Der Kölner Klassikstar über sein Interesse an Schubert, Schönberg und Weber und sein dennoch schwieriges Verhältnis zur österreichischen Hauptstadt.
Stargeiger Frank Peter Zimmermann„Mit der Wiener Mentalität komme ich nicht so gut klar“

Frank Peter Zimmermann
Copyright: Irene Zandel, Hänssler Classic
Herr Zimmermann, Sie kombinieren – besser vielleicht: konfrontieren – in ihrem kommenden Konzert in der Kölner Philharmonie Musik von Schubert mit solcher von Schönberg und Webern, also der Zweiten Wiener Schule. Ich vermute, dass Sie mit dieser sehr gebauten Agenda etwas Besonderes zeigen wollen. Was?
Die Verbindung zwischen diesen Sphären ist für mich in der Tat ganz offensichtlich – und eben auch sehr interessant. Die Idiome der volksmusikalischen Wiener und österreichischen Tradition, der Ländler und der Walzer – die sind ja, auf Anhieb vielleicht überraschend, bei Schönberg, Webern und Berg obsessiv präsent. Das kommt sicher auch von Bruckner und Mahler her, aber durch sie vermittelt eben auch von Schubert. Die Gegenstellung der Schubert- und Schönberg-Fantasien für Geige und Klavier zeigt das ganz deutlich.
Das berühmteste Beispiel für diese – in einer Zwölftonkomposition in der Tat nicht unbedingt erwartbare – Präsenz von Volksmusik ist ja vielleicht der erste Satz von Bergs Violinkonzert…
Aber auch in Schönbergs Fantasie opus 47, die wir spielen, klingt dauernd der Walzer auf. Schönberg schreibt immer wieder so etwas – und das, obwohl er schon seit fast 20 Jahren in Los Angeles lebt. Schönberg ohne Walzer und Ländler – schwer vorstellbar.
Woher kommt diese Persistenz?
Das hat natürlich mit der Herkunft der Komponisten zu tun. Schubert war genauso gebürtiger Wiener, wie Schönberg, Webern und Berg es waren. Da ist einfach die Prägekraft der geteilten Lebenswelt, die sich da geltend machte. Das hat sich über ein Jahrhundert hinweg auch nicht geändert. Und das „Biotop“ Wien war zweifellos eine der Wiegen der klassischen Musik überhaupt.
Nebenbei gefragt: Sie als gebürtiger Duisburger leben in Köln. Hat es Sie nie gereizt, Ihre Zelte in Wien aufzuschlagen – wo gerade Ihnen ausweislich Ihres neuen Programms die musikgeschichtliche Bedeutung dieser Stadt sehr präsent ist?
Nein, ich komme, offen gestanden, mit der Wiener Mentalität nicht so gut klar. Die Wiener lächeln immer, aber man weiß halt nicht, ob sie durchweg denken, was sie sagen. Da würde ich Paris als Wohnort in jedem Fall vorziehen. Ich wohne auch in Köln nicht zuletzt wegen seiner Nähe zum franko-flämischen Raum. Schauen Sie: Angeblich hatte Beethoven keinen Wiener Freund, mit dem er sich geduzt hat. Geduzt hat er sich mit seinen alten rheinischen Freunden.
Und selbst die gebürtigen Wiener Schubert und Schönberg haben mit Wien gefremdelt – um es einmal so zu sagen. Schönberg soll aufgrund seiner Erfahrungen mit der Wiener Kritik und Öffentlichkeit, nicht zuletzt mit dem verbreiteten Wiener Antisemitismus gesagt haben: „Wien, Wien, nur du allein, sollst von allen verachtet sein.“
Schubert ging es, wie Sie sagen, kaum besser: Er war und blieb ein Geheimtipp in seiner Heimatstadt, die breite Masse rannte Paganini und Rossini hinterher. Und es bleibt ein erklärungsbedürftiges Phänomen, dass sich ausgerechnet in so einer Umgebung nach 1900 eine Musik entwickeln konnte, mit der sich wie nirgendwo sonst die Radikalität des ganz und gar Neuen verbindet. Und nehmen Sie die Webern'schen Stücke des opus 7, die wir spielen: Die dauern zusammen knapp zwei Minuten, eine stärkere Komprimierung von Zeit ist kaum vorstellbar.
Ich komme, offen gestanden, mit der Wiener Mentalität nicht so gut klar. Die Wiener lächeln immer, aber man weiß halt nicht, ob sie durchweg denken, was sie sagen
Die Musik scheint inwendig die Frage zu reflektieren, warum sie überhaupt noch da ist – und nicht etwa Schweigen. Davon kann selbstredend bei Schubert keine Rede sein.
Ja, er ist eben der Meister der „himmlischen Längen“. Wir spielen trotzdem Schuberts Variationen über „Trockene Blumen“ mit dieser genialen Einleitung in die letzten „wie ein Hauch“ verklingenden Töne der Webern-Stücke hinein – das passt großartig. Da geht etwas in die Stille und wieder aus der Stille heraus. Und man merkt, dass auch Schubert schockierend modern war. Wie sich ja umgekehrt, sozusagen komplementär, die Angehörigen der Schönberg-Schule als „Romantiker“ verstanden haben. Sie fangen ja auch ganz offenkundig als Spätromantiker an: Schönberg mit der „Verklärten Nacht“, Webern mit dem „Sommerwind“.
Sie spielen mit ihrem Klavierpartner Kammermusik – zu den genannten Kompositionen kommen noch Schuberts Variationen für Violine und Klavier über sein Lied „Sei mir gegrüßt“. Liegt das daran, dass die Konzertliteratur für Ihr Instrument zwar hinsichtlich der zweiten Wiener Schule – mit den Violinkonzerten von Berg und Schönberg – attraktiv ist, nicht aber in Schuberts Fall?
Nee, nicht direkt. Also, die Schubert-Werke für Violine und Orchester stehen durchaus noch auf meiner Agenda – ich muss sie ja nicht unbedingt mit Schönberg kombinieren. Ich muss übrigens gestehen, dass ich mich bis vor ein paar Jahren an Schuberts Geigensachen überhaupt nicht herangetraut habe. Ich fand da einfach keinen Zugang, fühlte mich selbst auch nicht reif genug. Dann entdeckte ich für mich die Variationen über „Trockne Blumen“ – was nahezu eine Offenbarung war. Die sind original für Flöte und Klavier geschrieben, lassen sich aber problemlos eins zu eins auf die Violine übertragen.
Schuberts relativ frühe a-Moll-Sonate, die Sie auch spielen, firmierte früher als „Sonatine“ und entsprechend als Übungsstück für geringere Ansprüche. Sie finden das nicht, sonst hätten sie sie ja nicht ins Programm genommen…
Das Schwierige ist nicht die Technik. Hier ist aber weniger einfach mehr, es steigert die Ansprüche an den Spieler. Er muss wirklich seine Akzente setzen, sich für jeden Takt genau eine Art Choreografie ausdenken. Da läuft nichts von selbst, wenn man nichts draus macht, zerrinnt es einem zwischen den Fingern.
Die beiden großen Schubert-Variationszyklen gehen auf zwei seiner Lieder zurück – nahezu erwartbar bei diesem Großmeister der musikalischen Lyrik. Dem hat der Spieler Rechnung zu tragen...
Ja, er sollte wie ein lyrischer Sopran agieren. Das ist anders als bei Beethoven, wo im Hintergrund immer die Grande Armee marschiert.
Diese Zeit lag Schubert voraus – was noch einmal den Blick auf den politischen Kontext richtet. Und auf die politischen Aspekte der Wien-Konstellation. Da ergibt sich bei Schubert und der Schönbergschule eine komplementäre Figur.
Ja, Schubert stand in Opposition zur Metternich´schen Restauration, verkehrte in oppositionellen Zirkeln, schrammte kurz am Gefängnis vorbei. Seiner Musik hört man das nicht an – ihre ohne Zweifel vorhandene Radikalität ist nicht so spektakulär wie bei den Kollegen ein Jahrhundert später. Schönberg und die Seinen hingegen waren in der Kunst ganz offen radikal avantgardistisch, politisch aber reaktionär – deutsch-national oder, im Fall von Webern, sogar mit Sympathien für Hitler. Eine irrwitzige Konstellation.
Sie haben seit einiger Zeit einen neuen Klavierbegleiter, den jungen preisgekrönten ukrainischen Pianisten Dmytro Choni…
Ja, mit ihm arbeite ich seit drei Jahren eng zusammen. Ich merkte sofort beim ersten Zusammenspiel, dass er etwas kann, was viele Pianisten nicht können: Wie er auf mich eingeht, das zeigt seine große Erfahrung und Sensibilität in der Kommunikation mit einem Streichinstrument.
Es geht also in diesem Fall nicht um praktische Solidarität mit der von Russland angegriffenen Ukraine?
Nein, Dmytro ist zwar in Kiew geboren, hat aber in Graz studiert und lebt jetzt seit vielen Jahren in Wien. Zum Gück, wenn er noch in der Ukraine lebte, wäre er vielleicht zum Militär eingezogen worden.
Merkwürdigerweise ist ja immer noch bei diesen Duo-Kombinationen der Geiger der Star, der sich seinen untergeordneten „Begleiter“ aussucht…
Ja, das stimmt – und ist von der Sache her eigentlich völlig unsinnig. Bei vielen Violinsonaten hat das Klavier tatsächlich den anspruchsvolleren und schwereren Part. Schauen Sie mal ins 18. Jahrhundert, da hieß die Violinsonate oft „Klaviersonate mit Begleitung einer Violine“.
Frank Peter Zimmermann, geboren 1965 in Duisburg und wohnhaft in Köln-Hahnwald, gehört seit vielen Jahrzehnten zur geigerischen Weltspitze – als Kammermusiker wie als Interpret der großen Konzertliteratur vom Barock bis zur Gegenwart mit den international namhaftesten Orchestern und Dirigenten. Am Mittwoch, 18. März, 20 Uhr, spielt er mit seinem Klavierpartner Dmytro Choni in der Kölner Philharmonie Werke von Schubert, Schönberg und Webern. Rahmentitel des Abends: „Schubert und die zweite Wiener Schule“. (MaS)

