Leserbriefe zur Winnetou-DebatteWer bestimmt, wer was zu welchem Thema sagen darf?

Karl Mays Werke sind in zahlreichen Ausgaben erschienen.
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Schluss mit der „Zensur- und Verbotsunart“
Ihren Redakteuren Christian Bos und Miriam Keilbach muss ich aufs Schärfste widersprechen! Wie Herr Spilcker zutreffend ausführt, war das Indianerbild von Karl May ein spannendes Fantasieprodukt mit einer sehr positiven Charakterisierung der indianischen Stämme und kein Geschichtsbuch für Grundschüler. Ohne Indianerspielen im Nippesser Tälchen in Köln und Indianerbüchern wäre mein Interesse für das Schicksal unserer „roten Brüder“ nie geweckt worden.
Es führte dazu, dass ich mich später politisch für bedrohte Minderheiten einsetzte, sei es im Rahmen der Indianerhilfe Köln, für die Mapuche-Indianer in Chile, die Roma und Sinti oder die Saharauis in der Westsahara. Im Gegensatz zu den meist Indianer-freundlichen Büchern standen die US-Wildwest-Filme, die mit John Wayne überwiegend ein sehr negatives Bild von Indianern als Schlächter weißer Siedler und hinterlistigen Typen zeichneten.
Wir sollten mit unserer Zensur- und Verbotsunart aufpassen! Nicht nur, dass sie wie hier Kindern die Kindheit rauben will, sondern unter dem pauschalen Vorwurf des Rassismus soll Kulturerbe getilgt werden. Verlage und Autoren arbeiten schon mit dem „Messer im Kopf“. Die Gefahr ist groß, dass eine noch derber geführte Kulturzerstörung irgendwann zu einer Bücherverbrennung wie im Jahr 1933 führt. Und das gilt es auf jeden Fall zu verhindern! Manfred Nünke Troisdorf
Karl-May-Bücher sind eindeutig rassistisch
In meiner Jugend kurz nach dem Krieg las ich einige Bücher von Karl May und hätte gern mehr davon gehabt, wenn sie für mich erreichbar gewesen wären. Jetzt sind sie gemeinfrei, und ich konnte in den letzten Jahren meiner damaligen kindlichen Begeisterung ein wenig auf den Zahn fühlen. Ich habe völlig andere Bücher gelesen. Karl May ist als Old Shatterhand oder Kara Ben Nemsi ein eitler Selbstdarsteller, der alles kann, dem alles gelingt und der sich dafür pausenlos von anderen dafür loben lässt.
Indianer, Araber oder Mitglieder anderer Völker unterteilt er ständig in Gute und Böse und scheut sich auch nicht, Religionen als Ursache dafür anzugeben. Er verherrlicht das Christentum, als habe es nie Verbrechen in dessen Namen gegeben, und sieht im Islam nur Hass und Blutrache, etwa in „Im Lande des Mahdi“. Neger, wie man damals sagte, behandelt er mit wohlwollender Herablassung.
Die Bücher sind also auch als fiktive Abenteuererzählungen aufgrund der durchschimmernden Einstellung des Autors eindeutig rassistisch, auch wenn das einem jugendlichen Leser, der der Spannung verfällt, nicht auffallen mag. Das ist historisch und man muss es so stehen lassen. Man kann sich nur wünschen, dass einer, der heute noch Karl May liest, kritisch dafür gerüstet ist.
Aber wer liest überhaupt noch Karl May? Ich habe den Eindruck, dass der Bezugspunkt in der gegenwärtigen Diskussion oft nur die späteren Filme mit Pierre Brice und Lex Barker sind. Die sind schon meilenweit vom Original entfernt, und ich war zu dieser Zeit wohl schon „zu erwachsen“, um darin mehr als kitschig-seichte Unterhaltung zu sehen, Rassismus hin oder her. Natürlich kann man Literatur verfilmen, aber hier war mir die Anbiederung an ein möglichst unkritisches Publikum zu offensichtlich.
Kommerzielles Denken ist wohl die Ursache dafür, dass man auf den Gedanken kam, die Marke Winnetou, die sich schon als Original-Lektüre und in zahlreichen Filmen bewährt hatte, erneut gewinnbringend anzuzapfen. Diese Trittbrettfahrerei stört mich mehr als der mutmaßliche, in naiver Weise damit eingehandelte Rassismus! Also weg damit!Dieter Ratzke Bergisch Gladbach
Wer bestimmt, wer was zu welchem Thema sagen darf?
Die Entscheidung des Ravensburger Verlags, die Bücher zum neuen Winnetou-Filmzurückzuziehen, stellt einen weiteren großen Punktsieg für die Verfechter der Identitätspolitik dar, deren Einfluss an Universitäten, in Medien, im Kulturbetrieb bis hin zur Politik seit Jahren stetig zunimmt. Für diesen Befund gibt es mittlerweile zahllose Belege. Unter dem Banner des Kampfes gegen Rassismus, Sexismus und dergleichen mehr wird eine Hetzjagd auf alles betrieben, was nicht der eigenen „reinen Lehre“ zu entsprechen scheint: Filme, Bücher, Autoren, Universitätslehrkräfte, Klassiker der Literatur, sogar Frisuren oder Namen wie Immanuel Kant oder Robert Koch sind nicht mehr sicher.
Dieser identitätspolitische Reinigungsfuror, der insbesondere in den USA schon seit längerer Zeit massiv wütet und zunehmend auch bei uns um sich greift, hat mit dem berühmten Traum eines Martin Luther King, dass eines Tages alle Menschen nicht mehr nach ihrer Hautfarbe, sondern allein nach ihrem Charakter beurteilt werden, nur noch wenig zu tun. Es geht in Wirklichkeit um Diskurshoheit, darum zu bestimmen, wer was zu welchem Thema sagen darf, es geht letztlich um Einfluss und Macht. Diese Art von Identitätspolitik spaltet die Gesellschaft, spielt rechten Kräften in die Hände und führt – man denke allein an das gruselige Schlagwort der „kulturellen Aneignung“ – geradewegs in eine geistige und kulturelle Sackgasse.
Der „Kölner Stadt-Anzeiger“ sollte diese gefährliche Entwicklung endlich einmal genauer beleuchten, doch stattdessen versieht sie einen Kommentar wie den von Christian Bos zum Winnetou-Film mit der Überschrift „So etwas gehört nicht ins Kino“. Ein Film darf (und sollte) natürlich in sachlicher Form kritisiert werden. Aber haben Sie einmal gründlich darüber nachgedacht, was eine solche Überschrift letztlich im Kern bedeutet? Für die Zukunft lässt das Schlimmes erahnen.Georg Haiduk Köln
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Lesern mehr Urteilsvermögen zutrauen
Sehr geehrter Herr Bos, wären Sie früher öfter um das Stoff-Tipi getanzt, dann hätten Sie vielleicht andere Worte gewählt. Auch wenn Sie engagiert für ein Verkaufsverbot der Bücher zum Winnetou-Kinofilm argumentieren, sollten Sie diejenigen, die eine andere Auffassung vertreten, nicht auf Kind gebliebene Möchtegern-Indianer reduzieren. Das wird der Sache in keiner Weise gerecht. Ja, ich habe als Kind mit Begeisterung Karl-May-Bücher gelesen und Winnetou-Filme geschaut. Ja, ich hatte als Kind ein Winnetou-Kostüm und die geliebte Silberbüchse, und ich wollte immer stolz und edelmütig möglichst viel Gutes tun.
Und dann war ich so interessiert an der Geschichte und den unterschiedlichen Kulturen der indigenen Völker Amerikas, dass ich Sachbücher darüber gelesen habe und dadurch, abgesehen von einem großen Respekt, einen realistischen Einblick bekommen habe. Nehmen Sie den Kindern und Jugendlichen von heute nicht die Chance, diesen Weg auch so zu gehen und trauen Sie ihnen bitte etwas mehr Urteilsvermögen und Fantasie zu. Ich bin froh, dass ich diese gedankliche Freiheit damals hatte.Britta Burgmann Bornheim
Ungerechtigkeiten und Diskriminierungen bewusst machen
Die Frage, die Axel Spilcker zum Schluss aufwirft, war vor kurzem Thema einer Englischstunde in einer 8. Klasse. Warum ist der Begriff „Indianer“ politisch nicht korrekt?„Indianer“ war und ist kein Schimpfwort. Doch es ist die irrige Ausdrucksweise von Kolumbus und verkennt im Gegensatz zu anderen Bezeichnungen die Tatsache, dass, knapp und kindgerecht formuliert, diese Menschen zuerst da waren. Davon abgesehen ist „Indianer“ eine übergeordnete Bezeichnung indigener Völker. Das sind „Native/First Americans“, „First Nations“, „Alaska Natives“ oder „Aborigines“ letztlich auch, doch wird hier versucht, die Historie und vor deren Hintergrund selbstredend die vielschichtigen katastrophalen Folgen der Gegenwart zu achten.
Eine ganz andere Frage, auch von Herrn Spilcker, ist, ob das den Betroffenen irgendetwas nutzt. Auch Begriffe wie die kanadischen „First Nations“ stammen von Weißen, sind nicht unbelastet und nehmen oft keine ethnische Zuordnung vor. Und nein, sie ändern nichts an der Tragik und am Trauma nicht nur der Ureinwohner Nordamerikas, sondern der aller anderen genannten sowie weiterer Länder. Da stimme ich Herrn Spilcker zu. Doch sie sind, bestenfalls, ein Versuch der Würde, wo jegliche Würde genommen wurde.
Teils von Kolonialisten eingeführte Sammelbezeichnungen, die unterschiedliche Völker und Ethnien sowie geschichtliche, politische und geographische Hintergründe außer Acht lassen, sind über die „Indianer“ hinausgehend der Grund, warum beispielsweise auch „Eskimo“ und „Zigeuner“ in der Diskussion standen und stehen. Mit „Eskimos“ werden die indigenen Völker Sibiriens, Alaskas, Kanadas und Grönlands pauschalisiert, und auch die Bedeutung des Wortes an sich sowie die häufig verwendete vermeintliche Alternative „Inuit“ ist nicht für alle Volksgruppen der Nordpolargebiete akzeptabel und identitätsstiftend.Katja Zillekens Köln

Die Karl-May-Festspiele in Bad Segeberg zeugen von der ungebrochenen Anziehungskraft der Figur „Winnetou“. Hier eine Szene aus der diesjährigen Premiere von „Der Ölprinz“.
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Fiktionale Werke wie „Winnetou“ müssen nicht der Realität entsprechen
Der Autor Christian Bos vertritt in seinem Beitrag einen naiven, aber auch problematischen Standpunkt, teilweise geraten hier Fiktion und Realität durcheinander. Die Grundregel jeder Kritik, einen Text immer nach dem Zeitgeist zu beurteilen, darf nicht außer Acht gelassen werden. Winnetou ist, wie alle Helden bei Karl May, eine Fantasiefigur, seine spannenden Abenteuer sind am Schreibtisch entstanden, in der Realität haben sie nie gelebt. Deshalb sind Realitätsnachweise, wie Herr Bos sie fordert, völlig unangebracht.
Karl May wollte mit seinen spannenden Kinder- und Jugendgeschichten keine wissenschaftlichen Beiträge über das Leben der Indianer verfassen. Wenn Herr Bos diesen Anspruch an die Geschichten von Winnetou und andere Gestalten der Romane legt, ist Winnetou kein geeigneter Lesestoff für ihn. Dass er die Haltung des Ravensburger Verlags billigt, die Begleitbücher zum Film vom Markt zu nehmen, finde ich enttäuschend. Sollten wir nicht alle jubilieren, wenn Kinder lesen?
Dass ein Verlag wegen Meinungsterror einiger politischer Ideologen in die Knie geht, verstehe wer will. Solchem Meinungsterror muss schnellstens Einhalt geboten werden, wenn die Meinungsfreiheit nicht auf der Strecke bleiben soll. Wenn ab sofort alle Schriften, etwa aus der Kolonialzeit, auf rassistische Inhalte geprüft werden sollen, müssten sie umgeschrieben oder aus dem Verkehr gezogen werden. Dass sie historische Zeitzeugnisse sind und Quellencharakter haben, bliebe unbeachtet.
Sich kritisch mit solchen Texten auseinandersetzen, ist gefordert. Aber bitte Maß halten –bei Winnetou diese Strenge anzuwenden, ist dumm und lächerlich. Wir sollten den Kindern das Winnetou-Lesevergnügen gönnen und auch den Tanz um das Tipi im Garten.Peter Hopstein Köln
„Besserwisser wollen ihre Ansichten anderen unterjubeln“
Da haben die „Guten“ schon wieder etwas gefunden, was rassistisch ist. Dieses Mal sind es Winnetou-Bücher! Vorher waren es Mohrenkopf, Mohrenstraße etc. Wer sind diese Leute, die immer irgend etwas nicht in Ordnung finden und ihre Ansichten lautstark kund tun? Das Schlimmste ist, dass sich ihnen immer wieder genügend Leute anschließen – egal worum es geht. Ich glaube, dass sehr viele Besserwisser ihre Ansichten Mitmenschen unterjubeln wollen, und langsam, aber sicher macht sich die Dummheit in den Köpfen breit. Mir reicht dieses Getue, als sei hier in Deutschland so viel verkehrt. Ich glaube eher, dass es in den Köpfen dieser Leute wabert.Renate Schnorrenberg Euskirchen



