Gelungene Saison-Eröffnung im Kölner Theater der Keller: Lidia Politos Ibsen-Update „Peer Gynt – unersättlich“.
Theater der KellerDieser „Peer Gynt“ lässt keine Wünsche offen

Peer Gynt, Theater der Keller, September 2026
Copyright: Oliver Stroemer
„Das ist der Westen, mein Herr. Wenn die Legende zur Wahrheit wird, drucken sie die Legende.“ Das berühmte Zitat aus John Fords Western „Der Mann, der Liberty Valance erschoss“, hätte auch von Peer Gynt stammen können. Zumindest von dem Peer 2.0, der im Theater der Keller in „Peer Gynt – unersättlich“ als moderner Lügenbaron Münchhausen und Agent in eigener Sache buchstäblich die Bühne rockt.
Regisseurin Lidia Polito hat für ihre Version von Henrik Ibsens schillerndster Bühnenfigur die Handlung mitsamt ihren aberwitzigen Volten in die Gegenwart übertragen. Auch bei ihr ist Peer Gynt ein Narzisst aus dem freud'schen Lehrbuch, ein Teenager, der von großen Taten träumt, aber immer noch daheim der Mutter den Kühlschrank leerfuttert. Thomas Tom Brandt verkörpert diesen Testosteron-Zampano mit kraftstrotzender Vitalität, die den Bühnenraum in Schwingung versetzt. Julia Staufer hat als Peers alleinerziehende Mutter ihre liebe Mühe, diese unausgegorene Urgewalt in Schach zu halten.
Bei Peer Gynt brodelt es gewaltig
Bei Peer brodelt es gewaltig, ständig spuckt er neue Ideen und unglaubliche Geschichten aus. Pfiffig ist er dabei schon, wenn er sich etwa als Habenichts mit einem Trick am strengen Türwächter in dem Club vorbeimogelt. Hier trifft er auf Solveig (ebenfalls Julia Staufer), die vom anderen Ende der Skala ebenfalls ihren Platz im Leben sucht. Während Peer auf forsche Frechheit setzt, wirkt Solveig geradezu gehemmt. „Mein aggressives Ich“, sagt sie im Stück, „bestimmt mein Tun.“
Für kurze Augenblicke der Authentizität scheint aus Peer und Solveig eines dieser Paare zu werden, die sich gegenseitig retten. Doch Peer muss seinen Trieben Tribut zollen. Hat er doch, bevor er mit Solveig zusammenzieht, bereits Bekanntschaft mit den Trollen gemacht. Die Trolle – herrlich gespielt von Rayon Mühleib, Paula Wetten und Ruth Winandy – leben nach ihren eigenen, rauschhaften Regeln und nur allzu gerne stürzt sich Peer kopflos ins Vergnügen, bis er sich angesichts einer sich anbahnenden Vaterschaft aus dem Staub macht.
Die Flucht nach vorn wird für den Fantasten ohnehin zur wegweisenden Maxime, bis sein Fernweh schließlich vom Heimweh eingeholt wird. In packenden 80 Minuten wird das Publikum von dieser Lebensreise des Peer Gynt in ihren Bann gezogen. Regisseurin Lidia Polito gelingt es dabei mit klugen Kürzungen und eigenen Textpassagen, geschickt verwoben ins Versmaß des Originaldramas, das Stück zu einer hochaktuellen Bestandsaufnahme der modernen Welt zu machen.
Federleicht, verspielt und pointiert auch in den inszenatorischen Mitteln kommt diese gelungene Inszenierung daher. Man spürt dabei in jeder Minute, dass die Regisseurin ihr junges Ensemble liebt, und die Schauspieler geben diese Liebe in großer Lust am Spiel zurück. So kommt das Publikum zur Saison-Eröffnung im Theater der Keller in den Genuss eines Theaterabends, der keine Wünsche offenlässt.
Nächste Termine: 30., 31. 10.; 18., 19. 12., Theater der Keller
