Die Norm gesprengtTanz-Pionierin Gerda König erhält Ehrenpreis des Kölner Kulturrats

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Gerda König erhält den Ehrenpreis des Kölner Kulturpreises, sie trägt einen roten Schal auf blauem Oberteil.

Gerda König erhält den Ehrenpreis des Kölner Kulturpreises.

Gerda König gründete mit DIN A 13 die erste Mixed-Abled-Kompanie in Deutschland. Wie sie mit ungebrochenem Pioniergeist seither die Norm sprengt.

Die Augen, sagt Gerda König, seien ihr auf einem Workshop für professionelle Tänzer und Menschen mit Behinderung geöffnet worden. „Da kam eine Frau dazu, die eine Spastik hatte, deren Extremitäten sich ständig bewegten. Arme, Füße, Beine, alles. Ich dachte: Wow, die ist aber mutig. Und gleichzeitig: Wie soll das denn gehen?“ Das war vor mehr als 30 Jahren, in Bregenz.

Kurz darauf sah sie, wie der Workshop-Leiter, Alito Alessi, mit der Frau sprach. Der amerikanische Choregraf gilt als Pionier des Mixed-Abled-Tanzes. „Später im Workshop bewegte sich diese Frau ganz unglaublich auf dem Boden. Es war faszinierend, ihr zuzugucken. Irgendwann rief Alito in den Raum, ob sich hier irgendjemand so bewegen könne wie sie – und das drehte für mich alles um: Was ist Tanz? Was ist Perfektion? Was ist Schönheit?“

In diesem Augenblick begann Gerda Königs erstaunliche Tanzkarriere, für die sie jetzt mit dem Ehrenpreis des Kölner Kulturpreises ausgezeichnet wird. Zwar hätte sie schon als Kind Tanz geguckt, im Fernsehen oder mit ihren Eltern in der Oper, „aber ich dachte nie, das ist jetzt etwas für mich. Und nicht, weil ich im Rollstuhl sitze.“

Gerda König sprengte in Köln radikal die Norm im Tanz

Das änderte sich erst, als der eingangs erwähnte Alito Alessi nach Köln kam, und ein Mitglied seiner Gruppe König fragte, ob sie nicht Interesse hätte, an seinen Übungen teilzunehmen. „Und das auf eine Art und Weise, bei der ich nicht das Gefühl hatte: Wir tun jetzt was für die Behinderten. Dann wäre ich da nicht hingegangen.“

Nach ihrem Schlüsselerlebnis fand Gerda König an der Kölner Sporthochschule eine Gruppe, der sie sich anschließen konnte. Und beschloss auf eigene Faust weiterzumachen, als diese auseinanderbrach: „Ich habe alle Tänzer, Musiker und Künstler, die ich kannte, eingeladen.“ Schnell formierte sich ein fester Kern von 13 Leuten, deren Spur man noch heute im Namen von Königs DIN A 13 tanzcompany wiederfindet: „DIN A 13, weil das eine Norm ist, die nicht existiert, und das fanden wir sehr passend.“

Wie sich das anfühlt, wenn man die Norm sprengt, erfuhr König 1996, als sie zum „Tanz Hautnah“-Festival im Stollwerck eingeladen wurde. Das Stück „Gips Ab“, der erste öffentliche Auftritt von DIN A 13, spaltete das Publikum. „Es ging um Körpergipsabdrücke“, erinnert sich König. „und am Ende wurde mir der Gips vom Oberkörper gerissen und ich war nackt. Menschen mit diversen Körpern auf der Bühne, das war damals eine enorme Provokation. Das Publikum reagierte extrem polarisiert. Die einen fanden es sensationell gut, die anderen feindeten uns direkt an. Wie wir nur so etwas auf die Bühne bringen könnten?“

DIN A 13 war die erste Mixed-Abled-Kompanie in Deutschland

Die negativen Reaktionen wirken heute mehr als befremdlich. Aber Königs Gruppe war damals die erste Mixed-Abled-Kompanie in Deutschland, griff radikal die Sehgewohnheiten an. Im „Kölner Stadt-Anzeiger“, so König, habe das Stück damals eine „Superkritik“ bekommen. Allein das sei für sie ein Grund gewesen weiterzumachen, „gerade, weil es so kontrovers war“.

Am Anfang mussten die DIN A 13-Mitglieder noch unentgeltlich arbeiten, angetrieben nur von ihrer Vision, doch 1999 kam das erste Fördergeld von der Kunststiftung NRW. Ab da konnte König unter professionellen Bedingungen arbeiten, Tänzerinnen und Tänzer engagieren, jedes Jahr mindestens eine neue Produktion herausbringen. „Seitdem haben wir von vielen Förderinstitutionen mit jedem Jahr mehr Geld und Unterstützung bekommen“, so König, „bis hin zu unserem ersten internationalen Projekt ‚Dance meets Differences‘ im Jahr 2004.“

Mit Hilfe des Goethe-Instituts exportierte König ihre Mixed-Abled-Arbeit unter anderem nach Brasilien und Kenia, nach Sri Lanka, Ghana, Israel und Venezuela. „Wir haben immer mit demselben Konzept angefangen – und jedes Mal ist ein komplett anderes Stück entstanden.“ Später holte sie diese unterschiedlichen Produktionen zum „Crossings Dance Festival“ ins Tanzhaus NRW.

Gerda König mit Ehrenpreis ausgezeichnet: Der Pioniergeist der 57-Jährigen ist ungebrochen

Der Pioniergeist der heute 57-Jährigen ist ungebrochen. Als die Pandemie eine geplante Co-Produktion mit einer Kompanie in Barcelona durchkreuzte, fanden König und ihr Team schnell eine Möglichkeit, das Stück, das die faschistische Vergangenheit beider Länder thematisieren sollte, ins Netz zu verlegen. „Wir haben das Stück mit Kameras in vier Badezimmern inszeniert, die als Zellen herhalten mussten. Die Live-Bilder haben wir mit dem Recherche-Material gemischt.“

Im zweiten Corona-Jahr choreografierte König gemeinsam mit Mehdi Farajpour eine hybride Produktion. Nur in Köln standen Tänzerinnen und Tänzer auf der Bühne, Kollegen aus Indien und der Türkei tanzten im identischen Bühnenbild, aus ihren Ländern live dazu geschaltet. „Wir haben die auf eine transparente Wand projiziert, sodass man nicht mehr wusste, in welchem Raum sich wer befand“, erzählt König. „Alle haben über Corona gestöhnt, ich nicht. Ich fand es spannend, was durch die Einschränkungen möglich wurde.“

Doch nicht alle Einschränkungen lassen die Kreativität erblühen. So gibt es in Deutschland bis heute keine Ausbildungsmöglichkeit für Tanzende mit Behinderung, die Eingangskriterien für das Tanz-Studium, so König, sind bereits die Ausschlusskriterien. 2019 gründete sie deshalb gemeinsam mit ihrer seit 23 Jahren engen Kollegin Gitta Roser das M.A.D.E. Weiterbildungsprogramm für Tanzstudierende mit oder ohne körperliche Besonderheiten, erneut eine Pioniertat. Ihr Ziel, sagt Gerda König, sei letztlich die Abschaffung aller Labels: „Es wäre schön, wenn wir irgendwann einfach Teil der Tanzszene wären, ohne gesondert kategorisiert zu werden.“

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