- Wir alle werden in der Pandemie langsam ungeduldig. Warum fällt uns das Warten so schwer? Und wie wartet man eigentlich richtig?
- Wir haben Menschen gefragt, die ganz unabhängig von Corona mit dem langen Warten vertraut sind.
Köln – Für all die Ungeduldigen unter Ihnen, die keine Zeit haben, einen solch langen Artikel zu lesen, oder sich die Zeit nicht nehmen wollen, soll die Pointe dieses Textes ganz zu Anfang stehen: Hier, in den nächsten Zeilen, da wird es darum gehen, dass . . . Wobei, vielleicht wäre es besser zu sagen: Die Quintessenz wird sein. Oder: die Hauptaussage. Ja, die Hauptaussage, das ist gut. So. Die Hauptaussage also dieses Textes wird sein . . .
Stopp, nein. Da fällt mir ein: Das ergibt ja gar keinen Sinn, die Hauptaussage, die Quintessenz, die Pointe jetzt hier an den Anfang zu stellen. Dann lesen Sie ja meinen Text nicht mehr bis zum Ende. Sorry, ich hab’s mir anders überlegt. Ja, ich hab’s mir anders überlegt. Die Hauptaussage kommt erst später. Entschuldigung. Sie müssen warten. Stattdessen beginnen wir doch woanders: Am Gepäckband des George Bush Intercontinental Airport in Houston, Texas.
Riesenflughafen, fast 44 Millionen Passagiere kommen in normalen Jahren hier an oder heben hier ab. Und viele davon waren vor einiger Zeit unzufrieden. Darüber, dass die Gepäckausgabe so lange, zu lange dauere. Die Flughafenbetreiber also handelten, stellten weitere Mitarbeiter zum Ausladen der Maschinen ein – und tatsächlich: Die Wartezeit verkürzte sich, im Schnitt auf acht Minuten. Nicht wirklich lang. Ziemlich kurz sogar. Die Beschwerden aber hielten an. Also versuchten es die Verantwortlichen mit einer anderen Strategie: Die Gates für die landenden Flugzeuge wurden verlegt, weiter weg vom Hauptterminal. Waren es vorher nur wenige Meter bis zum Gepäckband, nur eine Gehminute, mussten die Reisenden nun sechs Mal so lang laufen wie zuvor. Die Zeit des Wartens am Gepäckband aber verkürzte sich. Ab da gab es fast keine Beschwerden mehr.
Warten ist fremdbestimmt, immer
Ob diese Geschichte wirklich stimmt, ist nicht ganz klar, zuerst stand sie wohl vor einigen Jahren in der „New York Times“. Sicher allerdings ist, dass das psychologische Prinzip dahinter in der westlichen Gesellschaft durchaus zu beobachten ist, in vielen wissenschaftlichen Untersuchungen bereits beschrieben wurde und so kompliziert ist es ja auch nicht: Das Empfinden von Zeit ist relativ.
Besonders langsam vergeht sie für uns, wenn wir sie nicht aktiv nutzen oder gestalten können. Wenn die Beschäftigung sinnlos erscheint. Eben wenn wir warten müssen, stillstehend, gelangweilt, unwissend wie lange es noch dauert, unsere ja sowieso immer knappen Minuten verschwendend auf das erzwungene Nichtstun. Jeder kennt das aus dem Alltag. Wie schnell eine Viertelstunde vergeht, wenn wir unsere Aufmerksamkeitsressourcen auf etwas anderes verwenden, das uns Freude bereitet, etwa ein gutes Buch, einen spannenden Film, eine lebhafte Diskussion. Und wie langsam, wenn der Bus nicht kommt, die Schlange im Supermarkt sich nur schleppend voranbewegt, der Termin beim Arzt sich immer weiter nach hinten verschiebt.
Alles Dinge, die in dem Moment des Wartens kaum beeinflussbar sind. Warten ist fremdbestimmt, immer. Wir warten auf etwas, dessen Eintreten wir selbst nicht beschleunigen können, sonst würden wir es ja tun. Und manche Leute tun es ja, sie geben Geld dafür aus, nur um nicht warten zu müssen, sie versichern sich teurer, um schneller untersucht zu werden und bezahlen mehr, nur um am Flughafen nicht so lange herumzustehen wie der Rest, wohlwissend, dass ihr Sitzplatz reserviert ist, der Flieger erst losrollt, wenn alle Passagiere an Bord sind.
Es ist die Ohnmacht, die uns unruhig werden lässt
„Warten lassen: ständiges Vorrecht jeder Macht, jahrtausendealter Zeitvertreib der Menschheit“, schrieb Philosoph Roland Barthes Ende der 80er-Jahre. Und er hatte Recht. Schon Kaiser Friedrich III. ließ seine Bittsteller gern besonders lang warten, um sie mürbe zu machen. Im Französischen gibt es für das Wartezimmer eine veraltete, gleichwohl poetische Bezeichnung: Salle des Pas-Perdues, Saal der verlorenen Schritte.
Es ist die Ohnmacht des Wartens, die uns unruhig werden lässt, manchmal auch sauer. Das Wissen, warten zu müssen, obwohl man nicht warten will. Wir sind dem ausgeliefert, der uns warten lässt, besonders, wenn wir nichts tun können, außer zu warten. Sie erinnern sich sicher an den Einstieg in diesen Text. Da habe ich genau das getan, ich habe sie bewusst warten lassen – und, war ziemlich nervig, nicht wahr?
Und ich habe noch eine Sache herausgezögert, um Ihre Geduld zu testen: Normalerweise schreiben Journalisten in den dritten, vielleicht vierten Absatz eines Artikels ein – so nennen wir das – Portal. Es ist der große Bogen, der dem Leser erklärt, warum dieser Text überhaupt spannend, relevant ist, was er mit dem Hier und Jetzt zu tun hat, kurzum: warum man ihn lesen sollte, warum sich das Durchhaltevermögen bis zur letzten Zeile lohnen wird, warum die Zeit, die das Lesen fordert, gut investiert ist. Denn, das ist auch so eine Eigenart der Geduld: Sie ist einfacher, wenn man weiß, dass sie sich auszahlt. Aber dazu später mehr.
Nun, da Sie trotzdem bis hierhin durchgehalten haben, will ich Ihnen erst einmal natürlich sagen, warum ich über das Warten schreibe.
Corona dehnt die Tage und schrumpt sie zugleich
Die ganze Gesellschaft, so fühlt es sich ja aktuell an, befindet sich in einer kollektiven Wartesituation. Wir warten darauf, dass der Lockdown endlich endet, die Schulen endlich wieder öffnen, der Impfstoff endlich ausreichend zur Verfügung steht. Wir warten darauf, unser normales Leben, wie es vor der Corona-Pandemie war, zurückzubekommen. Gleichwohl ist das Coronawarten natürlich kein typisches Warten. So schrieb mir ein Kollege aus der Redaktion, dem ich von unserer Themenplanung erzählte, vor ein paar Tagen auf WhatsApp: „Warten hat etwas mit Zeit totschlagen zu tun, und wenn du mich persönlich fragst: So wenig Zeit hatte ich in meinem Leben noch nicht.“
Was er damit meint: Obwohl nun seit einigen Monaten das öffentliche Leben wieder weitestgehend stillsteht, schaffen es viele Menschen kaum, die zusätzliche Arbeit zu erledigen, die ihnen nur durch die Krise entstanden ist. Eltern, die ihre Kinder während des Homeschooling betreuen müssen, Selbstständige, die damit beschäftigt sind, Finanzhilfen zu organisieren und Pläne zu machen, wie ihr Unternehmen das alles doch noch überleben könnte. Menschen in medizinischen Berufen oder anderen systemrelevanten Jobs, die fast pausenlos mit der Bekämpfung des Virus und seinen Folgen beschäftigt sind
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Es ist, als könnte Corona die Stunden, Tage, Monate dehnen und parallel schrumpfen lassen. Nie fühlte sich ein Jahr so lang an wie das vergangene und doch verging es auch so schnell und so ereignislos wie kaum eins davor. Als würde man Zeit gewinnen, nur um sie direkt wieder zu verlieren. Denn, das worauf wir warten, sind die schönen Dinge, bei denen wir die Uhr ganz und gar vergessen können. Ein Restaurantbesuch, ein Konzert, ein netter Abend mit Freunden. Was bleibt sind die Pflichten, die den Terminkalender überreizen, die auf die Minute genau erledigt werden wollen.
Und dennoch: Wenn eines diese Pandemie ganz sicher nicht beenden wird, dann Ungeduld. Erklären wir sie politisch für vorbei, obwohl sie es medizinisch noch nicht ist, bekommen wir vielleicht auf kurze Sicht ein bisschen Alltag zurück. Auf lange Sicht aber werden die Infektionszahlen wieder steigen, Schulen werden wieder geschlossen werden, Geschäfte dazu. Wir werden einmal mehr und noch länger warten müssen.
Ein Abwägen zwischen Gegenwart und Zukunft
Geduld, schreibt Matthias Sutter, Professor für Experimentelle Wirtschaftsforschung, in seinem Buch „Die Entdeckung der Geduld“, bedeute im Kern, die Gegenwart gegen die Zukunft abzuwägen und einem spontanen Bedürfnis zu widerstehen. „Weniger heute“ zugunsten von „mehr morgen“. Dafür braucht es Selbstkontrolle und Durchhaltevermögen des Einzelnen. Und vor allem eine Aussicht, für die es sich zu warten lohnt. Jemand wird eher sparen, wenn die Zinsen höher sind. Und eher Sport treiben, wenn er verstanden hat, dass ein gesunder Körper ihn länger leben lassen wird. „Ich bin außerordentlich geduldig, vorausgesetzt, ich kriege am Ende, was ich wollte“, soll die ehemalige britische Premierministerin Margaret Thatcher einst gesagt haben.
Was aber, wenn das, was man wollte, ist: Einfach nicht mehr warten zu müssen?
Eine Sache, die Menschen das Warten nachweislich deutlich erleichtert, ist die Angabe, wie lange es dauern wird. Nun weiß natürlich niemand, wie lange diese Pandemie mit ihren Mutationen und Impfstoffengpässen noch anhält. Doch auch in solch einer Situation gibt es einen Trick, es ist derselbe, den die Ambulanzmanagerin im Zusatzstück erklärt hat und er stammt ursprünglich aus dem Disney Land. Funktioniert so: Vor den Achterbahnen findet sich ein Schild, das zeigt, wie lange Gäste für eine Fahrt anstehen müssen. Diese Zeit aber wird von den Mitarbeitern leicht aufgebauscht, heißt es dort 45 Minuten, dauert es in Wahrheit meist nur eine halbe Stunde. Die Besucher werden so positiv davon überrascht, dass sie gut gelaunt einsteigen.
Und es ist nicht nur die Übertreibung ins Schlechtere, die hilft. So fand der berühmte Psychologe Daniel Kahnemann einst heraus, dass gerade die finalen Momente bestimmen, wie Menschen rückblickend eine Warteerfahrung wahrnehmen. Selbst wenn die erste Viertelstunde schrecklich und zäh war, ging es am Ende der Schlange schnell voran, schauen Menschen positiv auf das Anstehen zurück. Und andersherum: Dauerte es kurz vor Schluss unerwartet lange, werden Menschen rückblickend die gesamte Wartezeit als fürchterlich in Erinnerung behalten.
Verglichen damit wirken gerade überambitionierte Impfpläne und Versprechen von Normalisierungen am besten schon morgen, na ja, vielleicht kontraproduktiv. Das allerdings soll Sache der Politik bleiben, es sind Probleme, die sie lösen muss und die, wenn sie ungelöst bleiben, die Menschen logischerweise ungeduldiger machen werden. Die Abwägung „weniger heute und morgen mehr“ funktioniert eben nur, wenn das „Weniger“ immer noch genug ist.
Die Zeit zurückgewinnen
Es bleibt die Frage, wie man selbst das Warten aushalten soll. Wie wartet man richtig?
Es ist überraschend, wie wenig Antworten man darauf in der Psychologie, Soziologie oder Philosophie findet.
Muss man überhaupt warten? Im Supermarkt kann man später wiederkommen, wenn es dort zu voll ist. Die Verbreitung des Coronavirus allerdings kann nicht vertagt werden. Also ja, man muss. Außer man nimmt etliche Tote in Kauf und das scheint keine Verantwortung, die irgendjemand gern tragen würde.
Der beste Rat also bleibt: Indem man es schafft, die Zeit, die man glaubt zu verlieren, während der es scheint, als verpasse man etwas, für sich selbst zurückzugewinnen. Zumindest einen Teil von ihr nach seinen eigenen Vorstellungen verwenden zu können.
Das ist gewiss schwierig, wenn es sich trotzdem anfühlt, als hätte man keine Zeit, während man wartet. Doch sich bewusst seine Tage so einzuteilen, dass man auch Dinge tut, die einem Freude bereiten, das raten Dutzende Experten für den Umgang mit der Krise.
Das Warten, auch das kennen wir alle aus dem Alltag, wird vor allem durch Nebentätigkeiten erträglich. Die Aufmerksamkeit auf andere, schönere Beschäftigungen zu lenken, ist die einzige Taktik, die einem selbst zu bleiben scheint.
Das Marshmallow-Experiment
Der Wirtschaftsforscher Matthias Sutter zitiert in seinem Buch auch das berühmte Marshmallow-Experiment des Psychologen Walter Mischel. Darin wurde Kindern die Wahl gelassen: Ein Marshmallow jetzt sofort. Oder aber 15 Minuten mit dem Verzehr warten und eine zweite Süßigkeit bekommen. Mischel beobachtete verschiedene Taktiken der Kinder, um der Versuchung zu widerstehen. Manche Kinder rochen an dem Marshmallow, um die Vorfreude zu befriedigen. Das klappte eher schlecht, viele bissen dann doch auch direkt hinein. Andere Kinder hielten sich die Augen zu und drehten sich weg, um den Marshmallow nicht mehr sehen zu müssen. Doch auch das hielten nicht viele durch.
Die wirksamste Taktik war die der Kinder, die sich versuchten abzulenken. Etwa, in dem sie zu singen begannen.
Protokolle: Diese Menschen kennen sich mit dem Warten aus

Die ESA-Mitarbeiter Fred Jansen (v.l.n.r.), Stephan Ulamec, Andrea Accomazzo, DLR-Mitarbeiter Jens Biele und Elsa Montagnon am 12.11.2014 im Hauptkontrollraum der Weltraumorganisation ESA in Darmstadt
Copyright: dpa
Im Weltall ist Zeit relativ
Ich erinnere mich gut an den Tag, als unsere Raumsonde gestartet ist, auf dem Weg zum Kometen 67P/Tschurjumow-Gerassimenko. 2. März 2004. Es war klar: Die ist jetzt erst mal zehn Jahre unterwegs. Puh, zehn Jahre, dachte ich damals, das ist eine lange Zeit, bis wir endlich die Daten bekommen. Weit weg. Als die Sonde 2014 ankam, wurde es richtig spannend. Beim ersten Bodenkontakt hat die Verankerung des Laders nicht ausgelöst. Wäre er umgekippt, mit den Antennen nach unten liegen geblieben, das wär’s gewesen. Hat aber alles geklappt. Und ich muss sagen: Es waren zehn fantastische Jahre, die rasend schnell vergingen. Die Sonde hat uns schon während des Flugs spannende Erkenntnisse aus dem All beschert. Und am Ende war es auch so spektakulär, weil nicht alles glatt gelaufen ist.
Dr. Stephan Ulamec, leitete am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt das Projekt „Philae“, bei dem zum ersten Mal eine Sonde auf einem Kometen landete
In der Fernbeziehung muss man warten
Er: Also an das Warten aufeinander gewöhnt man sich nicht. Aber man weiß eben, dass es sich lohnt.
Sie: Wir kommen schon besser damit klar als noch zu Anfang. Wenn wir getrennt sind, begreifen wir das als Zeit für uns selbst, lenken uns ab, mit Hobbys, Freunden, Arbeit. Und wir verabreden uns fest zum Telefonieren.
Er: Zwischendurch schicken wir uns dann lustige Videos, die entstanden sind, als wir zusammen waren. Das hilft.
Jennifer Mohr und Andrei Bursasiu führen seit etwa einem Jahr eine Fernbeziehung zwischen Köln und Schottland
Der Jäger muss Geduld haben
Es kann passieren, dass ich sechs Stunden auf dem Hochsitz verbringe, bei Wind und Wetter und es passiert … nichts. Ich genieße dann eben die Natur, schaue mir die Vögel an, die Bäume, die im Frühjahr ausschlagen. Denke über Ideen für mein Unternehmen nach. Und wenn ich so richtig gestresst ankomme, dann lege ich mich auch manchmal einfach eine halbe Stunde hin und schlafe ein bisschen.
Claus Frankenheim, Jäger in der Eifel
Klinikpersonal braucht Geduld im Stress
Bei uns in der Klinik gehen alle Patienten, egal zu welchem Fachbereich sie müssen, erst mal durch ein und dieselbe Anmeldung. Das führt manchmal dazu, dass sich Leute ungerecht behandelt fühlen, wenn jemand, der nach ihnen gekommen ist, vor ihnen dran kommt. Ich versuche, das den Leuten aber immer ganz ruhig zu erklären – und in den allermeisten Fällen sind sie einsichtig. Außerdem übertreiben wir immer leicht, wenn wir die Wartezeit ankündigen. Wir sagen den Patienten: Bitte, bringen sie zwei Stunden mit, obwohl wir ziemlich sicher wissen, so lange wird es gar nicht dauern. Die sind dann aber immer erfreut, dass es schneller gegangenist als erwartet und haben gute Laune. Ich denke, Warten ist nur dann richtig schlimm, wenn mannicht weiß, wann es vorbei sein wird.
Silvia R. (Name geändert), als Ambulanzmanagerin unter anderem verantwortlich für die Patientenanmeldung in einer Kölner Klinik



