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Tom Jones in KölnDer Tiger lässt das Mausen nicht

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21.04.2018, Großbritannien, London: Sir Tom Jones singt in der Royal Albert Hall.

Tom Jones bei einem früheren Auftritt in London. Wegen eines Fotovertrages hat der Stadt-Anzeiger beim Kölner Konzert auf einen Fotografen verzichtet.

Der 86-jährige Weltstar trat in der Lanxess-Arena auf. Mit schleppendem Gang, aber unvermindert starker Stimme. Unsere Konzertkritik.

Der Gang langsamer, der Blick trüber, die Stimme leiser: Tom Jones hat sich auf die Bühne der Kölner Arena geschleppt und neben einem Beistelltischchen Platz genommen. Dort sitzt er nun im Verfolgerlicht und klagt: „I’m growing old.“ Doch eigentlich ist es eher eine lapidare Feststellung als eine Klage. Der walisische Bergmannssohn, benannt nach dem gutmütigen Frauenhelden aus Henry Fieldings pikareskem Roman, ist 86 Jahre alt. Der Tiger hat die zweite Hüft-OP hinter sich, und wenn er sich ein wenig jünger machen will, als er sich höchstwahrscheinlich fühlt, erzählt er von Willie Nelsons 90. Geburtstagsparty.

Aber dass seine Stimme leiser sein soll, geht hier glatt als „humblebrag“ durch, als bescheidene Prahlerei. Und wenn er in „Tower of Song“, dem zweiten Stück des Abends, Leonard Cohens ironisch gemeinte Zeile wiederholt, dass er keine Wahl hatte, weil er nun mal mit einer goldenen Stimme geboren worden sei, bekommt er Szenenapplaus. Sein voluminöser Bariton hat kaum Muskeln abgebaut, höchstens an Charakter gewonnen. Spätestens beim dritten Lied, Bob Dylans „Not Dark Yet“, begreift man, dass Jones nicht vom Altern, sondern vom Durchhalten erzählt. Auch wenn der Bart weiß ist und die Freunde tot sind und jede Bewegung von Schmerz begleitet. Ja, selbst wenn man sich, wie Jones in Terry Calliers psychedelisch angehauchten Südstaatenblues „Lazarus Man“ singt, wie ein schlafloser Untoter fühlt, von höheren Mächten zum Immer-weiter-Leben verdammt.

Die „Sex Bomb“ ist durchgerostet und wird als Blues gespielt

So schmuggelt das alte Schaugeschäft-Schlachtross einiges an Tiefgründigkeit in diesen bunten Abend – wie schon vor vier Jahren auf dem Roncalliplatz, auf dem Jones eine beinahe identische Setlist präsentiert hatte. Sie stammt größtenteils vom Spätwerk „Surrounded by Time“, mit dem Jones zum ältesten Menschen wurde, der im Vereinigten Königreich ein Nummer-eins-Album veröffentlicht hat.

Die von den rund 5000 Zuschauerinnen und Zuschauern erwarteten Hits hat er selbstredend auch im Programm, vergisst auch nicht, immer noch stolz, deren vormalige Chartpositionen zu erwähnen. „It’s Not Unusual“, der Song, der ihn 1965 zum Star gemacht hatte, wird von einem folkigen Arrangement mit Akkordeon durchlüftet, ebenso das vor allem vom deutschen Publikum heiß geliebte „Delilah“: Ein glückliches Aufstöhnen geht durch die Arena, man erhebt sich von den Plätzen, tanzt so gut es geht, hebt die Hände dem alten Tiger entgegen – dabei erzählt der Text von einem Femizid. „Delilah“ ist eine Mörderballade, die sich als karnevalesker Schunkelschlager getarnt hat.

Ähnlich verhält es sich mit dem anrührenden Countryschmelz von „Green, Green Grass of Home“, der ersten von vier Zugaben. Die Heimkehr des Protagonisten findet nur in dessen Vorstellung statt, in Wahrheit befindet er sich auf dem Weg zum Schafott. Es sind nur wenige Schritte vom libidogesteuerten Las-Vegas-Entertainer zum desillusionierten Blues-Mann, selbst Mousse T.s unvermeidliche „Sex Bomb“ formt die fünfköpfige, durchweg exzellente Band im altersangemessenen Tempo zum aufgerauten Blues, als wäre der titelgebende Sprengkörper schon durchgerostet.

Die letzte Zugabe ist Chuck Berrys „Johnny B. Goode“, gewürzt mit einer letzten Anekdote. Nach ihren jeweiligen Abendshows, erzählt Tom Jones, sei er mit seinem Freund Elvis noch durch die Kasinos von Las Vegas gestreift, auf der Suche nach Late-Night-Entertainment. „Da spielt der wahre Rock’n’Roll-König“, soll der Pelvis bescheiden kommentiert haben, als sie eines Nachts einen Auftritt von Chuck Berry besuchten. Zuvor hatte der 86-Jährige seine eigene Lebensbilanz gezogen: „One Hell of a Life.“ Auf der LED-Wand präsentiert sich Jones als Riese inmitten sepiagetönter Wolken, ein gütiger Gott, der von der Hölle schwärmt.