Die spanische Sängerin ist der Star der Stunde. Ihre Show in der ausverkauften Lanxess-Arena konnte man nur bestaunen. Mehr kann Pop nicht. Unsere Kritik.
Rosalía in KölnDas Konzert des Jahres – oder eher ein Gottesdienst?

Rosalía trat als Ballerina am Anfang ihres Konzerts auf.
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Unter Jubelstürmen zieht das 22-köpfige Heritage Orchestra in die Lanxess-Arena ein, betritt die kleine Bühne in der Mitte des Innenraums, stimmt sich ein. Dann hebt die Dirigentin Yudania Gómez Heredia ihren Taktstock, schüttelt ihre langen, blondierten Dreadlocks. Die Kubanerin hat in Regensburg an der Hochschule für katholische Kirchenmusik studiert, später noch in Nürnberg Dirigieren und Chorleitung. Außerdem hat sie ein Youtube-Video veröffentlicht, in dem sie die klassischen Einflüsse in „Berghain“ aufdröselt – der Single, mit der Rosalía im Herbst vergangenen Jahres einen radikalen Richtungswandel ankündigte –, hatte begeistert über Vivaldi, Mozart und Gabriel Fauré gesprochen. Das Video ging viral, der spanische Weltstar nahm Kontakt auf – und jetzt steht die Wahlbayerin also am Altarende einer Bühne in der Kreuzform einer Kathedrale, ungefähr dort, wo sonst der Eishockey-Schiedsrichter den Puck fallen lässt.
Hier schlängelt sich stattdessen eine einsame, gestopfte Trompete aus dem Geigenwirrwarr nach oben, von Querflöten und einer Oboe verfolgt. Hinter dem Halbrund der Hauptbühne öffnet sich nun die riesige, auf einen Rahmen gespannte Leinwand – wir sehen sie rückwärtig – und gibt den Blick frei auf karge, noch unter weißen Decken verborgene Kulissen. Hinten leuchtet ein goldener Mond, wie von Max Ernst frottiert. Er könnte, wenn er die Farbe wechselt, auch eine flache Discokugel sein.
Rosalía in Köln: Wie eine Tänzerin-Skulptur von Edgar Degas
Bühnenarbeiter lehnen Leitern an eine große, senkrecht stehende Kiste, rufen Kollegen zu Hilfe, lassen die Seitenwände zu Boden klappen, geben den Blick frei auf eine Tänzerin-Skulptur von Edgar Degas. Diese hier ist aber lebensgroß, erscheint jetzt auch überlebensgroß auf den flankierenden LED-Wänden und beginnt zu singen.
Davon, wie schwer es ist, zwischen Himmel und Erde zu wählen. Zwischen der Gnade Gottes und irdischen Vergnügungen: „Sex, Gewalt und Reifen“. Rosalía Vila Tobella, das musengeküsste Wunder aus dem Speckgürtel von Barcelona, verbindet seit früher Jugend eine ebenso große Leidenschaft für Trial-Motorräder wie für den Flamenco. Im Stück „De Aquí No Sales“ von ihrem zweiten Album, „El Mal Querer“ klagt sie im dramatischen Melisma über eine von Gewalt vergiftete Beziehung – begleitet einzig von aufheulenden Motorradmotoren und dem Geräusch von Reifen auf Geröll.

Das Bild zeigt Sängerin Rosalía bei ihrem Auftritt am 16. März 2026 in Lyon.
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Mit „Lux“, ihrem aktuellen Album, ist Rosalía der Sprung vom Übungsgelände in die Arenen und wohl bald auch Stadien dieser Welt gelungen. Sie ist der Star, von dem im Moment alle sprechen. Die Pop-Erneuerin, über die sogar die „Tagesschau“ berichtet. Was umso erstaunlicher ist, als das mit dem London Symphony Orchestra eingespielte „Lux“ zugleich ihr experimentellstes Werk ist: klassische Sinfonie, Gottesdienst, immerwährender Heiligenkalender und in 13 Sprachen vorgetragene Verbeugung vor mystisch angehauchten Philosophinnen wie Simone Weil oder philosophisch angehauchten Mystikerinnen wie Hildegard von Bingen.
Jetzt wird die Ballerina vom Sockel gehoben, wird von den Tänzerinnen und Tänzern des Marseiller Tanzkollektivs (La) Horde auf Spitze gedreht. Singt von Reliquien in Jerez de la Frontera, in Mailand, von den Frauen, denen diese Gliedmaßen gehörten. Singt von den eigenen Liebesopfern, die sie in Madrid, Marrakesch und Puerto Rico zurückgelassen hat. Von der Liebe, die einen mit Haut und Haaren ergreift, die einen völlig aushöhlt und den Körper in ein leeres Gefäß verwandelt, einen durchscheinenden Container für das göttliche Licht. Am Merch-Stand kann man T-Shirts mit der Aufschrift „God is hot“ erstehen. Das alles ist gar nicht schwer zu verstehen, über der Hauptbühne läuft ein Band mit deutschen Übertiteln. Der Dialog zwischen dem Live-Orchester, dem elektronischen Soundtrack vom Band und Rosalías warmem, wandlungsfähigem Sopran funktioniert fantastisch, die Arena wird zum Kirchenraum.
Rosalía war „zu gut“ – Playback-Vorwürfe entkräftet
Oder zur italienischen Oper: Nachdem sie kurz Didos „Thank you“ zitiert hat, begrüßt Rosalía ihr Publikum, wickelt es mit selbstironischem Witz ein und hüllt sich selbst in ein weißes Tuch wie eine marmorne Pietà-Figur, setzt an zu „Mio Cristo Piange Diamanti“ („Mein Christus weint Diamanten“), ihrer auf Italienisch gesungenen Pop-Anwandlung einer großen, edel leidenden Opernarie. Beim Tourauftakt in Lyon brachte ihr das Playback-Vorwürfe ein, sie hatte einfach zu gut gesungen. Seitdem setzt sie vor der letzten hohen Note eine kleine Kunstpause, zum Beweis der Echtheit. Und die Tränen, die ihr dabei über die Wangen rinnen, können auch nicht lügen.

Für „Berghain“ wechselt Rosalía zu Schwarz.
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Höher geht es nicht, jetzt wird es dunkler. Das Tanzensemble trägt Schwarz, Rosalía ein Kostüm mit schwarz gefiederten Hörnern, das direkt aus Francisco de Goyas „Hexensabbat“ zu stammen scheint. Nicht die letzte Lektion in Kunstgeschichte an diesem Abend. Eine „Art Cam“ fordert Zuschauerinnen und Zuschauer dazu auf, Posen aus bekannten Gemälden – Botticelli, Dante Gabriel Rossetti, Edvard Munch – nachzustellen. Kurz davor hatte sich die Sängerin schon selbst einrahmen und von einer fotografierenden Menge bewundern lassen, als Mona Rosalía, und dazu Frankie Vallis „Can't Take My Eyes Off You“ zum Besten gegeben.
Aber jetzt ist es erst einmal Zeit für „Berghain“. Die Streicher spielen Presto-Tonleiterkaskaden, ein Orff‘scher Chor bellt im Rammstein-Deutsch: „Seine Angst ist meine Angst/Seine Wut ist meine Wut/Seine Liebe ist meine Liebe/Sein Blut ist mein Blut.“ Die ausverkaufte Arena begrüßt den Song mit kollektivem Aufschrei, der sich noch steigert, als er sich in Conrad Taylors Techno-Remix dem titelgebenden Berliner Club entgegenstreckt.
Der Rest des Konzerts vergeht wie im Rausch: In blonder Pompadour-Perücke singt Rosalía „Saoko“ und „La Fama“, die Hits ihres vorangehenden Albums „Motomami“. Als sie das vor dreieinhalb Jahren in Düsseldorf vorstellte, war die Inszenierung minimalistisch: eine leere Bühne, acht Tänzer und eine Steadicam. Eine Galerie-Performance. Die „Lux“-Tour schwelgt dagegen in maximalistischer, freilich nicht barocker Opulenz. Es herrscht immer noch große Klarheit, nur die Gesten sind größer, die Choreografien elaborierter – die weiß behandschuhten Tänzerhände, die für „La Perla“ einen weiteren, wandelbaren Rahmen um die Sängerin bilden! – und die Kostüme haben ihr so berühmte Modeschöpfer wie die Belgierin Ann Demeulemeester auf den Leib geschneidert. Wer weiß, wahrscheinlich stammt auch der Weißwein, den Rosalía zum Song „Sauvignon blanc“ auf einem weißen Flügel räkelnd schlürft, von einem bestbeleumundeten Gut.
Protzig wirkt die Show dennoch nie, eher, als hätte sie ihr Inneres nach außen gestülpt. Nicht als formlose Psychomasse, sondern als gotische Architektur. Spätestens als sie wie eine fröhliche Päpstin mitten durchs Publikum zu ihrem Orchester schreitet, unter einem riesigen, schwenkenden Weihrauchfass davon singt, dass Gott der beste Künstler ist, begreift man, dass man hier in der Church of Rosalía betet. Zuvor hatte sie bereits einer Zuschauerin die Beichte abgenommen: eine wilde, allzu lang mäandernde Geschichte um eine sexgesteuerte Affäre, nächtliches Spaghetti-Bolognese-Kochen, Periodenblut und die Mutter des Lovers, die am nächsten Morgen von der roten Soße kostet.
Zum Finale des Konzerts kippt Rosalía mit ausgebreiteten Engelsflügeln von einer Showtreppe hintüber – und kehrt für eine letzte, nun ganz in sich gekehrte Zugabe bloßen Fußes als Heilige zurück, weint ein letztes Mal den problematischen irdischen Freuden hinterher – Benzin und Rotwein, Zigarren und Schokolade – und wird dann von goldenem Licht verschluckt. Was für ein Konzert! Das Publikum verweilt noch ein wenig, um dem Heritage Orchestra zujubeln.
