Zum Auftakt der neuen Gesprächsreihe des „Kölner Stadt-Anzeiger“ diskutieren die ehemalige Dombaumeisterin und der AWB-Chef über das Erscheinungsbild der Stadt.
Live-Talk „100 Ideen für Köln“Schock-Werner und Thalau lehnen Sauberkeitsbeauftragten ab

Die ehemalige Kölner Dombaumeisterin Barbara Schock-Werner und AWB-Chef Thomas Thalau zu Gast beim ersten Live-Talk „100 Ideen für Köln“ des „Kölner Stadt-Anzeiger“.
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Köln sei schmutziger als andere Städte: Diese Klage hört man von Bürgerinnen und Bürgern oft. „Ich kann das nicht so nachvollziehen“, sagt allerdings Martin Luhr, der seit mehr als 25 Jahren bei den Abfallwirtschaftsbetrieben (AWB) arbeitet und als Gruppenleiter für das Domumfeld und weitere Bereiche der Altstadt zuständig ist. Die Arbeit sei „manchmal schwierig, aber auch schön“. Sein Trupp mit rund 40 Leuten sei „gut aufgestellt“ und stets schnell vor Ort. Deshalb störe es ihn, wenn der Zuspruch ausbleibe und „uns vorgeworfen wird, dass Köln dreckig ist“. Eine wiederkehrende Schwierigkeit sei, dass Obdachlose, die etwa in der Hohe Straße übernachten, nicht aufstehen wollten, wenn deren „Hinterlassenschaften“ beseitigt werden müssten. „Da haben wir keine Handhabe. Ohne die Hilfe des Ordnungsamts haben wir keine Chance.“
Luhr gab am Dienstag informativ und unterhaltsam Einblicke in seinen Arbeitsalltag auf Kölns Straßen. Er gehörte zu den Podiumsgästen des ersten Live-Talks „100 Ideen für Köln“, der im Neven DuMont Haus stattfand. Mit dem Format wird die Serie „100 Ideen für Köln“ fortgesetzt, für die der „Kölner Stadt-Anzeiger“ mit dem Deutschen Lokaljournalistenpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung ausgezeichnet worden ist. Rund 120 Menschen kamen zur kurzweiligen Premiere in entspannter Atmosphäre. Julia Hahn-Klose und Susanne Rohlfing aus dem Kommunalpolitik-Team der Lokalredaktion führten durch den Abend. Kooperationspartner der Live-Talks ist die Sparkasse Köln-Bonn.

Martin Luhr, langjähriger Gruppenleiter der Kölner AWB, mit Kommunal-Reporterin Julia Hahn-Klose auf der Bühne.
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„Wie kann Köln sauberer werden?“, lautete die Leitfrage des Gesprächs. Sie knüpfte an eine der im vergangenen Jahr vorgestellten 100 Ideen an. Patrick Adenauer, geschäftsführender Gesellschafter des Kölner Bau- und Immobilienunternehmens Bauwens, hatte vorgeschlagen, den Posten eines direkt dem Oberbürgermeister unterstellten Sonderbeauftragten für Sauberkeit zu schaffen.
Zu denen, die sich oft vernehmlich über die Zustände in Köln beschwert haben, vor allem über Müll und Uringestank rund um den Dom, zählt die ehemalige Dombaumeisterin Barbara Schock-Werner, heute Präsidentin des Zentral-Dombau-Vereins (ZDV). Am Dienstag sagte sie relativierend, andere Städte wie etwa Hamburg seien „genauso dreckig wie Köln“. An der Stadtreinigung liege der Mangel an Sauberkeit nicht, zudem könnten die AWB nicht „die Obdachlosigkeit beseitigen“. Mehrfach kam Schock-Werner darauf zu sprechen, dass das „Entree“ der Stadt zu wünschen übrig lasse. Wer sich vom Hauptbahnhof Richtung Fußgängerzone bewege, komme an einem „Chaos“ von Fahrrädern und Rollern vorbei und gehe über verschiedene Bodenbeläge.
Barbara Schock-Werner wünscht sich für Köln ein ansprechenderes „Entree“ in die Stadt
Immer wieder habe sie beobachtet, dass sich niemand um stehen- oder liegengelassene Gegenstände kümmere. Kurzum: „Die Stadt empfängt ihre Besucher mit Verwahrlosung.“ Unter dem Eindruck, dass Köln offenbar keinen Wert auf Ordnung lege, ließen die Besucher umso eher ihren Müll fallen. Das Problem sei Respektlosigkeit. „Leute, die eine saubere Stadt haben wollen, sollten sich auch dementsprechend verhalten“, sagte die ZDV-Präsidentin. Einen Sauberkeitsbeauftragten einzustellen, hält sie nicht für nötig: „Wir haben schon Reinigungsbeauftragte“ – nämlich die AWB mit ihren 2060 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.
Auch AWB-Chef Thomas Thalau sprach sich gegen einen Sauberkeitsbeauftragten aus. Die AWB wüssten gut genug, wo was zu tun sei, außerdem gebe der aktuelle städtische Haushalt eine solche Stelle nicht her. Thalau setzt auf Oberbürgermeister Torsten Burmester. Dieser lasse erkennen, dass das Thema Sauberkeit für ihn sehr hohe Priorität habe, und sei bemüht, die verschiedenen Fäden von den AWB bis zum Ordnungsamt zusammenzuführen. Wie Schock-Werner machte Thalau als zentrales Problem die „Respektlosigkeit gegenüber dem öffentlichen Raum“ aus.
Ein großes Problem sei etwa das Littering, also das achtlose Wegwerfen oder Liegenlassen von Abfall. Zuletzt seien über 20.000 entsprechende Meldungen im Jahr eingegangen, Tendenz steigend. Die Beseitigung dieses Abfalls komme zur Straßenreinigung hinzu und koste Millionen. Thalau plädierte für „empfindliche Sanktionen“ in solchen Fällen. Als weiteren Trend nannte er die Zunahme des Abfalls durch Essenslieferungen. Manch einer lasse den Karton der in den Park bestellten Pizza einfach liegen. Zudem stellten die Menschen zunehmend „Abfall“ auf die Straße, den sich andere umsonst mitnehmen dürften. Oft wolle aber niemand diese Sachen haben und sie blieben liegen, bis die AWB sie mitnähmen.
Wir können nicht zu jeder Tageszeit überall sein.
„Wir können nicht zu jeder Tageszeit überall sein“, sagte Thalau. Vor dem Sommer werde es aber wieder eine Grundreinigung der Fußgängerzone geben, bei der mit einem Hochdruckreiniger unter anderem festgeklebtes Kaugummi entfernt wird. Am Dom werde ohnehin täglich mit heißem Wasserdampf sauber gemacht. Noch in diesem Jahr würden größere Mülleimer in der Altstadt aufgestellt. Seine Schätz-Frage ans Publikum, wie hoch die Zahl öffentlicher Papierkörbe in Köln sei, konnte niemand beantworten. So tat er es selbst: rund 20.000, die zum Teil mehrmals täglich geleert würden.
Die Zuschauer beteiligten sich im Anschluss zahlreich an einer lebhaften Diskussion. Viele wollten eigene Erlebnisse zum Thema teilen oder trugen Vorschläge für ein sauberes Köln vor. Für die AWB gab es viel Lob und Dankesworte, Kritik mussten aber die Kölner Krähen einstecken, die nach Beobachtungen einer Besucherin immer wieder Chaos um öffentliche Mülleimer anrichteten. AWB-Chef Thalau versprach, dass zumindest die neuen großen Papierkörbe eine Abdeckung haben werden, die den Vögeln den Zugang zum Müll deutlich erschweren soll.
Eine Frau im Publikum gab den mehrheitlich mit der Schulnote drei bis vier bewerteten AWB aber auch eine glatte Sechs. In ihrem Viertel fliege bei der Abholung des Mülls vieles daneben und eine Straße werde anscheinend nie gereinigt. Eine andere Zuhörerin sagte, die Strafen für Müllsünder müssten „drastisch erhöht“ werden. Zum Beispiel für diejenigen, die Sachen, die sie bei Flohmärkten auf der Galopprennbahn in Weidenpesch nicht loswürden, „in der Grünanlage gegenüber“ abstellten. Ein Mann schlug vor, in jedem Stadtteil solle es einen Ansprechpartner für Sauberkeit geben. Und eine Frau regte an, mit künstlerischen Spots darauf aufmerksam zu machen, „dass es uncool ist, Müll fallen zu lassen“. Bei Abstimmungen votierte die Mehrheit gegen einen Sauberkeitsbeauftragten, sprach sich aber für höhere Strafen für Littering aus. Und viele stimmten zu, dass sie selbst etwas dafür tun könnten, dass die Stadt sauberer wird.
Der nächste „100 Ideen für Köln“-Talk findet im Juni statt. Zu Gast ist dann unter anderem Jürgen Domian, der für die Serie 50 Kirschbäume vor dem Opernhaus und 10.000 Bäume für die Stadt vorgeschlagen hatte. Anlässlich seines 150. Geburtstags hat sich der „Kölner Stadt-Anzeiger“ die Idee zu eigen gemacht und sammelt Geld für 10.000 Setzlinge, die im November gepflanzt werden sollen. Der genaue Termin des Gesprächsabends steht noch nicht fest.
