Abo

Sotheby's in KölnIngvild Goetz versteigert Dauerleihgaben für den guten Zweck

Lesezeit 4 Minuten
Sarah Morris' Gemälde „Library of Congress (Capital)“
zeigt ein Gittergeflecht vor farbigen Quadraten.

„Library of Congress (Capital)“ von Sarah Morris

Die Kunstsammlerin Ingvild Goetz will helfen, die Altersarmut in Deutschland zu bekämpfen. Dafür verkauft sie in Köln jetzt auch Werke, die sie dem Freistaat Bayern als Leihgabe überlassen hat. 

Als Ingvild Goetz noch keine hochdekorierte Sammlerin, sondern eine junge aufmüpfige Galeristin war, lud sie Wolf Vostell nach Zürich ein, um die Eidgenossen mit dem Kölner Fluxuskünstler zu erschrecken. Der Plan ging dank Vostells taufrischem Schnee-Happening so gut auf, dass Goetz die bereits erteilte Aufenthaltsgenehmigung wieder entzogen wurde. Oder weniger freundlich gesagt: Die saubere Schweiz warf die deutschen Schmuddelkinder zur Tür hinaus.

Für den Freistaat Bayern stellte sich diese aus dem Jahr 1972 datierende Affäre später als besonderer Glücksfall heraus. Ingvild Goetz zog mit ihrer kurzlebigen Zürcher Galerie nach München und widmete sich dort ab 1984 ganz der eigenen Sammelleidenschaft. 1993 eröffnete die Tochter des Versandhändlers Werner Otto ein von den Architekten Herzog & de Meuron entworfenes Museum für Medienkunst, zum 1. Januar 2014 machte sie das Haus mitsamt Inhalt dem Freistaat Bayern zum Geschenk. Den übrigen Teil ihrer 5000 Werke umfassenden Sammlung zeitgenössischer Kunst überließ Goetz für zehn Jahre als Dauerleihgabe den bayrischen Staatsmuseen.

Diese Werke sollten bis Ende 2013 den bayrischen Staatsmuseen zur Verfügung stehen 

Ein wenig wundert man sich daher schon, mehrere dieser Dauerleihgaben nun an den Wänden der Kölner Filiale von Sotheby’s zu sehen. Das Auktionshaus richtet für die philanthropisch tätige Ingvild Goetz eine Benefizauktion zugunsten sozialer und kultureller Projekte aus, in Köln und London stehen insgesamt 49 Arbeiten zum Verkauf, darunter abstrakte Großformate der US-Künstlerin Sarah Morris und des dänischen Malers Tal Rosenzweig, die Teil der dauerhaften Leihgaben waren. Auch über kleinere Arbeiten wie eine dreiteilige Fotoserie von Roni Horn oder einen Druck von Richard Prince sollten die Museen des Freistaats eigentlich bis Ende dieses Jahres verfügen können.

Alles zum Thema Museum Ludwig

„Im Rahmen der Schenkung und der Dauerleihgabe“, heißt es dazu auf Anfrage bei der Sammlung Goetz, „hatte Frau Goetz vereinbart, dass gelegentliche Verkäufe auch vor dem Ablauf möglich sind.“ Zum Ausgleich dafür kämen durch Neuankäufe „auch viele neue Werke in die Sammlung, die dann wieder als Dauerleihgabe zur Verfügung stehen“. Ein solcher Neuankauf bildet freilich ein Spitzenlos der Kölner Auktion am 29. März: Gotthard Graubners Kissenbild „Camelionid“, von Goetz im Jahr 2015 beim Auktionshaus Ketterer erworben, hängt mit einem Preisschild versehen (der Schätzwert beträgt 300.000 bis 500.000 Euro) im Kölner Palais Oppenheim.

All das dient selbstredend einem guten Zweck, auch wenn es nicht zum Vorteil der staatlichen bayrischen Museen gereicht. In den vergangenen Jahren hat sich Ingvild Goetz für verschiedene Hilfsprojekte engagiert, etwa zum Wohl von Asylbewerbern und Flüchtlingen, Kindern oder Menschen, die an Essstörungen leiden. 2013 ließ sie dafür bereits einmal 128 Werke ihrer Sammlung versteigern. Mit den Erlösen der aktuellen Auktion will sie, so lässt sich bei Sotheby’s nachlesen, Projekte fördern, die sich in Deutschland gegen Altersarmut einsetzen.

Die Mehrzahl der Benefizwerke aus der Sammlung Goetz schätzt Sotheby’s auf vier- und fünfstellige Beträge. Ein Gemälde des Erzkünstlers Jonathan Meese wird in Köln für 20.000 Euro gehandelt, eine mehrteilige Propellerarbeit von Thomas Zipp ist dagegen bereits ab 3000 Euro zu haben. Eine Tonarbeit von Peter Fischli und David Weiss renommiert mit ihrem schönen Titel: „Der Jäger hört von weitem Rotkäppchens Großmutter beunruhigend laut schnarchen“; vom Kölner „Wilden“ Walter Dahn ist ein Ohren-Druck im Angebot.

Eine bemalte Buchseite von Gerhard Richter ist ab 70.000 Euro zu haben

Auch abseits der Benefizauktion sind Kölner Künstler recht prominent im Frühjahrsprogramm von Sotheby’s vertreten. Das teuerste Los gebührt Gerhard Richter mit einem schönen, aber auch sehr schmalen Gemälde in Grün-Blau-Rot; der obere Schätzwert entspräche einem Quadratzentimeterpreis von 3750 Euro. Eine bemalte Buchseite Richters ist ab 70.000 Euro zu haben. Im Schnäppchenbereich des Kunstmarkts liegen hingegen ein Gemälde von Ursula Schultze-Bluhm, das passend zur Ursula-Retrospektive im Museum Ludwig in die Auslage kam, sowie eine abstrakte Malerei der kürzlich verstorbenen Mary Bauermeister. Beide Werke werden von Sotheby’s vierstellig veranschlagt.

Einige der schönsten Werke finden sich bei den älteren Herren der klassischen Moderne. Lesser Ury ist mit einer sommerlichen Impression des Hyde Parks vertreten und Franz Radziwill mit einem surrealen Düsenflieger-Spätwerk aus den 1960er Jahren. Als „verschollen“ galt ein gespenstisches Selbstporträt des Wiener Expressionisten Max Oppenheimer. Jetzt tauchte es in einer österreichischen Privatsammlung wieder auf.

„Moderne und Zeitgenössische Kunst“, Sotheby’s, Gustav-Heinemann-Ufer 136-138, Köln. Vorbesichtigung bis 28. März, täglich 10-18 Uhr, Live-Auktion am 29. März, 16 Uhr. Online-Auktion: 24. bis 30. März.

KStA abonnieren