"Sechzehn Wörter" von Nava Ebrahimi ist das "Buch für die Stadt". Es geht unter anderem um Frauen im Iran - ein hochaktuelles Thema wegen der Proteste im Land.
Buch für die StadtHochaktuelle Eröffnungsmatinee

Eröffnungsmatinee für das "Buch für die Stadt" mit Nava Ebrahimi.
Copyright: Martina Goyert
Natürlich ist „Sechzehn Wörter“ auch ein politisches Buch – aber zuallererst ist es Literatur: Berührend, mitreißend, schlau und unterhaltsam. Trotzdem sprachen die Autorin Nava Ebrahimi und Moderatorin Anne Burgmer, Leiterin des Kultur-Ressorts des „Kölner Stadt-Anzeiger,“ an diesem Vormittag im Kölner Schauspiel viel über Politik. Was daran liegt, dass das Buch den „Nerv der Zeit“ trifft, wie Joachim Frank, Chefkorrespondent des „Kölner Stadt-Anzeiger“, sagte. Obwohl es schon im März 2017 erschienen ist.
Denn in ihrer Geschichte von Mona erzählt Nava Ebrahimi auch viel über die Frauen im Iran. Und deren mutiger Protest gegen das Regime bewegt gerade Menschen auf der ganzen Welt. Das ahnte Bettina Fischer noch nicht, als sie mit der Jury diesen Roman als „Buch für die Stadt“ auswählte. „Literatur hat die Möglichkeit , Gegenwart zu zeigen und uns zu erklären. Und Literatur verknüpft uns immer wieder mit uns selbst und mit der Welt“, sagte die Leiterin des Kölner Literaturhauses.
Nava Ebrahimi wurde 1978 in Teheran geboren und wuchs in Köln auf. Für sie kamen die Proteste der Frauen im Iran nicht überraschend: „Das Bildungsniveau im Iran ist hoch, Frauen können fast alles studieren, stellen auch mehr als die Hälfte der Studierendenschaft. Und das Wissen und das Bewusstsein darüber, dass sie in einem frauen- und generell menschenverachtenden System leben müssen, ist vorhanden. Und das passt nicht mehr zusammen.“
Sie versteht zwar den Vorwurf des „Gratismut“ – dass Solidaritätsbekundungen aus sicherer Entfernung sehr leicht fallen. „Symbolik und tatsächliche Unterstützung liegen gerade sehr nah.“ Trotzdem glaubt sie, dass die öffentliche Aufmerksamkeit wichtig ist: „Es kommt wirklich dort an und ermutigt die Menschen, weiter zu machen.“ So kompliziert die Lage auch ist, einer Sache ist sich die Autorin ganz sicher: „Mit einem Regime wie den Mullahs wird niemals Frieden zu machen sein.“
Öffentliche Aufmerksamkeit für die Proteste im Iran ist wichtig
„Sechzehn Wörter“ ist Nava Ebrahimis erster Roman. Sie erzählt darin von Mona, die zusammen mit ihrer Mutter in den Iran fliegt, als ihre Großmutter gestorben ist. Und die war komplett anders, als viele sich im Westen muslimische Frauen vorstellen: Laut, anzüglich und extravagant. „Ich wollte ein Gespür davon vermitteln, wie es ist, wenn iranische Frauen unter sich sind“, sagt die Autorin. Und da habe sie Frauen eben nicht als unterdrückte Opfer erlebt. Sondern selbstbewusst, stark und mit einer großen Loyalität untereinander.
Den Rückflug nach Köln hat Mona in dem Roman schon gebucht. Aber dann kommt ihr Ramin dazwischen, den sie kennen und lieben lernte als sie für ein Jahr als Journalistin im Iran arbeitete. In ihr deutsches Leben passt Ramin allerdings überhaupt nicht, hat Mona beschlossen. Trotzdem lässt sie sich von ihm aber noch zu einem letzten gemeinsamen Roadtrip l überreden. Eine Fahrt, die ihr die Augen öffnet für sich selbst und die eigene Familiengeschichte.
Es ist eine Familiengeschichte, in der es viele Überschneidungen gibt zu der Biografie der Autorin. Auch sie hat erlebt, erzählt Nava Ebrahimi, was es mit einer Familie macht, wenn sie ihre Heimat verliert und in der Fremde noch einmal ganz neu anfangen muss. Was es bedeutet, wenn die Kinder die neue Sprache viel besser sprechen und sich viel schneller einleben als die Eltern – obwohl die doch eigentlich Wegweiser und Unterstützung sein sollten.
So entstehe eine Entfremdung, von der auch ihr Roman erzählt: „Es ist ja schon ohne Migration schwierig, in der Familie über Unausgesprochenes zu reden. Aber das potenziert sich natürlich noch, wenn man keine Sprache dafür hat.“
Sprache ist das Zentrum, um das "Sechzehn Wörter" kreist
Sprache ist das Zentrum, um das „Sechzehn Wörter“ kreist – schließlich sind eben diese 16 Wörter das Gerüst des Romans. Worte aus dem Persischen, die nicht alle eindeutig ins Deutsche übersetzt werden können und die eine besondere Bedeutung für das Leben der Hauptfigur haben: „Übergepäck“ zum Beispiel.
Als Muslimin versteht sich die Autorin eigentlich nicht. Trotzdem bezeichnet sie sich bisweilen so: „Um zu zeigen, dass es eben auch viele Moslems wie mich gibt. Die das aber leider niemals von sich behaupten würden, weil der Islam und das Muslimisch-Sein einen so miserablen Ruf haben. Und weil sie vielleicht auch komplett säkular erzogen wurden, so wie ich. Aber damit blendet man natürlich einen großen Teil der muslimischen Welt aus, und überlässt das Muslimisch-Sein eher Menschen, die das enger für sich auslegen.“
