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Schauspiel KölnWarum die Deutsche Bahn auf der Strecke bleibt

4 min

Calle Fuhr in "Die Deutsche Bahn AG". Das Stück feierte am 9. Oktober 2026 Premiere im Schauspiel Köln.

Calle Fuhr, Hausautor, Hausregisseur und Hauptalleinunterhalter im Schauspiel Köln, erklärt das Elend auf deutschen Schienen. Unsere Kritik.

„Fahren bei Ihnen auch gerade so viele Freunde nach Japan?“, fragt Calle Fuhr im voll besetzten Schauspielhaus und erntet allgemeines Kopfnicken. Wenn er diesen zurückgekehrten Freunden dann erzählte, dass er daheim geblieben sei, um seine Tiefenrecherche zur Deutschen Bahn fortzusetzen, so Fuhr, antworteten diese ohne Ausnahme mit einem überschwänglichen Lob der japanischen Züge. Pünktlich auf die Sekunde sei der Shinkansen. Und sollte sich der Hochgeschwindigkeitszug doch mal verspäten, ist das Personal zu tiefen Verbeugungen, Nachsitzen und dem Schreiben von Entschuldigungsbriefen verpflichtet.

Da kochen sofort Rachegelüste bahngeplagter Pendler hoch. Das Beste an dem neuen Soloabend des Hausregisseurs, Hausautors und Hauptalleinunterhalters am Kölner Schauspiel ist aber, dass er sich trotz seines populären Themas solcher populistischer Gelüste verweigert, mit einer Ausnahme. Dazu später.

Einen „tragisch komischen Bühnenessay“ hat Fuhr „Die Deutsche Bahn AG“ untertitelt. Es ist vor allem ein Versuch, die Gründe hinter den endlosen „Grund dafür ist …“-Durchsagen herauszufinden, die Ursachen für die ungute Gemengelage aus Stellwerksstörungen und Oberleitungsschäden, aus marodem Schienennetz und finanzieller Schieflage, zu benennen.

Warum die Japaner es viel leichter mit der Pünktlichkeit haben

Die Japaner, führt Calle Fuhr aus, haben es nämlich sehr viel leichter, mit ihren wenigen, weit voneinander entfernten Ballungszentren, mit ihrem noch vergleichsweise neuen Bahnnetz und ihren erhöhten, eingezäunten Schienen. Könnte man nicht wenigstens Letzteres auch hierzulande umsetzen? „Ich will mir gar nicht vorstellen, was passieren würde, wenn das mal jemand vorschlägt“, antwortet sich der Stand-up-Rechercheur selbst: „Ein Windrad kann ja schon zu vorrevolutionären Zuständen führen. Was würde jetzt wohl passieren, wenn jemand jetzt erhöhte Gleise durch die ganze Republik ziehen wollen würde? Da wäre wahrscheinlich Bürgerkrieg.“

Dabei hatte er noch zu Anfang angekündigt, sich nicht an jenem allgemeinen Defätismus beteiligen zu wollen, demzufolge Deutschland langsam vor die Hunde gehe und die Deutsche Bahn dafür das beste Symbol sei. Allein, es ist schwer, der Lieblingsklage der Deutschen zu entkommen, wenn man dabei ständig von vorausfahrenden Zügen ausgebremst wird, auf denen die vielen verpassten Chancen in der Geschichte der DB transportiert werden: die schönfrisierten Bilanzen der Vereinigungsjahre, der an der Bankenkrise gescheiterte Mehdorn-Plan, die Bahn als globales Logistikunternehmen quer zu finanzieren, die völlige Planlosigkeit, die das Unternehmen seitdem lähmt.

Das Elend im übergroßen ICE-Fenster

Gleich einem Samstagabendshow-Moderator war Fuhr zuvor einem überdimensionierten ICE-Fenster (Bühne: Marleen Johow) entstiegen, das fortan als Leinwand dient, ein leutseliger Anwalt des Publikums. Beziehungsweise der „Beförderungsfälle“, als die wir Fahrgäste noch Anfang der 90er auf Bahnisch bezeichnet werden. Immerhin, damals lag die Pünktlichkeitsquote noch bei stolzen 80 Prozent (heute sind es 52 Prozent, wobei ausgefallene Züge als pünktlich gezählt werden).

Was uns Fuhr mit Entertainergeste präsentiert, sind vor allem Statistiken, ausgewertete Geschäftsberichte und Datenrecherchen. Trockener Stoff, der hier mit so viel Verve aufbereitet wird, dass man nach 100 Minuten fast enttäuscht ist, dass es schon vorbei sein soll.

Wie heißt eigentlich der Verkehrsminister?

Wir sehen: lustige Politiker-Collagen, einen aus dem Parkett rekrutierten Zuschauer, der im nachgespielten E-Mail-Verkehr mit Calle Fuhr hochprofessionell die ausweichenden Nicht-Antworten des noch neuen Verkehrsministers vorträgt. Falls Sie dessen Namen erst googeln müssen, im Premierenpublikum wusste es auch kaum jemand.

Wir sehen: noch lustigere Unternehmensstruktur-Erklärungen mithilfe von Lego-Figuren (man denkt an Harald Schmidts legendäre Playmobil-Exegesen) und einen Filmeinspieler, in dem Intendant Kay Voges und Chefdramaturg Alexander Kerlin als Stuttgart-21-Vorstände fröhlich tanzend die Verantwortung abschütteln.

Und wir sehen Lars Klingbeil, der auf der Akustikgitarre eine parteiübergreifend umgedichtete „Atemlos durch die Nacht“-Version auf einer Karnevalssitzung begleitet, ein echter Cringe-Klassiker. Das hat eigentlich nichts mit dem Thema zu tun, aber dann erzählt Fuhr von zwei Provinzhäuptlingen, die ihre jeweiligen Partikularinteressen vor dem größeren Gut vorangestellt haben. Bernhard Vogel, damals Ministerpräsident von Thüringen, hat seine enge Freundschaft zu Helmut Kohl ausgenutzt, um den Hochgeschwindigkeits-ICE zwischen München und Berlin nach Erfurt abbiegen zu lassen, Lars Klingbeil hat verhindert, dass eine dringend benötigte Schnellstrecke zwischen Hamburg und Hannover durch seinen Wahlkreis gebaut wird.

Fuhr erzählt diese Geschichte aus zwei Städten in virtuoser Parallelmontage, dann greift er zum Mikrofon und gibt seine Schlagerversion zum Besten: „Schamlos durch die Macht – bis die nächste Trasse kracht“, dazu tanzt eine von der KI verhundertfachte Marie-Agnes Strack-Zimmermann in einem seltsamen Sesamstraßen-Tiffy-Outfit. Das ist nun doch hemmungslos populistisch. Grund dafür dürfte das Thema sein, irgendwann wird hier wohl jeder von der Häme überholt. Der ungemein erhellende und unterhaltsame Abend entgleist deswegen freilich noch lange nicht.

Nächste Termine: 7., 12. 11., Schauspielhaus, 100 Minuten, keine Pause