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Stranger Than FictionDas bietet das Kölner Filmfestival

5 min
Eine Frau steht mit Telefon am Strand.

Vincent Grafs „Nonna“ eröffnet das Kölner Filmfestival Stranger Than Fiction

Von der italienischen Großmutter bis zum eisigen Ende der Erde: Das Kölner Dokumentarfilmfestival führt 2026 wieder um die Welt.

In den ersten Minuten von „Nonna“, Vincent Grafs Porträt seiner italienischen Großmutter, gibt es einen feine Slapstick-Szene. Die ältere, etwas korpulente Frau fegt einen Innenhof und wirft dabei eine an eine Mauer gelehnte Holzpalette um. Als die zweite Palette fällt, stellt sie den Besen ab, um die gestürzten Hindernisse aus dem Weg zu räumen – und schon kippt der abgestellte Feger zur Seite weg.

Spätestens jetzt würde jeder Enkel seiner Nonna zur Hilfe eilen, aber Grafs Ethos als Dokumentarfilmer hält ihn eisern hinter der Kamera. Der Student an der Kölner Hochschule für Kunst und Medien (KHM) ist als stiller, nicht-teilnehmender Beobachter nach Italien gereist, um seine Oma durch ihren Alltag zu begleiten. Dafür braucht es ein kaltes Herz – auch wenn sich die titelgebende „Nonna“ durchaus zu helfen weiß.

Die Großmutter wirkt verloren zwischen ihren beiden Heimaten

Im Jahr 1999 ist Grafs Großmutter aus Deutschland nach Italien zurückgekehrt, ins eigene Haus, das sie als kleine, etwas schäbige Pension betreibt und seit längerer Zeit verkaufen will. Es ist Winter, und an Urlauber ist offenbar nicht zu denken. Die „Nonna“ bleibt die meiste Zeit mit ihrem Haus und ihren Geldsorgen allein. Gelegentlich schreit sie mit ihrem schwerhörigen Bruder herum, der ihr im Garten zur Hand geht; ergiebiger sind die Videotelefonate mit den in Deutschland gebliebenen, längst erwachsenen Kindern.

Sollte es vor Ort schön sein, versteckt Graf die lokalen Reize sehr geschickt vor seiner Kamera. Vermutlich gehört die Gegend nicht zu den begehrten Urlaubszielen Süditaliens. Heimgekehrt ist seine Großmutter, weil es, wie sie selbst sagt, eben die Heimat ist, aber jetzt wirkt sie verloren zwischen ihren beiden Heimaten. Einmal hört man sie Deutsch reden mit ihrer verschlafenen oder sprachlosen Enkelin. Im Garten wehen die Fahnen beider Länder.

Ein Pinguin steht im Schnee vor einer Industrieanlage

Nikolaus Geyrhalter „Melt“ bericht aus der Welt des schmelzenden Eises

„Nonna“ ist ein Film über Migration, aber vor allem ein Film über Einsamkeit im Alter. Man fragt sich, was Grafs Großmutter Halt gibt zwischen zwei halb gelebten Leben, und wie sich ihr Alltag ändert, wenn Graf die Kamera ausschaltet und er wieder Enkel ist. Graf bleibt die Antwort schuldig, aber sein Film ist das Gegenteil von kaltherzig.

Mit Vincent Grafs KHM-Arbeit beginnt an diesem Donnerstag das Kölner Filmfestival Stranger Than Fiction. Es widmet sich bereits zum 28. Mal den alltäglichen Wundern des Dokumentarfilms und dabei vor allem Filmen, die man eher nicht im regulären Kinobetrieb, geschweige denn im Fernsehen zu sehen bekommt. Grenzen gibt es weder geografisch noch inhaltlich: So ist der Produktionsstandort Nordrhein-Westfalen in diesem Jahr etwa mit Filmen über die DDR-Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley, die jüngere Geschichte der griechischen Urlaubsinsel Mykonos und die erste Apollo-Mission vertreten. In der Sparte „Dokumentarfilme International“ gibt es eine Enthüllungsgeschichte über Elon Musk, eine aus Archivmaterial kompilierte Erinnerung an die legendäre Nova-Convention, die 1978 die prominentesten Köpfe der US-Gegenkultur versammelte, oder „Vracht“, eine Schweizerische Langzeitbeobachtung aus dem Arbeitsgebiet der rheinischen Frachtschifffahrt.

Martin Paar steht neben einem sitzenden Pärchen.

„I am Martin Parr“ von Lee Shulmann

Zu den bekanntesten Regisseuren der aktuellen Festivalausgabe gehört Nikolaus Geyrhalter, der 2005 mit „Unser täglich Brot“, einem Film über die globalen Verflechtungen der industriellen Lebensmittelproduktion bekannt wurde. Für „Melt“ reiste Geyrhalter an die eisigen Enden der Welt, um in langen, unkommentierten Einstellungen vor den Folgen der Erderwärmung zu warnen. Die im Titel beschworene Schmelze scheint in seinem Film noch weit entfernt – insbesondere Bewohnern der Kölner Bucht müssen seine Bilder wie fantastische Aufnahmen eines Eisplaneten erscheinen. Geyrhalter lässt die Fahrer von Schneeraupen auch keine flammenden Appelle halten. Einige Seitenblicke auf die touristische Erschließung der Alpen genügen, um zu verstehen, was ein Mann, der in den Schweizer Gletschern beruflich Schnee zu schippen scheint, mit „fehlender Demut“ vor den Naturgewalten meint.

Mangelnde Demut vor dem Leben hat man auch Martin Parr immer wieder vorgeworfen. Dabei hat der im vergangenen Dezember an Krebs verstorbene britische Fotograf die Menschen vor seiner Kamera keinesfalls bloßgestellt, sondern lediglich zu Hauptfiguren der menschlichen Komödie gemacht. Wir alle versagen ständig vor dem Leben und geben dann ein Bild des Jammers ab. Darin fand Parr die stille Würde seiner Kunst: Zur Stelle zu sein, wenn unsere Lächerlichkeit Formen für die Ewigkeit annimmt.

Martin Parr fand im Ausschuss wie selbstverständlich Meisterwerke

Lee Shulman begleitete Parr für seinen schlicht „I am Martin Parr“ betitelten Film, als dieser bereits eine Gehhilfe vor sich herschob. Allerdings scheint der Rollator vor allem Teil seiner Tarnung zu sein, wenn er sich, schlaksig und gut gelaunt wie immer, in Brighton unter britische Touristen mischt, Senioren beim Tanztee beobachtet oder in einem gesichtslosen Vorort die Feierlichkeiten einer Königskrönung fotografiert. Diese Reiseroute gleicht einer Hommage: In den 80er Jahren wurde Parr mit Bildern des „hässlichen“ Britanniens berühmt, mit Aufnahmen sonnenverbrannter Touristen, schäbiger Ferienorte und vom Urlaubsglück ausgelaugter Familien.

So dankbar wie damals sind die Motive längst nicht mehr. Wenn Parr im Studio die Trophäen seiner Bildersafaris sichtet, wandert beinahe alles auf den „Kann weg“-Stapel. Aber so hat der Fotograf, ein obsessiver Bildersammler, schon immer gearbeitet. Parr war ein Massenproduzent mit nervösem Finger, der im Ausschuss wie selbstverständlich Meisterwerke fand. Leider versucht Shulman, während er Parr begleitet, ständig Parr-Bilder einzufangen; irritiert fragt man sich, ob er den Unterschied zwischen Film und Fotografie verstanden hat.

Die schönsten Aufnahmen holte Shulman aus dem Archiv. Sie zeigen den jungen Parr, wie er mit der Kamera Passanten buchstäblich auf die Pelle rückt und diese sich das gerne gefallen lassen. Parr gab ihnen das Gefühl, dass er sich für sie begeisterte und musste sich nicht einmal verstellen. Kann man so jemanden einen Bilderwunsch abschlagen? Schön dumm, wer sich von Martin Parr nicht beim Mensch-Sein ertappen ließ.


Stranger Than Fiction, Filmhaus Köln, Zoom Kino Brühl u.a., 23. Januar bis 1. Februar 2026