Ende der moralischen Autorität der katholischen Kirche
Das Münchner Gutachten und sein bestürzender Inhalt ist aus meiner Sicht der Auftakt zum Ende der moralischen Autorität der katholischen Kirche zu den Themen Liebe, Sexualität und Achtung vor Kindern. Noch einmal neu schmerzt es meine Altersgruppe (90) sich zu erinnern, mit welcher selbstgewissen Intensität sich die Kirche eine moralische Verurteilung ehelicher Liebe, Zärtlichkeit der Verliebten und Familienplanung in den 50er und 60er Jahren des letzten Jahrhunderts angemaßt hat. Bis heute mischt sich die Kirche verurteilend in die Familienplanung ein, in der Dritten Welt immer noch mit Erfolg. Diese traumatisierenden Prägungen bekommen jetzt einen verstörenden Echoraum und ziehen den Boden des Vertrauens zu den „Vermittlern der Moral“ endgültig weg. Was bleibt da am Ende eines langen römisch-katholischen Lebens? Fragen über Fragen.Rena KrebsKöln
Die Justiz schaut nur zu
Der Papst hat gelogen. Der vermeintlich Unfehlbare ist doch fehlbar. Die katholische Kirche hat Kindern unfassbares Leid zugefügt und nichts Besseres im Sinn gehabt, als dies auf allen Ebenen systematisch zu vertuschen und somit weiterhin zu ermöglichen. Höchstes Ziel war, das Ansehen der Kirche nicht zu belasten. Exakt das Gegenteil ist erfolgt. Dieses Verhalten ist nach meinem Dafürhalten menschenverachtend. Wie viele Gutachten braucht die Priesterkirche noch, damit die hochstudierten Würdenträger grundlegende Reformen zulassen?
Das Schlimme ist aber: Die deutsche Justiz guckt vergleichsweise weichgespült zu und der Staat unterstützt dieses katholische System, indem die Kirchensteuer vom Staat eingezogen wird und Bischöfe nach wie vor großzügig aufgrund längst überholter Verträge aus den Landeskassen bezahlt werden. Wann ist endlich Schluss damit? Ich stelle mir vor, die jetzt bekannten Skandale seien nicht innerhalb der katholischen Kirche passiert, sondern in der muslimischen. Wie aktiv wären Politik und Justiz dann gewesen?
Es nimmt kein Ende. Die Vorwürfe gegen die katholische Kirche sind offensichtlich und zurecht sehr massiv und weisen auf derart kriminelle Energien, auf Ignoranz bis zur Selbstverherrlichung hin, dass man sich als Christ ernsthaft fragt: Will ich noch dazu gehören? Wie konnte es soweit kommen? Beschämend und schmerzlich ist die Einsicht, dass Kleriker ihr persönliches Wohl über das Allgemeinwohl stellen. Dabei stehen sie im Dienst der Menschen.
Die Verteidigung eines Beschuldigten behauptet, dass der Täter „als Privatmann“ gehandelt habe. Das gibt es aber so nicht. Ein Priester ist durch die Weihe in ein Amt eingetreten, dass ihn zum Kirchenmann, zum Vertreter Gottes auf Erden macht. Er kann nicht mehr Privatmann sein. Jeder assoziiert mit ihm den Kirchenvertreter, zu jeder Zeit und in jeder Situation. Das ist der Sinn des Priesteramtes, genauso wie das der Ordensleute – das weiß ich, weil ich selbst lange Jahre Ordensschwester gewesen bin.
Andernfalls würden diese Kirchenleute ja nur eine Rolle spielen und ihre Religiosität nicht ernst meinen. Nach dem Motto: Heute habe ich mal keine Lust auf Selbstdisziplin, heute lasse ich mich gehen. Hybris wurde schon im Alten Testament – etwa im Zusammenhang mit dem Turmbau zu Babel – von Gott bestraft. Wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt werden und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden. So steht es im Lukasevangelium. Vielleicht ist die Erniedrigung nun eingeläutet worden. Es scheint an der Zeit.Maria ZensKöln
Anlässlich der Veröffentlichung des Münchner Missbrauchsgutachtens protestierten Demonstranten mit der Plastik „Der Hängemattenbischof“ gegen die zähe Aufarbeitung von Missbrauchsskandalen in der katholischen Kirche.
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Für die Trennung von Staat und Kirche – jetzt!
Wer ist wirklich überrascht von dem Ergebnis des Münchner Missbrauchsgutachtens? Es ist mittlerweile klar, dass es sich hier nicht um Verfehlungen einzelner Personen handelt, sondern um Systemversagen bis auf höchster Ebene. Was für München gilt, gilt schon lange für Köln und die ganze Kirche. Ich erwarte von unseren Volksvertretern, die nebenbei in NRW bald wiedergewählt werden wollen, dass sie sich von so einer Institution öffentlich distanzieren.
Kann so eine Institution gemeinnützig sein? Darf sie den besonderen Schutz des Grundgesetzes genießen? Darf sie staatlich gefördert werden? Ich bin für die Trennung von Staat und Kirche – jetzt! Alles, was strafrechtlich greifbar geblieben ist, muss verfolgt werden, auch und insbesondere bei der Involvierung staatlicher Stellen. Es muss endlich Schluss sein mit der Kumpelwirtschaft und gegenseitiger Vertuschung!Wolfgang TriesKöln
Rücktritte unumgänglich
Wer glaubte, das Ende der Fahnenstange hinsichtlich römisch-katholisch-kirchlicher Fehlleistungen sei erreicht, hat sich wohl gründlich verrechnet. Einen emeritierten Papst auf so breiter Front der Lüge zu bezichtigen und mehr noch zu überführen, wird die Akzeptanz der katholischen Kirche als seriöse moralische Instanz wohl endgültig scheitern lassen. Wem kann ich noch meine Sünden beichten und wie kann mich ein Stellvertreter des Papstes von meinen Sünden befreien, der womöglich selbst gegen einen Teil der Zehn Gebote verstößt?
Das wird die Säulen der Kirche mehr erschüttern als die unsäglichen Zustände unter Meisner und Woelki. Und wer sehnt sich nach Letztgenanntem zurück? Dieses Kapitel dürfte nun endgültig erledigt sein. Ich wage vorauszusagen, dass demnächst mindestens zwei Kardinäle in den (un)verdienten Ruhestand gehen. Eine nochmalige Ablehnung der Rücktritte wird sich der mit Abstand unentschlossenste und inkonsequenteste Papst nicht mehr leisten können.Eugen WeisEngelskirchen
Das Gutachten der Münchner Anwaltskanzlei Westpfahl Spilker Wastl zu Fällen sexuellen Missbrauchs im Erzbistum München und Freising umfasst vier Bände.
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Da kann auch keine „Kirche von unten“ dran rütteln
Als langjähriger Katholik verwundern mich die Zustände, die jetzt endlich unverblümt aufgezeichnet wurden, nicht. Ich war stets tief mit der Kirche verbunden, weil ich sie lange als die legitime Nachfolge im Apostolat angesehen habe. Nachdem ich geschieden wurde und damit automatisch exkommuniziert war, musste ich mir eingestehen, dass meine Ahnungen mich nicht getäuscht hatten und der Heiligenschein des Klerus an vielen Stellen bröckelt.
Die Denkfehler in vielen Dogmen, etwa die Ohrenbeichte mit Absolution der Sünden, treten gerade jetzt offen zutage. Die Herren haben Dreck am Stecken und sind von Mitbrüdern freigesprochen worden. Deshalb müssen sie jetzt auch nichts mehr bereuen, bekennen, Buße tun oder sich gar bei den Opfern entschuldigen. Mir tun die vielen Menschen leid, die in der Kirche ihre spirituelle Heimat haben, ich selbst habe die Trennung über Jahre als sehr schmerzhaft empfunden.
Aber spirituelles Wachstum tut manchmal weh, und es wird besonders denen weh tun, die als Laien glauben, die Kirche von unten herauf reformieren zu können. Wer sich mit den 245 Dogmen der römischen Kirche befasst, wird feststellen, dass da keine „Kirche von unten“ dran rütteln kann. Ich bin fest davon überzeugt, dass auch dieser Donner bald verhallt und man in Rom so weitermacht wie bisher.Gottfried Josef RemagenNettersheim