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US-WahlDie Schiffbrüchigen vom Mississippi

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Eine Gruppe hat sich zur US-Wahl vor der Vaughan’s Lounge in New Orleans  versammelt.

New Orleans – Die Menschen, die sich hier zu nächtlicher Stunde unter und vor dem mit Goldfransen und Lichterketten verzierten, windschiefen Verandadach der Vaughan’s Lounge versammelt haben, sie wirken wie ein bunt zusammengewürfelter Haufen Überlebender.

Schiffbrüchige vielleicht. Schließlich liegt die hübsch heruntergekommene Dive Bar (was man behelfsmäßig mit dem angestaubten Wort „Spelunke“ übersetzen könnte) im Bywater-Viertel von New Orleans, der mächtige Mississippi fließt nur zwei Blocks weiter nördlich.

Eventuell sind es auch die mannigfaltigen Sitzgelegenheiten – Klapp-, Küchen- und Campingstühle, ein einzelner Basthocker –, die den Eindruck erwecken, die Menschen hätten sie in aller Eile aus ihren Häusern und Gärten geklaubt, um nun vor dem Vaughan’s, nur von zwei Leitkegeln bewacht, Schutz in der Gruppe zu suchen.

Allerdings, auch wenn das nur für rund die Hälfte der auf dem Foto Abgebildeten gilt, mit Mundnasenschutz bewehrt. Weshalb die Menschen in der malerischen Aufnahme der Agenturfotografin Emily Kask auch ein wenig an jene Männer und Frauen erinnern, die sich in der Rahmenhandlung von Giovanni Boccaccios Novellensammlung „Il Decamerone“ vor dem Schwarzen Tod aus Florenz in ein nahe gelegenes Landhaus geflüchtet haben. Freilich lässt das Vaughan’s zur Zeit keine Gäste ins Kneipeninnere, wegen der großen Pandemie unserer Zeit, die das öffentliche Leben in den Städten ähnlich der Pest zu Zeiten Boccaccios zum Erliegen gebracht hat. Weniger tödlich zwar, aber dafür global.

An einem Vor-Corona-Abend hätte wohl eine Live-Band die Menschen in die Lounge gelockt. Bis sie dicht an dicht gestanden, und Einiges an Charme und Durchsetzungsvermögen hätten einsetzen müssen, um wahlweise einen Blick auf die Musiker oder einen Drink von der Bar zu erhaschen.

Bis vor kurzem spielte hier noch einmal die Woche der Jazz-Trompeter Kermit Ruffins, manche kennen ihn vielleicht noch von seinen Gastauftritten in David Simons Fernsehserie „Treme“, die zeigt, wie sich New Orleans nach Hurrikan Katrina am eigenen Zopf aus dem Sumpf zieht.

Das war nicht selbstverständlich: Es gab damals Stimmen, die vorschlugen, die Stadt nach den katastrophalen Überflutungsschäden aufzugeben.

Nun eint die Sorge um ihre Zukunft die Hausflüchtigen also erneut über die Jahrzehnte und Jahrhunderte hinweg. Heute erzählt man sich keine Geschichten mehr, wie einst bei Boccaccio: Die Geschichte selbst wird für die von ihr Gebeutelten live via Beamer auf eine große Leinwand übertragen.

Beunruhigende Wahlnacht

Und sie verläuft alles andere als beruhigend. Zumindest für die im rechten Bildvordergrund sitzende Gruppe, die Decken mit den Namen der demokratischen Präsidentschaftskandidaten Biden/Harris über ihre Stuhllehnen drapiert haben.

Auf der Leinwand erscheint gerade das Wahlergebnis des Bundesstaates Florida, der entgegen der Voraussagen der Demoskopen an die Republikaner gefallen ist. Auch die acht Wahlstimmen Louisianas sind – wenig überraschend – an Donald Trump gegangen. 

Weltoffenes New Orleans

New Orleans hat dagegen, als weltoffene Großstadt, mit mehr als 80 Prozent für die Demokraten gestimmt. Man kann also davon ausgehen, dass die kleine Gruppe Überlebender, die lange, dunkle Stunden vor der Veranda der Vaughan’s Lounge ausharrt, alles andere als gelassen in die gute Nacht geht.

Schaut man genau hin, entdeckt man eine einzige Person auf der Fotografie, eine blonde Frau, die lächelt. Sie sitzt hinten links im Bild, am erleuchteten Buntglasfenster. Über ihr schwebt ein Totenkopf. Keine Metapher, sondern übrig gebliebene Deko vom mexikanischen Tag der Toten, der auch in New Orleans groß gefeiert wird.