In der Keupstraße macht sich der Vater mit einem Lebensmittelladen samt Metzgerei selbstständig. Sema und ihre beiden Geschwister bleiben zunächst bei der Verwandtschaft in der Türkei, werden erst zwei Jahre später nachgeholt. Fast eine klassische Gastarbeiter-Biografie, wäre da nicht die bildungsbeflissene Mutter gewesen, die ihren Kindern die Ausbildung ermöglichen wollte, die sie selbst in der Türkei nicht hatte verwirklichen können.
„Ich bin heimlich Theater spielen gegangen“
„Die Konfrontation mit der kölschen Kultur, das war toll“, erinnert sich Sema zu Sayn-Wittgenstein an die ersten Erfahrungen mit dem Rheinland. „Es war bunt wie ein Farbtopf.“ Die Schauspielschule, für die sie nach dem Abitur schon einen Platz hat, geht dem Vater aber dann doch zu weit, wenigstens klassische Fächer sollen es sein, und so schreibt sie sich an der Universität Köln für Archäologie, Romanistik und Kunstgeschichte ein.
Trotzdem steht sie schon bald auf der Bühne. „Ich bin heimlich Theater spielen gegangen“, sagt sie mit einem Lächeln. Es habe nicht lange gedauert, bis der Vater das mitbekommen habe, schließlich machte das Stück „Nein! Hayir!“ Furore. „Es war 1983 das erste Integrationsstück, das in Deutschland gespielt wurde“, sagt Sema zu Sayn-Wittgenstein. Es handele von einer jungen Türkin, die „Nein“ zur Zwangsheirat sagt.
Frauenrechte sind ihr Thema geblieben
Mit der Bühnenfassung, die der WDR aufnahm und später zum Schulfilm machte, hatte die junge Schauspielerin gleich ihr Thema gefunden. „Wir wollten diesen Mädchen, die oft kein Stimmrecht haben, eine Stimme geben“. Das sei ihre Botschaft gewesen – und heute sei sie immer noch oder wieder aktuell.
Auch als Drehbuchschreiberin und als Autorin sind die Frauenrechte ihr Thema geblieben. In ihrem ersten Roman, der im nächsten Jahr bei einem bekannten deutschen Verlag herauskommen wird und Teil einer Trilogie ist, sind die Hemmnisse, die Frauen aus türkischem Kulturkreis häufig für ein selbstbestimmtes Leben entgegenstehen, Teil des erzählten Generationenkonflikts. „Es ist nicht autobiografisch, aber es gibt Parallelen zu meinen Wurzeln in der Türkei“, sagt sie. „Ich habe mich bei Charakteren aus der Familie bedient.“ Sie habe die Geschichten so nicht erlebt, hätte sie aber erlebt haben können.
„Ich bin eine Geschichtenerzählerin“
„Ich bin eine Geschichtenerzählerin“, sagt Sema zu Sayn-Wittgenstein. Im Turmzimmer des Schlosses stapeln sich die Bücher, steht ihr PC. Hier spinnt sie ihre Geschichten, verwebt Erinnerungen, Gedanken und imaginäre Erlebnisse zu Texten. Immer unter den Augen ernst dreinblickender gerahmter Gestalten an den terrakottafarbenen Wänden – „alles Frauen“, bemerkt die Prinzessin mit Blick auf die Porträts und rückt lächelnd den Kalenderspruch auf ihrem Arbeitstisch gerade: „Scheiße, sagt die Königin.“

Auch der aktuelle Kalenderspruch auf dem Schreibtisch der Prinzessin erzählt eine Geschichte.
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In ihrem Leben gibt es viele Brüche: Deutsche mit türkischen Wurzeln, wertkonservative Frauenrechtlerin, Angehörige eines adeligen Hauses, die sich als Mutter von drei Töchtern zeitweilig als Alleinerziehende durchs Leben schlagen, ihren Lebensunterhalt alleine verdienen musste. Konstante Begleiterin durch die Zeiten war dabei die Liebe zur Kultur.
Mit dem Festival „Literatur am Dom“ gibt sie anderen Autoren eine Bühne
Dabei lässt Sema zu Sayn-Wittgenstein auch andere gerne ihre Geschichten erzählen. Mit dem Festival „Literatur am Dom“ gibt sie seit fünf Jahren Autoren und Autorinnen in Altenberg eine Bühne, ihre aktuellen Werke zu präsentieren. Furios 2022 mit Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller gestartet, präsentiert das Open-Air-Festival auf dem Gelände der familieneigenen gastronomischen Betriebe in Altenberg seither immer in der letzten Juniwoche, was gerade in der Literaturszene Rang und Namen hat.
Die Veranstaltung im Kräutergarten des historischen Küchenhofes, die in diesem Jahr vom 25. bis zum 28. Juni stattfindet, lebt von der anspruchsvollen und publikumswirksamen Autorenwahl der Kuratoren Karin Graf und Denis Scheck, der unversnobten Präsentation, der zwanglosen Nähe zwischen Publikum und Autoren und der idyllischen Kulisse im Schatten des Altenberger Domes.
Manchmal schneidet die Prinzessin auch alte Zöpfe ab
Im vergangenen Jahr stellte das Team des Fördervereins, dessen Vorsitzende Sema zu Sayn-Wittgenstein ist, dem Festival mit dem Literatursalon ein kleineres, intimes Format zur Seite, mit dem man in jedem Quartal einen einzelnen Autor, eine Autorin in den Mittelpunkt stellt. Am 31. Mai kommt die langjährige ARD-Auslandskorrespondentin Annette Dittert mit ihrem jüngsten Werk „Dear Britain“.
Für ihre Pläne schneidet die Prinzessin auch schon mal kurzentschlossen alte Zöpfe ab. Das gefällt nicht jedem. So ließ sie für die Premiere des Literaturfestivals im Kräutergarten die beiden großen Glasvitrinen abreißen, in denen seit Jahren historische Steinfragmente aus dem Altenberger Dom und dem ehemaligen Zisterzienserkloster ausgestellt wurden, ein Erbe noch aus den Zeiten, als der Küchenhof vom Aktionskreis Altenberg gepachtet war.
Vitrinen mit Steinsammlung des Doms mussten für Festivalbühne weichen
Weil Kommune und Besitzer der Bitte auf Entfernung mehrfach nicht nachgekommen waren, schufen die Grundstückseigentümer schließlich Fakten. Das brachte ihnen Kritik ein. Die sogenannten Lapidarien, die dem Land NRW und dem Erzbistum Köln gehören, dümpeln seither in einem Holzverschlag der Gemeinde unweit der Orangerie vor sich hin.
Auch auf dem Parkplatz des Küchenhofes beendete die Prinzessin durch moderne Parkraumbewirtschaftung mittels Kennzeichenerfassung die liebgewordene Tradition von vielen Besuchern, den Privatparkplatz des Restaurants wegen der Nähe zum Dom als kostenlosen Stellplatz zu nutzen. Auch hier knirschte es ordentlich im Altenberger Getriebe, wenn auch andere jetzt nachziehen.
Altenberg im Spannungsbogen zwischen Tradition und Moderne
Seit jeher tut sich dieser besondere Ort schwer mit Veränderungen, mit dem Spannungsbogen zwischen Tradition und Moderne, wie auch mit gemeinschaftlichem Vorgehen. Mit einer Zugezogenen in exponierter gesellschaftlicher Stellung ohnehin. „Es gibt Vorurteile“, sagt sie. Dass sie in ihrer Kreativität manchmal zu forsch ist, weiß sie. „Mein Mann bremst mich oft. Das ist wichtig für mich“, sagt die Prinzessin. Ihren kreativen Motor kann das aber bestenfalls verlangsamen, nicht stoppen.

Das Open-Air-Festival „Literatur am Dom“ in Altenberg bringt Jahr für Jahr Schriftsteller und Literaturbegeisterte im Kräutergarten zusammen.
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Für das Literaturfestival plant sie eine Nachwuchsförderung und schon im Herbst soll im Altenberger Hof ein ganz neues Veranstaltungsformat geboten werden. Ihr schwebe „eine Art Talk über spannende gesellschaftspolitische Themen“ vor, die ein Autor oder eine Autorin aufgegriffen habe. Mit dem Schwerpunkt auf aktuelle Fragen „soll die neue Veranstaltungsreihe keine Konkurrenz zum Literatursalon werden“, sagt sie, eher eine Ergänzung. Über einen zugkräftigen Namen brütet sie noch.
Kulturveranstaltungen zu finanzieren, sei nicht leichter geworden
Kulturelle Veranstaltungen zu finanzieren, sei nicht leichter geworden, bedauert Sema zu Sayn-Wittgenstein. „Das ist eine Aufgabe, die jedes Jahr neu gestemmt werden muss.“ Stützen könne man sich auf einige namhafte Sponsoren und auf die „Location Altenberg, diesen magischen Ort, der einfach zieht“.
In diesem Jahr hat „Literatur am Dom“ mit dem Kölner Unternehmen Egetürk, bekannt für türkische Wurstspezialitäten, einen neuen Unterstützer gefunden. „Wenn eine türkische Firma ein deutsches Literaturfestival unterstützt, dann zeigt das, dass man ankommen, dass Integration gelingen kann. Das macht mich als Türkin unheimlich stolz“, sagt die Prinzessin aus deutschem Adel.
