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Slow ListeningDie Entdeckung der Langsamkeit

6 min
Steffen Irlinger (v.l.), Kevin Hill und Timo Eggers vom Kölner „Slow Listening Club“

Steffen Irlinger (v.l.), Kevin Hill und Timo Eggers vom Kölner „Slow Listening Club“

Ein Trend aus Japan kommt  auch nach Köln: Bei „Slow Listening“-Abenden geht es um bewusses Hören - ganz analog.

Die HiFi-Anlage kostet vermutlich mehr als das Jahresgehalt der meisten, die es sich im Café Franck in Neuehrenfeld auf Cord-Sesseln und Stühlen gemütlich gemacht haben. Etwa 30 Menschen sind heute Abend gekommen, um sich hier zusammen eine Schallplatte (die Älteren von uns erinnern sich) aus dem Jahr 1972 anzuhören. Von einem brasilianischen Musiker, von dem die meisten noch nie etwas gehört haben: Arthur Verocai. Aber das ist egal – was gehört wird, wird ohnehin erst zu Beginn der „Slow-Listening“-Session verraten. Das Publikum vertraut dem Geschmack von Steffen Irlinger, der die Alben aussucht. Der 59-jährige war mal Techno- und House-DJ, ist Musiker, Autor fürs Radio und arbeitet als Musikberater für Film und Fernsehen.Für den Kölner „Slow-Listening-Club“ sucht er die Musik aus. Und erzählt etwas über den Künstler und das Album. Aber nicht, während die Musik läuft - da ist außer dem Album höchstens das leise Zischen einer Bier- oder Limoflasche zu hören.

Schließlich geht es darum, Musik bewusst zu genießen. Und nicht einfach nur nebenbei dudeln zu lassen. Fans von klassischer Musik zelebrieren das. Aber Pop? Der ist beliebig geworden in einer Zeit, in der er dank Streaming jederzeit verfügbar ist und das Konzept des „Albums“ mit A- und B-Seite nur noch in der Theorie existiert. „Man ist das ja gar nicht mehr so gewohnt, sich so lange auf eine Sache zu fokussieren“, sagt Leona Frommelt, die bislang an allen „Slow Listening“-Abenden dabei war. „Ich kenne das von meinen Playlists bei Spotify nur noch so, dass man einzelne Lieder durchhört, aber gar nicht mehr eine Platte als Ganze. Das finde ich super, dass hier zu erleben.“ Außerdem mag sie die Stimmung: „Niemand holt ein Handy aus der Tasche oder stört - das ist wirklich toll. Und die Klangqualität ist natürlich auch sensationell.“ Die schätzt auch Guido Petters-Schmidt, bekennender HiFi-Fan. „Ich kannte keine Platten, die bisher gespielt worden sind. Und habe mir die danach immer gekauft. Wenn ich dann zu Hause sitze und die  nachhöre, habe ich immer noch im Ohr, was Steffen Irlinger darüber erzählt hat. Das bringt mir dann die Musik wirklich näher.“

Musik wird überall gespielt und selten gehört

„Musik wird überall gespielt und selten gehört“ heißt es auf der Webseite des „Slow Listening Club“. Mit ihrem Anspruch, das zu ändern sind die Kölner nicht allein – der Trend hat sich in den letzten Jahren von Japan über London und New York ausgebreitet. Und auch in Deutschland gibt es immer mehr solche Bars oder Cafés: in Berlin, München und Hamburg, aber auch in Bielefeld, Bonn, Bremen, Stuttgart, Dortmund und selbst in Wermelskirchen.

Die Idee hat ihre Wurzeln im Japan der 50er Jahre, erzählt Steffen Irlinger. Damals entstanden dort die ersten „Jazz Kissa“, „so minikleine Bars, oft von einem oder zwei Menschen“, in denen Schallplatten über die besten und teuersten HiFi-Systeme abgespielt wurden, die sich privat kaum jemand leisten konnte. Nicht um zu tanzen, sondern um andächtig der Musik zu lauschen. Fans von Haruki Murakami kommt das vielleicht bekannt vor. In den 1970er und 80ern, bevor er berühmt wurde, hatte der japanische Autor mit seiner Frau selbst eine Jazz-Bar in Tokio. Und immer wieder sitzen die Figuren in seinen Romanen in abgedunkelten Bars, hören Jazz und trinken Whisky oder Bier.

"Slow Listening“-Abend in Café Franck in Neuehrenfeld

"Slow Listening“-Abend in Café Franck in Neuehrenfeld

Timo Eggers hatte die Idee für den „Slow Listening Club“, nachdem er in der Corona-Pandemie in seiner Neuehrenfelder Nachbarschaft Steffen Irlinger beim Fußballspielen kennen gelernt hatte. Und dessen Leidenschaft für Platten – es sind knapp 10 000 – ist offenbar ansteckend. „Dann bin ich auch so ein bisschen eingestiegen in dieses ganze Vinyl- und Verstärker-Ding“, erzählt er. Und irgendwann sei er dann eben auch auf die japanischen Listening-Bars gestoßen. „Wo so ältere Herren ihr gesamtes Geld in die Anlage gesteckt haben. Mit alten Kinolautsprechern aus den USA. Viel zu übertrieben für den Raum. Und man saß da quasi mitten in der Musik“.  Das wollte er auch in Köln erleben konnte auch die Betreiber des Café Franck für die Idee begeistern.

Timo Eggers beschreibt sich als „so eine Art Band-Manager im Hintergrund“, er kümmert sich um das Organisatorische und Social Media. Dass Steffen Irlinger für die Musik zuständig ist, war klar. Aber es fehlte noch jemand für die „übertrieben gute Anlage“. Und so kam Kevin Hill zum „Slow Listening Club“, Geschäftsführer des MSP HiFi-Studios am Kölner Neumarkt. Die HiFi-Anlage sucht er immer extra für das jeweilige Album des Abends aus. Es dauert wahrscheinlich viel länger, die ganze Technik aufzubauen, als die Platte dann schließlich läuft - das Album von Arthur Verocai ist eine knappe halbe Stunde lang. Und es ist sogar noch extra jemand für den Plattenspieler dabei  - von Thorens aus Bergisch-Gladbach, die High-End-Plattenspieler herstellen. Die Firmen verbinden damit natürlich die Hoffnung, dass das Publikum auf den Geschmack kommt. Scheint zu funktionieren – nach dem das Verocai-Album zuende ist, schwärmt jemand davon, dass er jede Rassel des Schlagzeugers und das Blasen des Saxophonisten raushören konnte.

Steffen Irlinger ist die Musik wichtiger als der perfekte Klang. Er will Platten vorstellen, die exemplarisch für eine Richtung stehen: Marvin Gaye für Soul, John Coltrane für Jazz. Er hat auch schon mal Trip-Hop von Massive Attack aus den 1990ern gespielt. Für den bislang sechsten Slow-Listening-Abend in Neuehrenfeld hat er die Platte von Arthur Verocai ausgesucht, „weil wir das ganze weite Feld von außer-europäischer Musik noch gar nicht abgedeckt hatten“. Und weil es eine interessante Hintergrundstory gibt: Nachdem das Album 1972 erschien, hatte es so wenig Erfolg, dass es teilweise eingestampft wurde. Erst in den 90ern stießen dann Hip-Hop-DJs und Plattensammler auf die Aufnahme. Schließlich wurde das Interesse in der Szene so groß, dass sie 2003 noch mal neu gepresst wurde. Das alles erzählt Irlinger, nachdem er das Album abgespielt hat. Und auch noch ein paar Anekdoten. Über den Posaunisten zum Beispiel, der sich vor der Aufnahme erst mal betrinken musste, bis alles so klang wie es sollte.

Die ersten Zuhörer und Zuhörerinnen rekrutierte der „Slow Listening Club“ erst aus dem Freundes- und Bekanntenkreis, inzwischen sind die Tickets schnell ausverkauft. Meist an Menschen um die 50, die der klassischen Clubs müde geworden sind – im wahrsten Sinne des Wortes. Aber Steffen Irlinger ist sich sicher, dass das Konzept auch eine jüngere Zielgruppe anspricht. „Die finden es einfach toll, wieder bewusster Musik zu hören und ein Album ganz durchzuhören. Und nicht immer nur am Handy alle 30 Sekunden ein Lied zu skippen.“ Einmal in der Woche arbeitet er in einem Plattenladen. Und junge Leute würden dort sogar Schallplatten kaufen, obwohl sie noch gar keinen Plattenspieler haben. Trotzdem ist sie da - die Sehnsucht nach Entschleunigung.


Am Freitag, 25 September um 19.30 (Einlass, 20.30 Needle Drop) gibt es eine spezielle Listening Session mit Steffen Irlinger in der „GROSSE8“ in Köln-Ehrenfeld,Vogelsanger Straße 193. Als Protagonist des Techno- und House Booms in Deutschland führt Irrlinger durch seine „History of House“. Tickets kosten 15 Euro über rausgegangen.de. Die nächsten Termine des Slow Listening Club finden sich auf der Webseite und bei Instagram.