Schiwa Schlei, Chefin der WDR-Wellen 1Live und Cosmo, verteidigt die viel kritisierte Reform der Radiosender, bei der Cosmo zu 1Live Street wird.
Wellenchefin über Kritik am Aus von Cosmo„Ich kann den Abschiedsschmerz nachvollziehen“

Schiwa Schlei
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Frau Schlei, der WDR-Rundfunkrat hat kürzlich Ihren Plänen zugestimmt, den bisherigen interkulturellen Sender Cosmo im Frühjahr 2027 durch das neue Format 1Live Street zu ersetzen. Warum ist es aus Ihrer Sicht eine gute Idee?
Auslöser für unsere Programmreform war der Staatsvertrag. Im WDR gibt es drei Sender, die den Anspruch haben, junges Publikum zu adressieren: 1Live, Cosmo und 1Live Diggi, das ausschließlich auf DAB+ läuft. Wenn man sich diese drei Programme anschaut und den Abgleich mit der gesellschaftlichen Realität macht, muss man anerkennen, dass es eine Schieflage gibt. In NRW haben rund 40 Prozent der unter 30-Jährigen eine internationale Familiengeschichte. Mit der Programmreform von 1Live und Cosmo möchten wir ein klares Zeichen setzen, dass wir das sehen und die Diversität aus der publizistischen Nische herausholen.
Und das wollen Sie durch eine Zusammenlegung erreichen?
Diese Menschen haben ein Recht darauf, in allen jungen Programmen des WDR stattzufinden. Deshalb wird 1Live das Thema kulturelle Vielfalt stärker in seinem Programm berücksichtigen. Im Kern geht es uns darum, das, was Cosmo ausmacht – die publizistische Idee, der Anspruch, Vielfalt in ihrem Facettenreichtum abzubilden, unterschiedliche Perspektiven zu Wort kommen zu lassen – künftig in drei Sendern stattfinden zu lassen und nicht mehr in einem Programm, das eine Tagesreichweite von 1,1 Prozent hat. Wir sprechen hier von rund 160.000 Menschen. Zum Vergleich: Bei 1Live sind es knapp 2,4 Millionen.
Aber dem widerspricht doch, dass 1Live Street künftig nur Hip-Hop senden soll. Dafür werden Sie ja auch heftig kritisiert.
Ich nehme die Kritik sehr ernst. Uns wird vorgeworfen, dass wir die Vielfalt von Cosmo auf einen Hip-Hop-Sender reduzieren. Aber das ist nicht der Fall. Wir erweitern die inhaltliche Vielfalt von Cosmo auf weitere Angebote, weil es unser Anspruch ist, uns dieser gesellschaftlichen Realität nicht länger zu verschließen. Mein Ziel ist es, Menschen mit internationaler Familiengeschichte konsequent Angebote zu machen. Und dabei zur Kenntnis zu nehmen, dass diese Menschen – so wie wir alle – unterschiedliche Bedürfnisse haben und Medien anders nutzen als früher. Ich muss mich als Verantwortliche damit auseinandersetzen, dass das Konzept von Cosmo einzigartig klingt, aber dem Reality-Check nicht standhält. Wir erreichen das Publikum nicht. Deshalb haben wir gesagt: Weiter so macht keinen Sinn.
Cosmo mögen auch deshalb viele, weil die Musik anders ist als bei normalen Radiowellen, in denen sich alles sehr ähnelt. Das ist ein Alleinstellungsmerkmal. Warum geben Sie das auf?
1Live wird sich weiterhin dem Mainstream widmen. Inhaltlich werden wir das Thema kulturelle Vielfalt stärker verankern, aber die musikalische Ausrichtung von 1Live ändert sich erst einmal nicht. Das ist eine große Jugendkultur, geprägt von Dance, Pop und Mainstream. Dort fühlt sich auch migrantisches Publikum zu Hause – deshalb erreichen wir bereits jetzt die meisten jungen Menschen mit einer internationalen Biografie mit 1Live – und nicht mit Cosmo.
Wir erweitern die inhaltliche Vielfalt von Cosmo auf weitere Angebote, weil es unser Anspruch ist, uns dieser gesellschaftlichen Realität nicht länger zu verschließen
Aber für den Cosmo-Nachfolger bleibt dann nur Hip-Hop übrig.
Wenn man sich anschaut, welche großen Jugendkulturen es weltweit gibt, kommt man an Hip-Hop seit Jahrzehnten nicht vorbei. Das heißt nicht, dass wir ausschließlich Deutschrap senden. Wir wollen eine Mischung aus Hip-Hop, Rap, R&B, Afrobeats, Reggaeton spielen – ein Musikmix, der auch jetzt schon Cosmo prägt. Möglicherweise liegt es an unserer Entscheidung, 1Live als Dachmarke für alle drei Sender zu nutzen, dass spekuliert wird, wir würden Mainstream-Hip-Hop planen. Unser Anspruch ist, dass der Sender Credibility hat. Sonst wird er nicht erfolgreich sein.
Auch an dem neuen Namen 1Live Street gibt es Kritik, er wird rassistisch und klassistisch genannt. Was sagen Sie dazu?
Die Kritik ist sehr vielschichtig, deshalb zwei Gedanken. Erstens: Wem überlassen wir bestimmte Begriffe? Sind Streetculture, Streetart und Streetmode nicht eigentlich neutrale Begrifflichkeiten? Zweitens: Wir sind nicht so vorgegangen, dass sich zwei, drei Leute einen Namen ausgedacht haben. Wir haben, wie das bei solchen Prozessen üblich ist, unterschiedliche Namen in ein Testing mit der Zielgruppe gegeben. Wir haben gefragt: Wenn ihr euch einen Sender vorstellt, der sich Hip-Hop und urbaner Streetculture widmet, welchen Namen würdet ihr damit assoziieren? Bei dieser Umfrage haben wir die Gesellschaft abgebildet, wie sie ist. Die höchsten Assoziationswerte mit einem Hip-Hop-Programm hatte 1Live Street.
Wollen Sie an dem Namen festhalten? Man könnte ja auch sagen: Wir hatten eine andere Intention, aber wir merken, in einer breiteren Öffentlichkeit kommt das nicht so an, wie wir es gedacht haben.
Ich würde widersprechen, dass es von einer breiteren Öffentlichkeit nicht so wahrgenommen wird. Es gibt Menschen, die das kritisieren – und damit beschäftigen wir uns gerade.
Eine eigenständige Marke wie Cosmo an 1Live anzuhängen, verwässert doch so oder so das Profil.
Ich kann den Abschiedsschmerz nachvollziehen. Aber ich finde, es ist an der Zeit, diese Themen aus der Nische herauszutragen. Alle drei Sender werden gleichberechtigt sein. Wir machen das unter dem Label 1Live, weil 1Live schon jetzt die meisten Menschen mit internationaler Familiengeschichte erreicht und eine sehr erfolgreiche, junge Marke ist. Das ist Fakt. In Zeiten, in denen unsere Zielgruppe unsere Angebote überwiegend digital nutzt und die Konkurrenz immer größer wird, ist es wichtig, dass wir sichtbar bleiben. Da macht es aus unserer Sicht Sinn, unsere Kraft unter einer Marke zu vereinen. Ich verstehe, dass Cosmo auch Projektionsfläche ist, und es viel Symbolkraft hat, zu sagen, die Marke verschwindet. Auf der anderen Seite frage ich: Müsste nicht auch 1Live als Marke wahrgenommen werden, die kulturell vielfältig ist? Müsste das nicht der Anspruch sein?
Aber eine solche Entscheidung hat – gerade in diesen politisch angespannten Zeiten – eine nicht zu verkennende Wirkung.
Gerade angesichts der Tatsache, dass wir in Zeiten der Polarisierung leben, fände ich es verheerend, ein Programm, das auch eine große Symbolkraft hat, weiter zu betreiben und zu ignorieren, dass ich mit diesen wichtigen Inhalten nur 1,1 Prozent Tagesreichweite habe. Wir arbeiten mit Personalities wie etwa Tahsim Durgun schon jetzt unter dem Absender 1Live und nicht als Cosmo, weil das Menschen sind, die für einen Großteil unserer Zielgruppe eine wichtige Rolle spielen. Das war schon der Beginn des Wandels. Wir kommen aus Zeiten, in denen 1Live Events plakatiert hat, auf denen kein einziger Mensch mit Migrationsgeschichte zu sehen war. Diese Zeiten sind zum Glück vorbei. Aber jetzt müssen wir einen Schritt weitergehen.
Ich finde, es ist an der Zeit, diese Themen aus der Nische herauszutragen. Alle drei Sender werden gleichberechtigt sein
Und aus Cosmo 1Live Street zu machen, ist ein Schritt in die richtige Richtung?
In der Außenwahrnehmung kommt nur an: Man reduziert Cosmo. Aber unser Anspruch ist: In zwei Jahren werden alle drei Radiosender die kulturelle Vielfalt in NRW abbilden und alle drei werden unterschiedliche Jugendkulturen im Fokus haben.
Was ist mit der personellen Ausstattung? Bleibt sie gleich oder sparen Sie auch Stellen ein?
Der Etat und die Zahl der Festangestellten werden nicht verändert. Innerhalb des Programmbereichs kann ich Geld umschichten. Ich bekomme nicht mehr Stellen, und es werden mir auch keine weggenommen. Das Geld, das wir für Freie ausgeben, bleibt identisch. Möglicherweise werden wir, wenn wir das Thema Hip-Hop konsequent ins Radio bringen, auch mit neuen Kolleginnen und Kollegen arbeiten, und möglicherweise endet dann für einige Freie die Tätigkeit. Die Kolleginnen und Kollegen, die davon frühestens im April 2027 betroffen sein werden, erfahren das zeitnah.
Cosmo zeichnet auch die Inhalte in unterschiedlichen Sprachen aus. Davon werden viele wegfallen. Warum?
Auch hier war der Reality-Check ausschlaggebend. Wir haben uns angeschaut, ob wir mit dem, was wir machen, unser Publikum erreichen. Die Antwort ist: Nein, das tun wir nicht. Damit müssen wir uns als öffentlich-rechtliches Angebot, das Beitragszahlende finanzieren, auseinandersetzen. Ich halte es für den richtigen Weg, lieber weniger Angebote zu machen und die dafür richtig zu machen. Wir wollen unsere Kraft konzentrieren, um die großen Communities in Deutschland zu erreichen. Die Kritiker der Programmreform thematisieren stark, was mit den älteren Menschen mit Migrationsgeschichte ist, wo die im WDR bleiben. Die Idee ist, dass die Mitarbeitenden aus den Sprachangeboten und die, die fürs deutschsprachige Programm von Cosmo arbeiten, künftig dafür sorgen, dass diese Inhalte stärker im WDR insgesamt auftauchen.
Damit haben Sie die Frage vorweggenommen, was mit Leuten jenseits der 30 ist.
Es ist unsere Aufgabe als WDR, die Realität im Land in allen Programmen abzubilden. Ich finde es zielführend und wichtig, den WDR insgesamt zu verändern. Ich möchte erreichen, dass Vielfalt als Teil der gesellschaftlichen Normalität wahrgenommen wird. Das ist die Grundidee der Programmreform.
Die Kritik an der Reform ist groß. Was macht das mit Ihnen?
Die Veränderung wird nicht enden, wir stehen am Anfang. Aus der Kritik kann man ableiten, dass wir unsere Pläne möglicherweise nicht gut genug erklärt haben. Ich finde das, was wir tun, richtig und zielführend. Die Kritik finde ich teilweise nachvollziehbar, teilweise tauchen auch Fragen auf, die wir in den Prozess einfließen lassen. Ich will sie nicht wegwischen. Zwei Dinge sind mir aber wichtig: Symbolpolitik ist nicht die richtige Antwort auf die Herausforderungen der Zeit. Und mich macht traurig, dass ein Teil des Feedbacks sehr persönlich ist. Das Gespräch führte Anne Burgmer
Schiwa Schlei ist Leiterin der WDR-Radiosender 1Live und Cosmo. Im April 2027 wird Cosmo als eigene Marke verschwinden und durch 1Live Street ersetzt. Gegen die Pläne gibt es viel Protest, so hat eine Online-Petition zur Rettung von Cosmo mehr als 100.000 Unterschriften gesammelt, darunter auch von Stars wie Herbert Grönemeyer und Fatih Akin.

