Samuel Becketts „Endspiel“ zu verstehen, das könne nichts anderes heißen, als seine Unverständlichkeit zu verstehen. Sprach Theodor W. Adorno in einem berühmt gewordenen Vortrag, 1961 in Frankfurt am Main, vier Jahre nach der Uraufführung des Einakters. Dessen Autor saß damals im Publikum. Jahre später antwortete er dem Philosophen postalisch in typischer anglofranzösischer Lakonie: „All is malentendu“ („Alles ist ein Missverständnis“).
Heute fällt es uns wahrscheinlich eher schwer, das „Endspiel“ nicht zu verstehen. Wir leben in ständiger Vorausschau der Postapokalypse, das ausweglose Futur II des „wird gewesen sein“ erscheint uns fast zwingend als Sinnzusammenhang des leerlaufenden Dramas. Das Stück, sagt Uwe Schmieder im Programmheft-Interview, borge sich immer die jeweilige Realität, die jeweilige Katastrophe aus. Er spielt es zusammen mit Frank Genser bereits seit 14 Jahren.
Wir leben in ständiger Vorausschau der Postapokalypse
Kay Voges, damals Intendant in Dortmund, hatte Wolfram Lotz’ „Einige Nachrichten an das All“ als Film inszeniert. Darin wohnen die beiden ohnehin schon an Beckett (allerdings eher an „Warten auf Godot“) angelehnten Figuren Lum und Purl in einem Zimmer, das als Floß auf einem See schwimmt. Voges sah den blinden Hamm und seinen unwilligen Diener Clov aus dem „Endspiel“ förmlich vor sich, minus Hamms in zwei Mülltonnen hausenden Eltern Nagg und Nell. Die bleiben auch in der Kölner Premiere des zwischendurch bis nach China gereisten Voges-Klassikers gestrichen.
Der Regisseur konzentriert sich ganz und gar auf die Herr-Knecht-Diade der beiden Hauptdarsteller. Bei Beckett ist die Dynamik der Hegel’schen Denkfigur bekanntlich eingefroren, die Geschichte ist an ihr Ende gekommen, ab jetzt wiederholt sie sich nur noch im ewigen Loop, wie eine Tonbandschleife, die sich mit jedem Durchlauf ein wenig mehr abnutzt.
„Ich werde dich verlassen“, kündigt Gensers Clov (der hier nach Lotz’ Lum heißt) großmäulig an und öffnet die Tür des flachen schwarzen Guckkastenzimmers. Doch die führt ins Nirgendwo. „Du kannst mich nicht verlassen“, antwortet ihm Schmieders Hamm (bzw. Purl), dazu blitzt ein-, oder zweimal mahnend die Deckenlampe auf. Worauf Genser die Tür wieder schließt: „Dann werde ich dich nicht verlassen.“
Die Szene spielen sie schon beim Einlass, zu schweren Drone-Akkorden. Und wiederholen sie immer und immer wieder während der kommenden 90 Minuten. Der freie Wille ist ein Witz, aus Herrn und Knecht ist ein Comedy-Duo geworden, was Kay Voges noch mit live zugesteuerten Cartoon-Geräuschen betont, wenn Genser mit hochgezogenen Knien durchs Zimmer stapft, oder Schmieder den Unterkiefer zuschnappen lässt. Wir sehen Laurel und Hardy oder – schließlich sind wir in Köln – Tünnes und Schäl, in der Wüste des Realen. Öffnet Clov ein Fenster, verbirgt sich dahinter kein Blick nach draußen, nur eine schwarze Tafel, auf die jemand mit Kreide „Null“ geschrieben hat. Auch der Blick durchs Periskop zeitigt kaum berichtenswerte Ergebnisse.
Selbst im Zimmer haben die Dinge ihre Stofflichkeit verloren, nur zweidimensionale Umrisse sind von ihnen geblieben, wie an einem Tatort. Das Maschinengewehr ist noch leicht zu erkennen, ein Wecker wird lediglich durch einen Kreidekreis symbolisiert, und um im an der Wand klebenden „H“ einen Hund zu erkennen, muss man seine Fantasie arg strapazieren. „Das verliert allmählich jeden Sinn“, seufzt Clov. „Noch nicht genug“, pariert Hamm. Oder war es andersherum? Ach, wenn er nur schlafen könnte, träumen, grimassiert Uwe Schmieder und wringt dabei die Hände, er würde vielleicht lieben. Frank Genser nestelt sich derweil manisch-masturbatorisch im Schritt. Ein Floh. Oder eine Filzlaus. Er streut sich eine Ladung Insektenpulver in die Hose. „Hast du ihn erwischt?“, fragt Hamm. „Es scheint so“, antwortet Clov, „es sei denn, dass er sich kuschelt.“ „Kuschelt? An wen?“, empört sich Hamm. „Kuscht, willst du sagen. Es sei denn, dass er sich kuscht.“
Der Traum von der Liebe ist nur ein weiteres Missverständnis. Becketts bitterer Trost, ist die Illusion einer Außenposition. Als könnten wir uns selbst beim Hadern mit der Ausweglosigkeit der Welt zuschauen. Jedenfalls kann man sich keine eigentümlicheren, bemitleidenswerteren, lustigeren Avatare als Frank Genser und Uwe Schmieder wünschen. Nichts ist komischer, heißt es im Text, als das Unglück.

