Es kann ein kurzes Gespräch, ein kleiner sonniger Spaziergang durch den Park oder eine gemeinsame Partie Doppelkopf sein– Nachbarschaftshilfen bringen Nähe, Unterstützung und ein offenes Ohr.
„Keiner will ohne Freunde leben“Wie Kölner Nachbarschaftshilfen gegen Einsamkeit vorgehen

Das Repaircafé im Schmitzundkunzt zeigt, wie Nachhaltigkeit und Nachbarschaftshilfe verbunden werden kann.
Copyright: Schmitzundkunzt
Es liegt in der Natur einer Großstadt wie Köln, dass viele Menschen Tür an Tür wohnen, sich aber dennoch fremd sind. Das Leben im urbanen Raum ist vielerorts geprägt von Hektik und Schnelllebigkeit. Für Senioren, alleinstehende Personen oder Zugezogene ist das oft ein Problem. Nachbarschaftshilfen können die Lösung sein. Wir stellen Initiativen vor, die der Einsamkeit entgegenwirken und das soziale Miteinander fördern.
Helfende Hände

Besonders gefragt sind Computer- und Technikerfahrungen bei den Senioren. (Symbolbild)
Copyright: Lukas Barth/dpa
Um kleine und nützliche Gefallen im Alltag kümmert sich die Initiative „Helfende Hände“ und greift damit häufig alleinstehenden Senioren unter die Arme. Die vor über 15 Jahren gegründete Nachbarschaftshilfe hat laut eigenen Angaben mittlerweile über 110 Freiwillige, verteilt auf die Standorte Deutz, Porz und Rodenkirchen.
Jeder Ehrenamtler bringt bei dem Dienst sein Können ein. Einige sind handwerklich oder technisch versiert und helfen beispielsweise dabei, eine Glühbirne zu wechseln oder Programme auf dem neuen Fernseher einzustellen. Andere unterstützen mit Fahrdiensten zum Arzt sowie kleinen Spaziergängen bei schönem Wetter.
Seit fünf Jahren nimmt Celia Grote die eingehenden Aufträge in Porz an. Als Koordinatorin ist sie eine von drei, die von Montag bis Donnerstag mit den Hilfebedürftigen telefonieren. „Häufig führt man sehr lange Gespräche“, sagt Grote. „Es ist nicht nur Hilfe, die die Menschen brauchen, sondern auch Zuwendung.“
Kölsch Hätz

Tanzen auf dem Ebertplatz: Im Jahr 2022 feierte „Kölsch Hätz“ den 25. Geburtstag.
Copyright: Michael Bause
Die Nachbarschaftshilfe „Kölsch Hätz“ hat sich zum Ziel gesetzt, Menschen wieder zusammenzubringen. Die Initiative vermittelt Freiwillige mit einsamen Menschen. Bei regelmäßigen „Eins-zu-Eins-Treffen“ werden Spiele gespielt, Kaffee getrunken, sich unterhalten, Spaziergänge gemacht und im Anschluss teilweise noch kleinere Besorgungen erledigt.
Mittlerweile 550 Ehrenamtliche engagieren sich bei Kölsch Hätz. Die meisten Freiwilligen sind Rentner. Eine von ihnen ist Edi Gross, die sich bewusst nach ihrem Ruhestand 2021 für ein Ehrenamt entschieden hat: „Ich möchte etwas geben, so lange ich es kann“, erzählt sie. Sie ist eine der Koordinatorinnen der Veedel im Norden Kölns. Für Gross gilt: „Man macht etwas für Herz und Seele“. Sie möchte zeigen, dass ältere Menschen „wenn sie möchten, nicht alleine sein müssen“.
In ihrem Podcast „Zeit zu reden“ lädt die Initiative regelmäßig Kölner Senioren ein, die über ihr Leben erzählen. In der aktuellen Folge spricht Werner Lenz über seine ehrenamtliche Arbeit als Koordinator der Stadtteile Lövenich, Weiden und Widdersdorf.
Schmitzundkunzt

Kleidertausch im Schmitzundkunzt
Copyright: Schmitzundkunzt
Wie man Nachbarinnen und Nachbarn aus allen Veedeln Kölns zusammenbringt, zeigt der Verein Schmitzundkunzt. Unter ihrem Leitspruch „So geht Nachbarschaft!“ werden verschiedene kostenlose Hilfen, Workshops und Aktionen angeboten.
Günter Schmitt gründete den Verein 2020: „Viel zu viele Menschen fallen durch das soziale Raster“, sagt der ehemalige Programmierer. Genau das will er ändern. Es brauche einen Ort, an dem man sich mal ausheulen kann oder eine Schulter zum Anlehnen findet. „Je älter man wird, desto mehr hat man erlebt“, sagt Schmitt. Auch er selbst habe sich vor langer Zeit einen Raum gewünscht, in dem man Halt und ein offenes Ohr bekommt: „Keiner will ohne Freunde leben“, sagt Schmitt.
Die Gruppen, Angebote und Projekte des Schmitzundkunzt sind vielfältig. Neben einem „Plausch und Kuchen“-Café, einem E-Bike-Verleih, einem Repair-Café und einer Kleiderbörse, bietet der Verein einen „Dingsbums Tausch“ an. Hier können – Schmitt nennt sie „Stehrümselchen“ – getauscht werden. Bei allen Aktionen stehe Nachhaltigkeit an oberster Stelle.
Aktion Nachbarschaft
Der Verein „Aktion Nachbarschaft“ möchte das Leben in sozial belasteten Vierteln verbessern. Mit verschiedenen Aktionen und Projekten versucht er aus einem „Hier wohne ich“ ein „Hier bin ich zu Hause“ zu schaffen. Aktiv sind die Mitglieder in den Vierteln Bickendorf, Bocklemünd und Müngersdorf.
Besonders bei Integrationsthemen ist der Verein nach eigenen Angaben ein erfahrener Ansprechpartner. Häufig erschweren eine undurchsichtige Bürokratie und Sprachbarrieren den Weg raus aus Armut oder Arbeitslosigkeit, heißt es auf der Webseite. In Zusammenarbeit mit dem Interkulturellen Dienst vernetzen sie Menschen mit Zuwanderungsgeschichte und helfen notfalls bei Verständnisfragen oder Behördengängen.
Hallo Nachbar, Danke schön!
„Spar dir den Müll!“ ist das Motto der städtischen Initiative „Hallo Nachbar, Danke Schön“. In den Vierteln Bickendorf, Mülheim, Neubrück und Bilderstöckchen, sagen sie mit verschiedenen Aktionen und Aufklärungsarbeit der Vermüllung den Kampf an.
Die Intention des städtischen Projekts ist es, Verbundenheit im Veedel aufzubauen und zu stärken und den Bewohnern ihr Lebensumfeld bewusster zu machen. Regelmäßig versuchen die Ehrenamtlichen, in einen Austausch zu kommen, beispielsweise bei einem Elternfrühstück, in dem über Nachhaltigkeit und richtige Mülltrennung aufgeklärt wird.
Nachbarschaftshaus Neuehrenfeld

Das Nachbarschaftshaus der Ansgarstraße in Neuehrenfeld
Copyright: Die Ehrenfelder
„Wenn Menschen sich in die Augen schauen und sich offen mitteilen“, dann zeigt sich für Franziska Liebl die Gemeinschaft zwischen Nachbarn. Sie ist die Koordinatorin des Nachbarschaftshauses (NBH) der gemeinnützigen Wohnungsgenossenschaft „die Ehrenfelder“ an der Ansgarstraße in Neuehrenfeld.
Insgesamt 50 Angebote gibt es aktuell. Das Haus lebt von den Ideen und Aktivitäten, die die Anwohner selbst einbringen und organisieren. Aktuell finden unter anderem verschiedene Sportkurse, eine Doppelkopf- sowie eine Literaturgruppe statt. Zusätzlich unterstützen zwölf Ehrenamtliche mit eigenen Programmen das Angebot. Neben einem Sprachkurs in Englisch werden auch Kurse für Senioren angeboten, in denen sie den Umgang mit einem Handy oder Tablet erlernen.
„Wir setzen hier der Vereinzelung und Vereinsamung etwas entgegen“, sagt Liebl. Das bekomme sie auch aus den Rückmeldungen der Anwohner mit: „Sie sagen, dass diese Gemeinschaft, die hier entstanden ist, stark macht.“
Nebenan.de

Insgesamt nutzen 10.000 Nachbarschaften verteilt in ganz Deutschland aktiv die App. (Symbolbild)
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Die App Nebenan.de schafft mit ihrer Plattform die Möglichkeit, sich digital in seiner Nachbarschaft zu vernetzen. Seit 2016 gibt es das soziale Netzwerk in Köln. Mit etwa 158.770 Nutzern zählt Köln zu den aktivsten Städten Deutschlands.
„Wir senken die Hürde, dass Nachbarn wieder aufeinander zugehen“, beschreibt der Gründer Christian Vollmann den Auftrag von Nebenan.de. Er will mit der Plattform das Thema Einsamkeit enttabuisieren. Nebenan.de umfasst einen Marktplatz und verschiedene Mitteilungsfunktionen, in denen Suchen, Veranstaltungen oder Fragen gepostet werden können. In weiteren Gruppen können sich Nachbarn persönlich austauschen.
Mit dem bundesweiten Tag der Nachbarschaft am Freitag, 29. Mai, soll ein Zeichen für Zusammenhalt, Vielfalt und Engagement gesetzt werden. Der Tag wurde von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ins Leben gerufen. Nachbarinnen und Nachbarn, Initiativen, Vereine oder lokale Gewerbetreibende können Projekte oder Treffen selbst organisieren. „Jede Aktion schafft Zusammenhalt und zeigt, wie vielfältig und lebendig die eigene Nachbarschaft ist“, sagt Katharina Roth, die Geschäftsführerin der Nebenan.de-Stiftung.

