Neuer SongXavier Naidoo verankert mit Pop rechtsextremes Gedankengut im Mainstream

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Xavier Naidoo am 1.Mai beim Tourauftakt der Söhne Mannheims im heimischen Mannheim.

Xavier Naidoo am 1.Mai beim Tourauftakt der Söhne Mannheims im heimischen Mannheim.

Köln – Pop und Populismus – geht das zusammen? Gehört das nicht sogar zusammen? Muss man sich wirklich noch wundern, wenn in einem Popsong auch mal der sogenannte gesunde Menschenverstand zum Mitsingen einlädt? Wissen Sie genau, was Stetson-tragende Countrysänger eigentlich so für Inhalte transportieren? Eben. Aber das hier ist nicht Amerika.

Nur ein von Amerika besetztes Land. Glauben zumindest die Protagonisten der verfassungsfeindlichen, zumeist rechtsextremen Reichsbürgerbewegung. Und der Popsänger Xavier Naidoo. Der ließ sich vor zwei Jahren im „Stern“ mit dem Satz zitieren: „Deutschland ist insoweit kein souveränes Land, wir sind nicht frei.“

Fragwürdig auf jeden Fall

Jetzt hat Naidoo mal wieder ein Lied mit einem vielleicht rechtsextremen, ziemlich sicher populistischen, mindestens aber höchst fragwürdigen Text veröffentlicht. Nicht als Solokünstler, sondern mit den Söhnen Mannheims. In deren Texten herrscht häufig religiöser Wirrwarr, doch gesellschaftlich engagierte sich die Band bislang unter anderem für sozial benachteiligte Kinder in Mannheim und für Amnesty International.

Für ihren Song „Marionetten“ aber – laut Band-Mitglied Henning Wehland ein „Appell zum Nachdenken“ – werden sie nun in rechten und rechtsradikalen Foren, bei den Identitären wie bei der NPD, gefeiert. Das ist kein Missverständnis. „Wie lange noch wollt ihr noch Marionetten sein?“, fordert Naidoo darin seine Hörer auf. „Seht ihr nicht? Ihr seid nur Steigbügelhalter.“ In der nächsten Strophe polarisiert er schon zwischen „ihr“ und „wir“: „Und weil ihr die Tatsachen schon wieder verdreht/ Werden wir einschreiten“. Woraufhin dem Sänger endgültig die Zügel durchgehen: Aus Volksvertretern werden „Volksverräter“ und „Volks-in-die-Fresse-Treter“, er droht mit dem „wütenden Bauern mit der Forke“ und „Pizzagate steht auch noch auf der Rechnung“, also die abstruse – und selbstredend widerlegte – Verschwörungstheorie, nach der Hillary Clinton und andere Politiker der Demokratischen Partei einen Kinderpornoring aus einer Washingtoner Pizzeria heraus betrieben haben.

Es gehe nur um den Dialog

Oder sehen wir Gespenster? Die Söhne wollen mit ihrem Song nur zum Dialog aufruhen, so Mitsänger Rolf Stahlhofen. Als rege so ein bisschen Staatsfeindlichkeit doch nur zum Nachdenken an: Mit antisemitischen Bildern – der Bankdirektor, der als Marionettenspieler die Fäden zieht ist ein gängiger judenfeindlicher Stereotyp (und hatte Naidoo nicht in einem früheren Lied schon dümmlich vom „Baron Totschild“ gereimt und damit die jüdische Bankiersfamilie Rothschild gemeint?).

Mit Pegida-Sprech von den Tatsachenverdrehern der „Lügenpresse“, von „Volksverrätern“. Mit – auch die bemüht Naidoo immer wieder – Kinderschändervorwürfen als ultimativer Gewaltrechtfertigung: „Wenn ich so ein’n in die Finger bekomme, dann reiß’ ich ihn in Fetzen/ Und da hilft auch kein Verstecken hinter Paragrafen und Gesetzen.“

Unterstützung von anderen Künstlern

Und dennoch sind es nicht nur die rechten Gesinnungsfreunde, die Naidoo und den Söhnen Mannheims beistehen. Mehr als 120 jedweden rechten Umtriebs unverdächtige Künstler – von Herbert Grönemeyer bis Jan Delay – hatten den Sänger 2015 nach seiner Ausladung vom ESC-Vorentscheid in einer Anzeige unterstützt, die der Konzertveranstalter Marek Lieberberg geschaltet hatte. Allerdings distanzierte sich Lieberberg kurz darauf von seinem eigenen Engagement, nach dem Naidoo ein Lied mit der Zeile „Muslime tragen den neuen Judenstern“ veröffentlicht hatte.

Tatsächlich ist es längst an der Zeit, Xavier Naidoo als populistischen Zündler und Demokratiefeind – wenn auch nicht als politische Stimme – ernst zu nehmen. Mit seinen auf Nachfrage schnell relativierten Provokationen verschiebt auf genau die gleiche Weise die Grenzen des Sagbaren wie die Rechtsausleger der AfD.

Rechtsextremistische Positionen im Mainstream-Programm

Nachdem der Mannheimer Oberbürgermeister Peter Kurz (SPD) Naidoo und seinen Söhnen zuerst „anti-staatliche Tendenzen“ vorgeworfen hatte, einigte er sich am Mittwoch mit dem Schiller-Plaketten-Träger auf ein „klärendes Gespräch“. Danach wird wohl alles wieder gut sein. Bis zum nächsten irrlichternden Songtext.

Xavier Naidoo bezeichnet sich als Wahrheitssuchender, dabei zündet er Nebelkerzen und rührt in Ressentiments. Er benutzt radiofreundliche Popmusik, um fundamentalistische und rechtsextremistische Positionen mitten im deutschen Mainstream zu verankern. Er gibt den freundlich-beseelten Wirrkopf, aber er ist schlau genug, zu erkennen, wie schlagkräftig die Verbindung von Pop und Populismus sein kann.

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