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Neues AlbumAls Paul McCartney noch arm und glücklich war

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ARCHIV - 14.12.2024, Großbritannien, Manchester: Sir Paul McCartney auf der Bühne des Co-op Live in Manchester während seiner Got Back Tour.

Sir Paul McCartney auf der Bühne in Manchester während seiner Got Back Tour

Mit fast 84 Jahren veröffentlicht Paul McCartney sein 20. Soloalbum. „The Boys of Dungeon Lane“ schämt sich nicht seiner Sentimentalität.

Mit 24 – seit der ersten Beatles-Single „Love Me Do“ waren gerade mal viereinhalb Jahre vergangen – hielt Paul McCartney zum ersten Mal Rückschau. Erinnerte sich an die nun schon ferne Jugend, an die Busfahrt entlang der Penny Lane, an den Kreisverkehr, wo er umsteigen musste, wenn er John Lennon bei dessen Tante besuchen wollte. Von der Penny Lane zur Dungeon Lane sind es nur 17 Autominuten. Oder 59 Jahre, je nachdem, ob man Raum oder Zeit messen will. Die führte vom Arbeitervorort Speke, wo die McCartneys wohnten, zum Strand von Oglet, dem südlichsten Punkt Liverpools.

„The Boys of Dungeon Lane“ hat Paul McCartney sein 20. Soloalbum betitelt, das an diesem Freitag erscheint, nach einer Textzeile aus der Vorabsingle „Days We Left Behind“. Das wehmütige Stück enthält die schöne Erkenntnis, dass zwar nichts die Tage, die wir hinter uns gelassen haben, zurückholen, aber auch niemand sie auslöschen kann: Als leuchtende Erinnerung kehren sie immer wieder zurück.

Nun teilt McCartney als ewiger Beatle einen Großteil seiner Erinnerungen mit der ganzen Welt. „Mein ganzes Leben ist ein offenes Buch, komm’ herein“, lädt er die Hörer fröhlich in „Come Inside“ ein, dem ersten Song der zweiten Seite des neuen Albums.

Was McCartney niemand nehmen kann, das ist die Zeit vor dem Ruhm

Offene Bücher haben wenig zu erzählen. Doch was McCartney niemand nehmen kann, das ist die Zeit vor dem Ruhm, das arme, aber unglaublich reichhaltige Leben vor dem großen Geld. „Man könnte sagen, dass die Wohnung, in der wir früher lebten, nicht viel hergab“, singt McCartney in „Home to Us“ mit altersbrüchiger Stimme – „und man könnte es dir verzeihen, wenn du dachtest, dass es etwas heruntergekommen war“, fällt Ringo Starr mit ein. Der Song ist um einen Schlagzeug-Track des alten Mitstreiters im Überleben gebaut. Prompt schaukeln sich beide zum beinahe fußballschlagerartigen Refrain hoch: „Aber für uns war es ein Zuhause.“ Später trampt der junge McCartney in der Akustikballade „Down South“ zusammen mit George Harrison im Lastwagen in Richtung Wales.

„Memory Almost Full“ hatte er vor knapp 20 Jahren ein Album genannt. In knapp drei Wochen begeht der Vielgefeierte seinen 84. Geburtstag, da wird auch der Speicherplatz für die Zukunft knapp. Was also bleibt ihm übrig, möchte man meinen, außer der sepiagetönten Rückschau? Wenn die nicht, siehe oben, schon immer seine Spezialität gewesen wäre.

„Pauls Oma-Musik“, pflegte John Lennon zu ätzen, obwohl dessen Verhältnis zu frühem Rock’n’Roll nicht weniger nostalgisch geprägt war, als die Liebe seines Songwriting-Partners zu den Melodien, die seine Eltern im Haus summten. „Salesman Saint“, der Song, den McCartney seinen hart arbeitenden Eltern auf „Dungeon Lane“ gewidmet hat, hebt mit einer einsamen Mariachi-Trompete zur kargen Wandergitarre an. „My father was a salesman, my mother was a saint“ („Mein Vater war Verkäufer, meine Mutter eine Heilige“) lobt der Sohn, es ist die beste Zeile des Albums. Heißer Tee und Zigaretten, ein Klavier und das Radio, singt er kurz darauf, hätten ihnen ausgereicht, um weiterzumachen, und flechtet ein elegant swingendes Benny-Goodman-Orchester ins Lied ein, als würde er dich, wie weiland zur „Magical Mystery Tour“, noch einmal auffordern, aufzustehen und zu einem Lied zu tanzen, das ein Hit war, bevor deine Mutter geboren wurde. Oma-Musik? Von wegen. Große Kunst ist das!

Paul McCartneys offizielles Porträt zum neuen Album "The Boys of Dungeon Lane"

Apropos „Magical Mystery Tour“: Die Nostalgie reicht nicht immer bis zu den Kindheitstagen zurück. Ein kürzlicher Besuch in Glastonbury hat Sir Paul zur Niedlichkeits-Psychedelik von „Mountain Top“ inspiriert. Es geht um ein Mädchen, das auf einem Hügel des Festivalgeländes Pilze schluckt. Der Song ist ein tiefenentspannter Verwandter von „Lucy in the Sky with Diamonds“ und McCartneys Stimme klingt wie die von John Lennon auf „Tomorrow Never Knows“, durch einen rotierenden Leslie-Lautsprecher seltsam verfremdet. Genauso wie in dem berühmtesten Tripping-Song der Beatles hat Produzent Andrew Watt auch hier Bandschleifen verwendet und auch sonst tief in die Trickkiste der LSD-geschwängerten Popjahre gegriffen. So richtig ausflippen darf das Stück allerdings erst in der dritten Minute, da zeigt uns Paul noch einmal, wer hier das Walross ist.

Für „We Two“ haben Watt und McCartney sogar ein altes Studer-Vierspur-Aufnahmegerät verwendet, um zu zeigen, welch wunderbare Ergebnisse man immer noch mit quasi-antiker Aufnahmetechnik aus der „Sgt. Pepper’s“-Zeit erreichen kann. Mindestens kann man hier sehr schön McCartneys melodischen Basslauf verfolgen. Und am Ende des Songs wird das Tonband zurückgespult.

Einige Lieder auf „Dungeon Lane“ wirken wie alte Aufnahmen der Wings

Der 35-jährige Watt hat sich in den vergangenen Jahren einen Namen als Experte für dynamische Spätwerke gemacht, hat unter anderem Alben von Ozzy Osbourne, Elton John, Iggy Pop und den Rolling Stones produziert und den alten Legenden einen frischen Live-Sound verpasst.

Weshalb wohl einige Lieder auf „Dungeon Lane“ wie vergessene Aufnahmen von McCartneys alter Band Wings wirken. Etwa die schweren Gitarren und die verzerrte und komprimierte Stimme im Auftaktstück „As You Lie There“, in dem sich der Sänger daran erinnert, wie er als junger Bursche nächtliche Spaziergänge zum Haus der schlafenden Angebeteten unternommen hat: der Weltstar als schüchterner Verehrer.

Es geht auch um die Kuratierung der eigenen Vergangenheit: Erst vor ein paar Monaten versuchte sich die Doku „Man on the Run“ recht erfolgreich an einer Neubewertung des McCartney’schen Solowerks, für das er vor allem in den 70er und 80er Jahren einiges von den Kritikern einstecken musste. Selbstbewusst hat er hier gleich mehrere „silly love songs“ untergebracht – heute staunt man, wie viele unvermutete Wendungen, wie viele einschmeichelnde Melodien er auf solche dünne Pfeiler schichten kann.

Erst im letzten, üppig orchestrierten Lied, „Mamma Gets By“, fällt ihm ein, dass man die Vergangenheit ja auch einfach erfinden kann: Erneut geht es um eine, diesmal eben fiktive, aufopferungsvolle Mutter: Es ist der melancholische Zwilling von „Lady Madonna“.

„The Boys of Dungeon Lane“ ist bei Capitol/Universal erschienen