Nach dem Abbruch bei Christa Pike: 11 weitere Fälle zeigen, wie oft US-Hinrichtungen an Pannen, Zweifeln und Unrecht scheiterten.
Christa Pike HinrichtungDiese 11 Fälle zur US-Todesstrafe werfen bis heute Fragen auf

Christa Pike überlebt zwei Giftspritzen: Der Gouverneur von Tennessee hat eine umfassende Untersuchung angeordnet. Vorerst sollen keine weiteren Todesurteile in dem US-Bundesstaat vollstreckt werden. (Archivbild)
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Der Abbruch der Hinrichtung von Christa Pike, die wegen der Ermordung der 19-jährigen Colleen Slemmer zum Tode verurteilt wurde, rückt die Praxis der US-Todesstrafe erneut in den Fokus. Technische Pannen bei Exekutionen, später aufgehobene Schuldsprüche und Hinrichtungen von Menschen, die ihre Tat als Minderjährige begangen haben, begleiten das System seit Jahrzehnten.
Solche Fälle führten immer wieder zu juristischen Auseinandersetzungen, Untersuchungen und vorübergehenden Vollstreckungsstopps. Über Jahrzehnte wurden Hinrichtungen angefochten, Verfahren neu aufgerollt und die rechtlichen Grenzen der Todesstrafe vor Gericht verhandelt. Das Death Penalty Information Center, Amnesty International und die American Civil Liberties Union dokumentieren zahlreiche dieser Fälle und Entwicklungen.
Thomas Creech: Acht Versuche für einen Venenzugang
Thomas Creech sollte am 28. Februar 2024 im US-Bundesstaat Idaho durch eine Giftspritze hingerichtet werden. Der 73-Jährige war wegen des Mordes an dem Mithäftling David Jensen zum Tode verurteilt worden. Das Hinrichtungsteam scheiterte jedoch achtmal daran, einen funktionierenden Venenzugang zu legen. Mehrfach wurde an Armen, Händen und Beinen versucht, eine Vene zu finden.

Thomas Creech: Seine Hinrichtung musste nach 58 Minuten abgebrochen werden – er sitzt weiter im Todestrakt. (Archivbild)
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Nach rund 58 Minuten wurde die Hinrichtung abgebrochen. Creech blieb damit am Leben und sitzt seitdem weiter im Todestrakt. Nach dem gescheiterten Hinrichtungsversuch sagte er, er habe fest mit seinem Tod gerechnet. Besonders belastet habe ihn der Anblick seiner verängstigten Ehefrau während der gescheiterten Exekution. „Ich habe fest damit gerechnet, dass ich an diesem Tag sterbe“, sagte Creech später. „Ich bin kein Heiliger oder Engel. Ich habe schlimme Dinge getan, Menschen verletzt und meiner Familie wehgetan. Das tut mir sehr leid.“
Angel Nieves Díaz: Die Giftspritze versagte – 34 Minuten bis zum Tod
Am 13. Dezember 2006 endete das Leben von Angel Nieves Díaz im Florida State Prison. Er wurde dort durch eine Giftspritze hingerichtet, nachdem er wegen eines tödlichen Raubüberfalls auf eine Bar in Miami zum Tode verurteilt worden war. Bei dem Überfall im Dezember 1979 war der Bar-Manager Joseph Nagy erschossen worden. Díaz beteuerte bis zuletzt seine Unschuld.

Angel Nieves Díaz wurde wegen eines tödlichen Raubüberfalls auf eine Bar in Miami zum Tode verurteilt. (Archivbild)
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Bei der Exekution ging gleich mehrfach etwas schief. Nach der ersten Medikamentendosis bewegte Díaz sich weiter, verzog das Gesicht und schien Worte formen zu wollen. Weil die erste Dosis nicht zum Tod führte, wurde ein zweiter Medikamentenzyklus verabreicht. Insgesamt dauerte die Hinrichtung 34 Minuten. Bei der Obduktion wurden große chemische Verletzungen an beiden Armen festgestellt, die mit der fehlerhaften Verabreichung der Medikamente in das Gewebe in Verbindung gebracht wurden.
Troy Davis: Neun Zeugen belasteten ihn – sieben änderten ihre Aussagen
Ein Fall, der auch nach Jahrzehnten besonders umstritten bleibt: Troy Davis wurde 1991 im US-Bundesstaat Georgia wegen des Mordes an dem Polizisten Mark MacPhail zum Tode verurteilt. MacPhail war 1989 in Savannah erschossen worden, als er einem Obdachlosen zu Hilfe kommen wollte. Davis bestritt bis zu seinem Tod, der Täter gewesen zu sein. Eine Tatwaffe oder andere eindeutige forensische Beweise, die ihn mit dem Mord verbanden, gab es nicht.

Gegner der Todesstrafe protestieren im September 2011 gegen die Hinrichtung von Troy Davis in Jackson, Georgia, USA. (Archivbild)
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Neun zentrale Zeugen hatten Davis bei der Verhandlung belastet. Sieben von ihnen widerriefen später ihre Aussagen oder änderten ihre Darstellung; einige erklärten, bei ihren ursprünglichen Aussagen von der Polizei unter Druck gesetzt worden zu sein. Auch ein anderer Mann geriet als möglicher Schütze in den Fokus. Der Fall sorgte international für Proteste. Zu den prominenten Unterstützern eines Gnadengesuchs gehörten unter anderem der frühere US-Präsident Jimmy Carter und Papst Benedikt XVI.
Am 21. September 2011 wurde Davis im Gefängnis von Jackson durch eine Giftspritze hingerichtet. Bis zuletzt beteuerte er seine Unschuld. Sein Fall löste weltweit Diskussionen über die Gefahr von Fehlurteilen bei der Todesstrafe aus und wurde zu einem der bekanntesten Fälle dieser Art in den USA.
Teresa Lewis: IQ von 72 – doch die Schützen bekamen lebenslang
Seit der Wiedereinführung der Todesstrafe 1976 wurden in den USA insgesamt nur 18 Frauen hingerichtet – Teresa Lewis war eine von ihnen. Sie wurde 2010 in Virginia hingerichtet, obwohl ihr Fall bereits vor der Exekution für erhebliche Kontroversen gesorgt hatte. Lewis hatte 2002 die Ermordung ihres Ehemanns Julian und ihres erwachsenen Stiefsohns Charles mitveranlasst. Die beiden Männer, die die Opfer tatsächlich erschossen, erhielten lebenslange Haftstrafen. Lewis bekannte sich schuldig und wurde zum Tode verurteilt.

Seit der Wiedereinführung der Todesstrafe 1976 wurden in den USA insgesamt nur 18 Frauen hingerichtet – Teresa Lewis war eine von ihnen. (Archivbild)
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Besonders umstritten war ihr geistiger Zustand. Ein Psychologe hatte bei Lewis einen IQ von 72 festgestellt, ein späteres Gutachten kam auf 70. Bei einem IQ von 72 liegt die geistige Leistungsfähigkeit deutlich unter dem Durchschnitt. Der Durchschnittswert liegt bei 100. Ihre Anwälte verwiesen zudem auf ihre leichte Beeinflussbarkeit und weitere psychische Probleme. Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International forderten deshalb, die Hinrichtung zu stoppen. Auch aus den USA und Europa gab es Gnadengesuche.
Am 17. September 2010 lehnte Virginias Gouverneur Robert McDonnell eine Begnadigung ab. Sechs Tage später wurde Lewis im Alter von 41 Jahren durch eine Giftspritze hingerichtet. Ihr Fall gilt als besonders umstritten, weil die beiden Männer, die die tödlichen Schüsse abgaben, lebenslang im Gefängnis blieben, während Lewis für ihre Beteiligung an den Morden hingerichtet wurde.
Dennis McGuire: Neue Medikamente sorgten für qualvolle Minuten
Die Hinrichtung von Dennis McGuire im US-Bundesstaat Ohio sorgte 2014 für breite Diskussionen. Er war wegen der Vergewaltigung und Ermordung der schwangeren 22-jährigen Joy Stewart zum Tode verurteilt worden.

Die Hinrichtung von Dennis McGuire im US-Bundesstaat Ohio sorgte 2014 für breite Diskussionen. (Archivbild)
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Bei seiner Exekution am 16. Januar 2014 kam erstmals ein neuer Medikamentencocktail zum Einsatz. Die Hinrichtung dauerte rund 25 Minuten. McGuire zeigte dabei deutlich sichtbare körperliche Reaktionen und rang nach Luft. Der Fall löste eine Debatte über den Einsatz nicht ausreichend erprobter Medikamente bei Hinrichtungen aus.
Clayton Lockett: Todeskampf dauerte 43 Minuten
Clayton Lockett sollte 2014 im US-Bundesstaat Oklahoma durch eine Giftspritze hingerichtet werden. Er war wegen Mordes, Entführung und Vergewaltigung zum Tode verurteilt worden. Eines seiner Opfer wurde von seinen Komplizen lebendig begraben. Bei der Exekution am 29. April 2014 gelang es dem Hinrichtungsteam jedoch nicht, einen funktionierenden Zugang zu einer Vene herzustellen.

Clayton Lockett wurde 2014 unter anderem für den Mord an der 19-jährigen Stephanie Michelle Neiman hingerichtet. (Archivbild)
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Die Medikamente wurden schließlich über einen Zugang in der Leiste verabreicht. Kurz nach Beginn der Hinrichtung zeigte Lockett deutliche körperliche Reaktionen: Er bewegte sich, hob den Kopf, atmete schwer und sprach. Der verantwortliche Gefängnisleiter brach die Hinrichtung nach rund 33 Minuten ab, nachdem ein Problem mit dem Zugang festgestellt worden war. Lockett starb jedoch etwa zehn Minuten später an einem Herzinfarkt. Insgesamt waren seit Beginn der Exekution rund 43 Minuten vergangen.
Der Fall löste in den USA eine breite Debatte über Hinrichtungsmethoden und die Geheimhaltung der verwendeten Medikamente aus. Oklahoma setzte weitere Hinrichtungen vorübergehend aus und ließ den Ablauf untersuchen. Eine staatliche Untersuchung stellte später unter anderem Fehler beim intravenösen Zugang und bei der Überwachung des Verfahrens fest.
Napoleon Beazley: Mit 17 Jahren zum Tode verurteilt
Napoleon Beazley war erst 17 Jahre alt, als er 1994 in Tyler im US-Bundesstaat Texas den Geschäftsmann John Luttig bei einem fehlgeschlagenen Autoraub erschoss. 1995 wurde er wegen Mordes zum Tode verurteilt. Der Fall sorgte international für Proteste, weil Beazley zum Tatzeitpunkt minderjährig gewesen war.
Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International forderten, die Hinrichtung zu verhindern. Auch der zuständige Richter und weitere Personen sprachen sich für eine Begnadigung aus. Im August 2001 entging Beazley seiner Hinrichtung nur wenige Stunden vor dem angesetzten Termin.
Ein Jahr später wurde das Todesurteil jedoch vollstreckt: Am 28. Mai 2002 erhielt der inzwischen 25-Jährige die tödliche Injektion. Erst 2005 entschied der Oberste Gerichtshof der USA im Fall „Roper v. Simmons“, dass die Todesstrafe für Menschen, die ihre Tat vor ihrem 18. Geburtstag begangen haben, verfassungswidrig ist. Das Urteil kam für Beazley zu spät.
Carlos DeLuna: Ein anderer Mann soll der wahre Mörder gewesen sein
Carlos DeLuna wurde 1983 wegen des Mordes an der Tankstellenmitarbeiterin Wanda Lopez in Corpus Christi im US-Bundesstaat Texas zum Tode verurteilt. DeLuna beteuerte von Anfang an, nicht der Täter zu sein. Er nannte einen anderen Carlos als Mörder: Carlos Hernandez, einen Mann, der ihm verblüffend ähnlich sah.
Am 7. Dezember 1989 wurde DeLuna im Alter von 27 Jahren durch eine Giftspritze hingerichtet. Mehr als 20 Jahre später rollten Forscher der Columbia Law School den Fall erneut auf und werteten Hunderte Dokumente, Zeugenaussagen und Ermittlungsunterlagen aus.
Ihr Ergebnis: Die Beweislage spricht laut einem Bericht des „Spiegel“ stark dafür, dass DeLuna unschuldig war und Carlos Hernandez die 1983 ermordete Wanda Lopez tatsächlich getötet hatte.
Romell Broom: Hinrichtung wurde abgebrochen – er starb an Covid-19
Romell Broom sollte am 15. September 2009 im US-Bundesstaat Ohio durch eine Giftspritze hingerichtet werden. Das Hinrichtungsteam scheiterte jedoch immer wieder daran, einen funktionierenden Venenzugang zu legen. Über zwei Stunden wurde an seinen Armen und Beinen nach einer geeigneten Vene gesucht. Dabei wurde Broom rund 20-mal mit Nadeln gestochen.
Schließlich brach der Gouverneur die Hinrichtung ab. Broom kehrte in den Todestrakt zurück und blieb dort bis zu seinem Tod im Dezember 2020. Er starb an den Folgen einer Covid-19-Erkrankung.
Anthony Ray Hinton: 30 Jahre unschuldig im Todestrakt
Anthony Ray Hinton wurde 1985 im US-Bundesstaat Alabama wegen zweier Morde zum Tode verurteilt. Die Anklage stützte sich maßgeblich auf ein ballistisches Gutachten, dem zufolge die Projektile vom Tatort aus einem Revolver aus dem Haus seiner Mutter stammten. Hinton beteuerte stets seine Unschuld.

Am 3. April 2015 kam Hinton nach fast 30 Jahren im Todestrakt frei. (Archivbild)
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Am 3. April 2015 kam Hinton nach fast 30 Jahren im Todestrakt frei. Die Staatsanwaltschaft ließ die Anklage fallen, nachdem neue Untersuchungen die Verbindung zwischen der Tatmunition und seiner Waffe nicht bestätigen konnten. Sein Fall gilt als eines der bekanntesten Beispiele für eine Fehlverurteilung in den USA. Hinton schilderte seine Erfahrungen später in dem Buch „The Sun Does Shine“.
Sean Sellers: Der jüngste Hingerichtete wegen einer Tat, die er als Minderjähriger beging
Mit gerade einmal 16 Jahren beging Sean Richard Sellers in Oklahoma drei Morde. 1985 erschoss er den Ladenangestellten Robert Paul Bower. Im folgenden Jahr tötete er seine Mutter Vonda Bellofatto und seinen Stiefvater Paul „Lee“ Bellofatto. Sellers erklärte später, er habe die Taten unter dem Einfluss einer gespaltenen Persönlichkeit begangen. Die Staatsanwaltschaft folgte dieser Darstellung nicht. Im Alter von 17 Jahren wurde Sellers wegen der drei Morde zum Tode verurteilt.

Am 4. Februar 1999 wurde Sellers im Alter von 29 Jahren durch eine Giftspritze hingerichtet. Sellers hatte im Alter von 16 Jahren seine Mutter und seinen Stiefvater sowie einen Verkäufer ermordet. (Archivbild)
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Mehr als zwölf Jahre saß er anschließend im Todestrakt. Sein Alter zum Zeitpunkt der Taten wurde zu einem zentralen Argument der Gegner seiner Hinrichtung. Menschenrechtsorganisationen protestierten international und forderten, das Todesurteil nicht zu vollstrecken. Seine Anwälte schöpften die juristischen Möglichkeiten aus, doch der Oberste Gerichtshof der USA lehnte seine letzten Rechtsmittel ab. Am 4. Februar 1999 wurde Sellers im Alter von 29 Jahren durch eine Giftspritze hingerichtet.
Bis heute gilt Sellers als jüngster Mensch, der nach der Wiedereinführung der Todesstrafe 1976 in den USA für eine als Minderjähriger begangene Tat hingerichtet wurde. Insgesamt wurden bis zum Grundsatzurteil „Roper v. Simmons“ im Jahr 2005 noch 22 Menschen für Taten exekutiert, die sie vor ihrem 18. Geburtstag begangen hatten. Mit diesem Urteil erklärte der Supreme Court die Todesstrafe für solche Taten für verfassungswidrig.
