- Zuletzt im Büro sorgte eine Schachtel „Dickmanns“ für Uneinigkeit.
- Auf Twitter streitet man sich momentan über die gleiche Frage, ausgelöst (mal wieder) von einem in der „Zeit“ erschienenen Kommentar.
- Wo ist denn jetzt die Grenze zwischen Meinungsfreiheit und Beleidigung? Und muss man darüber wirklich so viel sprechen?
- Ja, findet unsere Autorin. Dafür ist Sprache schließlich da. Ein Kommentar.
Nein, natürlich darf man nicht mehr alles sagen. Wann durfte man das je? Wenn ich als Kind meinem Mathelehrer alles an den Kopf geworfen hätte, was ich so dachte, wäre ich von der Schule geflogen. Sprache ist dafür da, das Zusammenleben zu erleichtern und zu verbessern. Und es ist nicht so, als wäre Sprache ein knappes Gut: Deutsch hat ungefähr 350.000 Worte. Davon benutzen wir etwa 16.000. Auch weil man manche Worte einfach nicht braucht. Sie verletzen. Und es so viel bessere Alternativen gibt.
Trotzdem diskutieren wir immer wieder über die gleichen Fragen. Wie man Schokoküsse nennt. Ob man nur „Liebe Kollegen“ in seine E-Mail schreibt. Ob das Abendland untergeht, wenn es Winter- statt Weihnachtsmarkt heißt. Immer wieder fühlen sich Menschen beraubt, wenn man ihnen sagt, dass sie ein bestimmtes Wort nicht verwenden sollen. Sie haben das schon immer so gemacht, sagen sie dann. Es täte doch keinem weh. Und die „politische Korrektheit“ würde ihre Meinungsfreiheit beschneiden.
Fehltritt in den sozialen Medien kann anstrengend werden
Das Argument ist: Politische Korrektheit ist nur etwas für Eliten. Kein „normaler“ Mensch interessiert sich dafür, wie man Schokoküsse nennt. Oder ob man zu Karneval als Indianer geht. In der „Zeit“ erschien jüngst ein Kommentar, der die Debattenkultur in Deutschland kritisiert. Sie schließe diejenigen aus, die nicht das Privileg von hoher Bildung und sensibilisierter Sprache im Elternhaus genossen haben. Ebenfalls erst vor kurzem sprachen die Medien viel über eine Umfrage, nach der 63 Prozent der Deutschen glauben, nicht mehr alles sagen zu dürfen.
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Ist das nicht kurios? Sprache und bestimmte Ausdrücke, die von ihren Verteidigern gern als „althergebracht“ definiert werden, werden kritisiert, weil sie eine bestimmte Gruppe der Gesellschaft benachteiligen. Es ist nicht mal von der Hand zu weisen: besonders in den sozialen Netzwerken ist der Rückschlag kräftig zu spüren, postet man einen Tweet mit falschem, unsensiblen Ton. Und ja, das kann anstrengende Ausmaße annehmen, weil es über die sachliche Kritik weit hinausgeht. Ja, da werden plötzlich Menschen als Rassisten bezeichnet, die es sicher nicht sind. Es ist fast so, als hätte Sprache einen riesigen Einfluss darauf, wie Menschen und die Gesellschaft wahrgenommen werden.
Sprache formt das Bewusstsein
An dieser Stelle kurz in eigener Sache: Ich bin extrem privilegiert. Mein Elternhaus ebenfalls. Ich habe eine akademische Bildung. Ich kenne die Sapir-Whorf-Hypothese aus meinem Studium: „Sprache formt das Bewusstsein“. Das funktioniert in beide Richtungen: wird man plötzlich von hunderten Twitter-Nutzern als „Nazi“ bezeichnet, findet man sich eventuell schneller auf einem blaubraunen Parteitag wieder, als man dachte. Weil man wütend wird, und sich dort unter Gleichgesinnten wähnt. Und erfährt man sein ganzes Leben lang immer wieder Diskriminierung, Gewalt, Hohn, Geringschätzung, während man ein bestimmtes Wort hört, zuckt man vielleicht zusammen, wenn man die nette Dame von nebenan beim Bäcker das gleiche Wort über die Theke rufen hört. Ist das eine elitäre Art zu argumentieren?
Ich nutze meine Bildung, mein Privileg, um mir Gedanken über die Gesellschaft und das Zusammenleben zu machen. Andere, intelligentere und gebildetere Menschen tun das auch. Genauso, wie wir auf Ärzte hören sollten, die uns eine Impfung empfehlen, damit wir nicht unwissend jemanden mit Masern anstecken, sollten wir auch die Sprach-Elite ernst neben, damit wir nicht unwissentlich jemanden mit unseren Süßigkeiten verletzen.
Wir sind keine Kinder mehr, verhalten wir uns auch so
Übrigens hilft die Impf-Metapher auch bei einem anderen, oft gebrachten Argument: Nicht jeder fühlt sich von den gleichen Dingen beleidigt. Nicht für jeden wären Masern überhaupt gefährlich. Aber für manche eben sehr. Und das sieht man den Leuten vielleicht nicht an, wenn sie neben einem an der Brötchentheke stehen.
Als Kinder haben wir viele Dinge gemacht, die wir heute anders machen. Wir haben Filme geguckt, die wir heute nicht mehr spannend finden. Mit den Eltern über Schlafenszeiten diskutiert. Schamlos in der Nase gebohrt. Also, falls das noch nicht klar war: Wenn wir es als Erwachsene geschafft haben, uns einzugestehen, dass man manchmal eben einfach zum Arzt gehen muss, und kurz gepiekst wird, schaffen wir es auch, uns anzugewöhnen Schokokuss zu sagen. Oder „Liebe Kolleginnen und Kollegen“ zu schreiben. Oder uns im Karneval als (Sprach-)Polizist/in zu verkleiden.


