Abo

Neuer Kölner Jazz-StarWie Luise Volkmann den Big-Band-Sound neu erfindet

5 min

Die Kölner Jazz-Saxofonistin Luise Volkmann

Die Kölner Saxofonistin Luise Volkmann hat gleich zweimal den Deutschen Jazzpreis gewonnen – mit Klanggeschichten voller Energie und Emotionen.

Selten war eine Ehrung verdienter: Nachdem Luise Volkmann bereits 2025 nominiert war, erhielt sie den Deutschen Jazzpreis in diesem Jahr gleich doppelt, und zwar in den Kategorien „Großes Ensemble des Jahres“ sowie „Rundfunkproduktion des Jahres“. Beide Auszeichnungen gelten ihrem 13-köpfigen Ensemble Été Large, das die Kölner Saxofonistin, Komponistin und Bandleaderin vor zehn Jahren ins Leben rief und das seitdem zu den faszinierendsten Großprojekten im Jazz gehört. In ihrer Heimatstadt kommt nun eine weitere Ehrung hinzu: Luise Volkmann erhält den „Sonderpreis für Aktuelle Musik“ der Gerhart-und-Renate-Baum-Stiftung.

Mit tradierten Vorstellungen von Big-Band-Musik hat Été Large rein gar nichts zu tun. Jedes Album gestaltet Luise Volkmann als virtuos ausbalancierten Resonanzraum, reich an Sujets, Farben, Energien und Stimmungen: originäre, zeitgenössische Musik, präzise auskomponiert, hinreißend improvisiert, angereichert mit Segmenten von sakraler Musik, Choralgesängen, Oper, Punk und Folklore. Das aktuelle Album „The Stories We Tell“ könnte halbwegs als analoger Trip-Pop-Jazz durchgehen, was aber nur der vage Versuch einer Einordnung wäre, ähnlich bemüht wie die assoziierte Nähe zu Carla Bleys „Escalator Over The Hill“ oder den brodelnden Harmonien des Sun Ra Arkestra.

Luise Volkmann ist eine famose Geschichtenerzählerin

Was sich indes sagen lässt: Luise Volkmann ist eine famose Geschichtenerzählerin, die ihren Ariadnefaden ausrollt und einen durch die Gänge ihres weitverzweigten Klanglabyrinths geleitet. Wobei ihr allzu feste Formen und (Denk-)Muster fremd sind: „Ich liebe es, Grenzen und Genres zu überschreiten. Die Aufgabe von Musik ist es ja nicht, Grenzen zu festigen, sondern sie aufzulösen.“

Auf ihrer Website charakterisiert sie sich als „music artist and sound composer from Cologne“, ihr Saxofon versteht sie als Werkzeug, sozusagen als Hilfsmittel, das ihr die Arbeit erleichtert und ihr hilft, Werkstücke in ihrer Form zu verändern. Dabei ist ihre Saxofon-Stimme markant und ausgeprägt individuell, in ihrem Spiel verknüpft sie melodische und geräuschvolle Momente, lässt ihr „Werkzeug“ mitunter schnalzen und knacken, bevor sie dynamische oder lyrische Passagen kreiert. „Ich lege Wert darauf“, sagt sie, „dass es immer auch etwas Einfaches hat, etwas Singbares, das einen einfängt.“

In wunderbaren Duett-Begegnungen verdichtet sie ihre Freude am Austausch zu intensiven Diskursen. Im Sommer 2019, als sie noch in Paris lebte, spielte sie mit dem Kirchenorganisten Didier Matry ein Konzert, dem man geradezu andächtig lauscht; mit dem bretonischen Akkordeonisten Janick Martin überführte sie folkloristische Ansätze in eine neue Klangsprache; und mit dem brasilianischen Gitarristen und Sänger Kiko Dinucci verbindet sie eine tiefe Seelenverwandtschaft: Auf dem aktuellen Album „Canto de Olho“ der beiden verschmelzen südamerikanische Eleganz und pure Entdeckerfreude zu einem Werk von zauberischer Schönheit. Volkmann: „Ich war mit 16 während eines Schüleraustauschs in Brasilien und damals schon vom Reichtum lokaler Musikstile überwältigt. Ich mag dieses Verspielte, die Harmonien, die rhythmisch greifbaren Momente. So habe ich irgendwann angefangen, eine Art abstrakter Folklore auf dem Saxofon zu entwickeln, die nicht national gefärbt, sondern persönlich ist.“

Ich liebe es, Grenzen und Genres zu überschreiten. Die Aufgabe von Musik ist es ja nicht, Grenzen zu festigen, sondern sie aufzulösen.
Luise Volkmann

Auf ihren bisherigen Lebensstationen entstanden Projekte, die neben ihrer künstlerischen Qualität stets auch ihre ansteckende Begeisterung und Daseinsfreude bezeugen. In Paris, Kopenhagen und Köln gründete sie jeweils eigene Formationen ihres zehnköpfigen Ensembles LEONEsauvage, das sie als einen „Moment der Freiheit, ein Ritual des Loslassens und Ausrastens, ein Zelebrieren von Kreativität und Erfindungsgeist“ beschreibt. Nach Köln kam die passionierte Live-Musikerin vor acht Jahren, spielte auf den Jazzbühnen der Stadt, aber auch auf der Straße, gab Konzerte im Fahrradladen, Performances auf dem Ebertplatz.

Selbst auf Reisen entsteht spontan Musik, etwa mit ihrem Trio 3grams auf dem Göteborger Hauptbahnhof, wobei ihr Saxofon mit den Stimmen von Michael Schiefel und der australischen Sängerin Casey Moir zum verbalen und nonverbalen Storytelling amalgamiert. Aktuell einen hohen Stellenwert hat für sie das Trio Cheel, das folkloristische Elemente mit energetischen Klangcollagen kombiniert – allein das 17-minütige Stück „Cheel“ ist eine atemberaubende Tour de Raison, Ausdruck der unerschöpflichen Möglichkeiten eines improvisierenden Miteinanders.

Und dann: Été Large, das Großensemble, mit dem Luis Volkmann ihr Denken, Spielen und Empfinden immer wieder neu erfindet. In „The Stories We Tell“ fügen sich fragile Klangbilder, pulsierende Instrumentalpassagen und lyrische Tongedichte nahtlos ineinander, und gerade, wenn man denkt, dass sich ein solches Gesamtkunstwerk nicht mehr steigern lässt, setzt Luise Volkmann ihm noch eine Krone auf: Gemeinsam mit der irischen Singer-Songwriterin Wallis Bird erarbeitete sie zwei weitere Été-Large-Stücke, „Chorale, My Quiet Pal“ und „Their Quotes and How The Twist Them“, Letzteres die Vertonung eines weit ausholenden Gedichts über Nähe und Distanz, Kommunikation und Austausch, ernüchternde Grenzen, aber auch die unverbrüchliche Überzeugung, dass ein Miteinander möglich sei: „Bold and loose landscapes / Maybe we will meet in peace.“

Meisterhaft verbindet Luise Volkmann tiefe Ruhe mit eindringlicher Intensität. „Intensiv zu leben“, sagt sie, „ist existenziell fürs Musikmachen. Warum gibt es denn Musik in unserer Gesellschaft? Weil sich Menschen durch Musik lebendig fühlen. Musik hat etwas Festliches und Rituelles zugleich, weckt das Bedürfnis, sich näherzukommen, etwas beizuwohnen und Veränderungen zuzulassen.“ All dies spiegelt sich im Été Large: Musik so komplex wie einfach, wie sie sich Luise Volkmann wünscht. Musik wie ein langer, warmer Sommer.

Konzerte: Luise Volkmann/Anil Eraslan/Jordan White: „Folk Stories“. 9.5., 11:30 Uhr, Lagerstätte für Hochwasserschutzelemente, Köln-Rodenkirchen; Luise Volkmann/Julius Windisch/Tabea Kind. 16.5., 20 Uhr, Loft; Luise Volkmann & Été Large. 28.6., Sommerklaeng Festival

Aktuelle Alben: Luise Volkmann & Été Large: Stories We Tell, Boomslang Records; Luise Volkmann & Été Large and Wallis Bird, beide im Netz auf bandcamp.com; Luise Volkmann & Kiko Dinucci: Canto de Olho. Power House Records (ab 22.5.)