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Nach fast 50 Jahren für den KStA Karikaturist Walter Hanel geht in den Ruhestand

Der Karikaturist in seinem Atelier, das aus zwei ehemaligen Garagen besteht.

Der Karikaturist in seinem Atelier, das aus zwei ehemaligen Garagen besteht.

Bergisch Gladbach – Auf dem Tisch im Wohnzimmer hockt ein Rabe. Natürlich. Wer auch sonst sollte dort sitzen, inmitten von Büchern, Stiften und Zeitungen. Raben sind – rein künstlerisch gesehen – die ständigen Begleiter von Walter Hanel, Deutschlands dienstältestem Karikaturisten. Kaum eine Zeichnung, auf der nicht ein oder zwei von ihnen in einer Ecke hocken, fette, listig grinsende Vögel, denen man jede Keckheit zutraut.

Raben sind Walter Hanels Lieblingsvögel.

Raben sind Walter Hanels Lieblingsvögel.

Seit 1971 sind Hanels Karikaturen – ob mit oder ohne Raben – nicht wegzudenken aus dem „Kölner Stadt-Anzeiger“. Dreimal in der Woche, in den letzten Jahren seltener, prägen sie die Meinungsseite dieser Zeitung: fein getuschte Zeichnungen, die von politischer Klarsicht zeugen und mit spitzer Feder auf den Punkt bringen, wo es schrammt und quietscht in unserer Welt. Nun, mit bald 88 Jahren, geht dieser großartige „Chronist der Republik“ in den Ruhestand. Am morgigen Mittwoch findet im „studio dumont“ eine Abschiedsveranstaltung für ihn statt.

Der Abschied fällt schwer

Alles zum Thema Ford

Natürlich falle es ihm schwer zu gehen, sagt Hanel. Vor ihm auf dem Tisch liegt ein Band mit Karikaturen aus den ersten Jahren. Weitere Bände stapeln sich neben seinem Schaukelstuhl, in dem er sich während des Gesprächs bedächtig hin und her wiegt.

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Hanel lebt seit vielen Jahren in einer lichtdurchfluteten Wohnung in Bergisch Gladbach. Eine schmale Wendeltreppe führt hinunter in sein Atelier, das aus zwei umgebauten Garagen besteht. An den Wänden im Wohnzimmer hängen großformatige, ein wenig düstere Bilder: Hanels freie Zeichnungen aus Serien wie „Vögel,“ „Paare“ und „Commedia dell’Arte“. Diese Werke seien ihm lieber als seine politischen Karikaturen, sagt er. „Ein Karikaturist ist nie wirklich frei in dem, was er tut. Notgedrungen wird er täglich in eine Thematik hineingezwängt, egal, ob sie ihm passt oder nicht.“

Langsam blättert er durch die alten Zeitungsbände. Herbert Wehner. Willy Brandt. Gerhard Schröder. Und immer wieder Helmut Kohl.

Kurz davor gefeuert zu werden

Der Kanzler mit dem breiten Grinsen und der eckigen Brille, die ihn ein bisschen wie einen Mafioso aussehen lässt. Kohl gehört neben Hans-Dietrich Genscher zu Hanels Lieblingsobjekten.

Obwohl er ihm bei einem seiner Arbeitgeber, dem konservativen „Rheinischen Merkur“, einmal gehörigen Ärger eingebracht hat. „Ich hatte ihn nicht sehr nett dargestellt und sollte deswegen gefeuert werden.“ Dass er bleiben durfte, habe er allein einigen couragierten Redakteuren zu verdanken. „Die sagten: Wenn der Hanel geht, dann gehen wir auch.“

Viele von Hanels Bildern befinden sich inzwischen im „Haus der Geschichte Bonn“ und im „Museum Wilhelm Busch“ in Hannover – Zeitdokumente, die ein halbes Jahrhundert Weltpolitik spiegeln. Mit sicherem Gespür für das Komisch-Absurde als Mittel der Kritik setzt Hanel die Großen der Welt in Szene: US-Präsident Bush als wildgewordener Cowboy, der die Erdkugel mit dem Lasso einfangen will. Kohl und der französische Staatspräsident François Mitterrand als Wetterfrösche im „Wiedervereinigungs-Froschbarometer“.

Der falsche Zug zum richtigen Ort

Hanel, am 14. September 1930 in Treplitz-Schönau im heutigen Tschechien geboren, ist ein Kriegskind. Das mag seine Sicht auf die Welt geprägt haben. Vater und Mutter sterben früh. Mit 18 ist er Vollwaise. In einem Kaff bei Leipzig macht er eine Ausbildung zum Autolackierer. „Ich wollte was mit Pinseln machen.“ Hanel lächelt melancholisch. „Stattdessen habe ich zwölf Stunden unter Autos gelegen und den Dreck abgeklopft.“

1949 zieht er nach Westdeutschland. Der 19-Jährige träumt von einer Karriere als Künstler. „Ich wollte nach Paris und später natürlich nach Amerika.“ Aus Paris wird nichts. Durch einen Zufall – Hanel ist in Nürnberg in den falschen Zug gestiegen – landet er in Köln. Bei „Ford“ findet er eine Anstellung als Lackierer und steht täglich bis 16 Uhr am Fließband.

Trotz allem habe er Glück gehabt, sagt Hanel. Bei einem Zeichenkurs in der Volkshochschule entdeckt ein Lehrer das Talent des jungen Mannes und beginnt, ihn auch privat zu unterrichten. 1953 bewirbt Hanel sich an der Kölner Werkkunstschule. Sechs Jahre später verlässt er sie als Meisterschüler. „Ich war als Zeichner begnadet“, sagt er und sieht dabei aus, als sei ihm der Satz, kaum ausgesprochen, auch schon hochnotpeinlich.

Walter Hanel ist ein bescheidener Mensch. Fast beiläufig erwähnt er, für wen er im Laufe seines Lebens gearbeitet hat. Für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, für die Zeitschrift „DM“, für „pardon“, den „Spiegel“, für die „Herald Tribune“, „Le Monde“, „Soir“, „Politiken“ und das „Time Magazine“. Er ist Träger des „Wilhelm-Busch-Preises“, 1985 erhält er den „Deutschen Preis für die politische Karikatur“, 2001 das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse.

Seine Karikaturen, so viel steht jetzt schon fest, werden dieser Zeitung fehlen.